Formel 1

Es riecht wieder nach Krieg der Sterne

Von Dominik Geißler
Nico Rosberg und Lewis Hamilton kollidierten bereits in der ersten Runde
© imago

Der Große Preis von Spanien endete für Mercedes in einem Desaster: Formel-1-Weltmeister Lewis Hamilton und Nico Rosberg kollidierten bereits nach wenigen hundert Metern, der Crash weckt Erinnerungen. Die Schuldfrage bleibt ungeklärt, eine Ursache könnte aber Rosbergs Motor sein. Den Silberpfeil-Bossen stehen schwierige Zeiten bevor.

15. Mai in Barcelona, 16.30 Uhr. Nico Rosberg und Lewis Hamilton betreten das Büro der Rennstewards. Für das Mercedes-Duo heißt es nach ihrer Kollision nun eine halbe Stunde lang Rede und Antwort stehen. Dann folgt das Urteil der Kommissare: Rennunfall. Beide Piloten werden freigesprochen.

Was genau war zuvor passiert? Rosberg überholte Hamilton kurz nach dem Start, der Weltmeister versuchte vor Kurve vier zu kontern, ehe Rosberg ihn aufs Gras drängte. Hamilton geriet ins Schleudern und riss seinen Teamkollegen mit ins Aus. Doppelausfall Mercedes.

"Das ist inakzeptabel!", polterte Aufsichtsratsboss Niki Lauda noch während des Rennens, das Max Verstappen später gewinnen sollte: "Die Hauptschuld geht an Lewis. Nico hat seine Position verteidigt, ihn trifft weniger Schuld. Wieso in der zweiten Kurve? Bei einem Grand Prix, der so lang geht, ist das vollkommen unnötig."

Belgien 2.0

Sofort wurden Erinnerungen an Belgien 2014 wach: Ebenfalls in Führung liegend gerieten die beiden Silberpfeile aneinander, Rosberg schlitzte Hamilton den Reifen auf und zerstörte damit das Rennen beider. "Das Manöver war Harakiri", schimpfte Motorsportchef Toto Wolff damals über Rosberg. Es war der Höhepunkt des viel zitierten "Kriegs der Sterne".

Seitdem ist die Rivalität der einstigen Freunde zwar nicht kleiner geworden, etwaige Zwischenfälle blieben aber aus - bis zu diesem Großen Preis von Spanien. "Ich meine, der Unfall hätte von beiden Seiten vermieden werden können. Es ist schwierig der Schuld Prozente zuzuweisen. Beide waren natürlich sehr bestürzt", übte sich Wolff diesmal in Diplomatie.

Hamilton wollte die Verantwortung für die Kollision nicht übernehmen, bat aber um Verzeihung. "Ich habe mich beim Team entschuldigt", sagte der Engländer: "Das sorgt für den meisten Frust: Wenn ich an all die Jungs denke, die so hart arbeiten und mir die Möglichkeiten verschaffen, Rennen zu fahren. Für sie nichts auf das Trapez zu bringen."

Falsches Motorsetting bei Rosberg

Einen Schuldigen auszumachen, gestaltet sich dabei in der Tat schwierig. Natürlich war Hamiltons Manöver übermotiviert und vielleicht sogar etwas kopflos. Er war es letztlich auch, der Rosberg abschoss. Andererseits machte der WM-Führende sehr spät die Tür zu und drängte Hamilton so auf die Wiese.

Uneinigkeit herrscht daher auch bei den Experten. "Meiner Meinung nach hat es Lewis an der falschen Stelle falsch probiert", sagte Ex-Formel-1-Fahrer Gerhard Berger bei Motorsport-Total.com. Sir Jackie Stewart pflichtete dem Österreicher bei, dass Rosberg "nichts falsch gemacht" und Hamilton ein "Riesenfauxpas" begangen habe. Jacques Villeneuve kritisierte hingegen den Deutschen. "Lewis hat aufgeholt und Nico hat einfach zu spät blockiert. Die Schuld lag also bei Nico", urteilte der Weltmeister von 1997.

Doch warum konnte Hamilton zwischen Kurve drei und vier überhaupt so schnell auf Rosberg aufholen? Die Antwort: eine falsche Motoreinstellung beim gebürtigen Wiesbadener. "Nico hatte das falsche Setting, sodass er weniger Energie als gewöhnlich zur Verfügung hatte und nach Kurze drei Leistung verlor", erklärte Wolff. In den Onboard-Aufnahmen kann man sehen, wie Rosberg einen Knopf am Lenkrad drückt, ehe ein rotes LCD aufblinkt. 17 km/h verlor er dadurch auf Hamilton, wie die Stewards bei ihrer Untersuchung feststellten.

Neubeginn des Kriegs der Sterne?

Dieses Wissen macht das Desaster für Mercedes natürlich nicht weniger erträglich. Anstatt einen Doppelsieg einzufahren, war das Rennen schon nach wenigen hundert Metern zu Ende - und 43 WM-Punkte verloren.

Darüber hinaus dürften sich die Mercedes-Bosse Sorgen machen, dass der "Krieg der Sterne" wieder neu entfacht. Bei der Dominanz, die die Stuttgarter noch immer besitzen, wäre das fatal. Weder Ferrari noch Red Bull scheinen aus eigener Kraft, ernsthaft gefährlich werden zu können. Der Konkurrenz die Punkte zu schenken, ist da umso dramatischer.

Doch: Eine Teamorder kommt für Wolff nicht in Frage. "Wir haben uns seit Spa 2014 weiterentwickelt und es war damals eine ganz andere Situation im Team", erklärt der Österreicher die Entscheidung: "Als wir uns dazu entschieden haben, sie frei fahren zu lassen, war klar, dass so etwas passieren könnte. Wir werden sie auch weiterhin racen lassen."

Mercedes will Stärke zeigen

Eine gute Nachricht für alle neutralen Formel-1-Fans. Man darf gespannt sein, wie Hamilton und Rosberg reagieren, wenn sie sich das nächste Mal auf der Strecke treffen. Ob sie Vernunft walten lassen oder erneut volles Risiko gehen.

Klar ist nämlich auch, dass es sich Hamilton kaum erlauben kann, weitere Punkte herzuschenken. Der Rückstand in der Fahrerweltmeisterschaft beträgt immer noch 43 Punkte auf Rosberg, mittlerweile ist sogar Kimi Räikkönen am amtierenden Champion vorbeigezogen.

Gelingt nicht bald die Kehrtwende, mutiert die Titelverteidigung mehr und mehr zur Mammutaufgabe - und die eigentlich schon dementierten Gerüchte um ein mögliches Sabbatjahr 2017 würden wieder aufkochen. Immerhin: Durch den Freispruch der Stewards erhält Hamilton, der in dieser Saison bereits zwei Verwarnungen gesammelt hat, keine Strafe für den Monte-Carlo-GP.

Bis zu diesem Rennen gilt es für Mercedes jetzt erstmal, wieder Ruhe ins Team zu bekommen. "Wir hatten bereits in den letzten Rennen durch viele Hochs und Tief hindurch einen tollen Kampfgeist. Das hier ist nur eine weitere Möglichkeit für uns, zu demonstrieren, dass wir auch diese schwierigen Umstände durchstehen", zeigte sich Wolff noch am Sonntag motiviert für das anstehende Rennen im Fürstentum.

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