Fussball

Dennis Aogo im Interview: "Robben hatte es nicht nötig, sich auf mein Niveau herabzulassen"

Von Daniel Nutz
Dennis Aogo spielte beim FC Schalke 04 mit Leroy Sane zusammen.

Dennis Aogo spielte in der Bundesliga für den SC Freiburg, den Hamburger SV, Schalke 04 und den VfB Stuttgart. Nach einer glücklosen Station bei Hannover 96 ist der 33-Jährige seit Januar vereinslos. Im Interview mit SPOX und Goal verrät er, wieso er ohne Christian Streich beim SC Freiburg vom Internat geflogen wäre, wie ein Magier beim HSV für den Umschwung sorgen sollte und weshalb er am Abend des WM-Titels zu tief ins Glas schaute.

Außerdem spricht er über bittere Lehrstunden eines Bayern-Stars und einen heutigen Premier-League-Spieler, den sogar Faserrisse nicht vom Spielen abhielten.

Herr Aogo, Sie sind mit sieben Jahren zum Karlsruher SC gewechselt. Haben Sie damals schon von einer Karriere als Fußballprofi geträumt?

Dennis Aogo: Ich habe unglaublich gerne Fußball gespielt, hatte aber nie im Kopf, unbedingt Fußballer werden zu müssen. Das war eher bei meinem Vater der Fall, da er seinerzeit Drittligaspieler in Nigeria und leidenschaftlicher Fußballfan war. Als absehbar war, dass ich ähnliche Interessen habe, war die Freude bei ihm riesig. Zur Jugendzeit war ich KSC-Fan und habe auch in der passenden Bettwäsche geschlafen. Im Sommer haben mich meine Eltern quasi nie gesehen, weil ich ständig Fußball gespielt habe.

Warum sind Sie als KSC-Fan im Alter von 13 Jahren nach Mannheim gewechselt?

Aogo: Das hatte familiäre Gründe. Meine Eltern haben sich getrennt und mein Vater arbeitete beim US-Stützpunkt in Mannheim. Da ich nach der Trennung bei ihm gewohnt habe, hat sich Waldhof Mannheim einfach angeboten. Es war eine coole und erfolgreiche Zeit, auch wenn es in Sachen Infrastruktur im Vergleich zum KSC eine komplett andere Welt war.

Inwiefern?

Aogo: In Mannheim spielten wir beispielsweise auf Ascheplätzen, vor allem im Sommer waren die brutal hart und unglaublich staubig. Generell waren die Bedingungen alles andere als perfekt, aber mit unserer Truppe haben wir im süddeutschen Raum auch durch den Gewinn der süddeutschen Meisterschaft für Aufsehen gesorgt. Das hat mir geholfen, da es persönlich keine einfache Zeit war.

Inwiefern?

Aogo: Ich hatte an der Trennung meiner Eltern zu knabbern, zudem lebte ich tagsüber bei einer Gastfamilie, da mein Vater seiner Arbeit nachgehen musste. Dort habe ich nach der Schule gegessen und meine Hausaufgaben erledigt. Wenn du mit 13 deinen kompletten Freundeskreis zurücklassen musst und deine Geschwister bei deiner Mutter in Karlsruhe bleiben, geht das an einem Kind nicht spurlos vorbei.

Freiburger Internat? "Marschierten abends los, um Unfug anzustellen"

Sportlich haben Sie überzeugt, sodass der SC Freiburg auf Sie aufmerksam wurde.

Aogo: Schon damals waren Scouts der Profiklubs überall unterwegs. Zudem habe ich während meiner Jugend jeden Jahrgang in den Junioren-Nationalmannschaften durchlaufen. Dort steht man besonders im Fokus und man hat mich damals angesprochen, ob ich mir nicht einen Wechsel nach Freiburg ins Fußballinternat vorstellen könnte.

Dort haben Sie wieder alleine gelebt.

Aogo: Ja, das war vielleicht auch ein Grund, wieso ich nicht immer der Musterschüler gewesen bin.

Erzählen Sie.

Aogo: Ich musste als Jugendlicher viel verkraften, deshalb gab es auch bei mir eine Phase der Rebellion, in der ich meine Grenzen testete. Wenn 16 Jungs in pubertärem Alter zusammenkommen, ist es doch klar, dass auch die eine oder andere Dummheit gemacht wird. Ich kann mich daran erinnern, dass wir abends oft einfach losmarschierten, um Unfug anzustellen. Einmal füllten wir eine Wassertonne bis oben hin mit Dreck. Diese lehnten wir danach an eine fremde Haustür. Dann klingelten wir und rannten weg. Sie können sich ja vorstellen, was passierte, als die Tür aufging.

Durften Sie abends einfach um die Häuser ziehen?

Aogo: Es gab Zeiten, zu denen wir wieder im Internat sein mussten, daran habe ich mich aber selten gehalten. Auch die Schule wurde des Öfteren geschwänzt, oder es gab kleinere Schlägereien mit anderen Jungs. Dinge, die in der Pubertät eben vorkommen können.

Sind Sie mit diesem Verhalten angeeckt?

Aogo: Es gab eine Regelung, die besagte, dass Internatsspieler nach drei Abmahnungen rausgeworfen werden. Ich brauchte deutlich mehr Chancen und bin Christian Streich heute noch dankbar, dass er mir diese gegeben hat. Er war damals Internatsleiter und hat in mir etwas gesehen, das andere nicht gesehen haben und mir deshalb immer wieder eine weitere Chance gegeben. Während andere rausflogen, wurde an mir immer festgehalten.

Was macht Christian Streich so einzigartig?

Aogo: Er ist positiv verrückt. Einerseits ist er brutal hart und fordert extrem viel ein, andererseits kann er zwischenmenschlich sehr weich sein. Eine solche Mischung gibt es extrem selten. Das ist auch der Grund, warum ich ihn als Entwickler von jungen Talenten noch prädestinierter sehe im Vergleich zu seinen Aufgaben als Bundesliga-Trainer. So wie ich ihn kennenlernen durfte, passt der Job als Bundesliga-Coach aufgrund der Anforderungen gar nicht so gut zu ihm und seinen Idealen. Nichtsdestotrotz hat er sich auch dort gut zurechtgefunden und beweist das mit seinen Erfolgen.

Hat er Sie auch abseits des Fußballplatzes als Mensch geformt?

Aogo: Zur Internatszeit hat er sich allgemein sehr um den Menschen hinter dem Fußballer gekümmert. Die Schulbildung hing immer mit dem Sport zusammen, oftmals wurde versucht, über den Sport die schulischen Leistungen zu pushen, indem mir Trainingseinheiten untersagt wurden, weil ich in der Schule Mist gebaut hatte. Im Freiburger Internat liefen wir uns ständig über den Weg. Er und unsere Pädagogin Stefanie von Mertens nahmen sich viel Zeit für mich. In unzähligen Gesprächen versuchten sie hartnäckig, an mir und meiner Persönlichkeit zu arbeiten, um mich auf den richtigen Weg zu bringen. Ich werde nie vergessen, wie wir alle gemeinsam - auch mit meinem Vater und seiner damaligen Lebenspartnerin - in einem Raum saßen und zusammen geweint haben.

Was war passiert?

Aogo: Sie hatten einfach Mitgefühl, weil sie wussten, dass ich als junger Bursche schon viel durchmachen musste. Gleichzeitig hatten sie das Gefühl, mit mir nicht weiterzukommen, nachdem ich wieder etwas angestellt hatte.

Aogo über Freiburg-Abschied: "Hatte das Gefühl, den richtigen Zeitpunkt verpasst zu haben"

Hat Christian Streich Ihrer Meinung nach das Zeug für einen größeren Klub?

Aogo: Wenn ich ehrlich bin, hätte ich nach meinen damaligen Erfahrungen nicht gedacht, dass er Bundesliga-Trainer wird, weil er sich immer treu bleibt und sich nicht verbiegen lässt. Heute macht er einen super Job. Inwiefern er sich weiterentwickelt hat und somit auch bei einem Top-Klub erfolgreich sein könnte, kann ich aus der Ferne nicht beurteilen.

2004 feierten Sie ihr Debüt in der Bundesliga gegen den HSV, vier Jahr später wechselten Sie zu den Rothosen. Rückblickend der richtige Wechsel im richtigen Moment?

Aogo: Ich hatte zwischenzeitlich das Gefühl, den richtigen Zeitpunkt verpasst zu haben. Mein Aufstieg bei den Profis war kometenhaft, Volker Finke hat mich mit 17 fast in jedem Spiel aufgeboten. Als junger Spieler denkt man dann natürlich sofort, die große, weite Welt stehe einem offen. In meinem zweiten Jahr hatte ich nach dem Abstieg zu kämpfen und konnte die Erwartungen nicht immer erfüllen. Da kamen Zweifel auf, den Absprung verpasst zu haben. Unter Robin Dutt ging es für mich persönlich aber wieder bergauf.

Wie kam es zum Umschwung?

Aogo: Ich hatte mich mit einem Wechsel beschäftigt, aber Dutt überzeugte mich davon, dass in Freiburg etwas aufgebaut werden soll und er komplett auf mich setzt. Dieses Vertrauen hat sich in meinen Leistungen widergespiegelt, auch wenn es mit dem Aufstieg nicht geklappt hat. Danach konnte ich dennoch aus einer starken Position zum HSV gehen.

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