Formel 1

Aus Spannung wird Lebensgefahr

Von Alexander Maack
Am Mercedes von Lewis Hamilton löste sich in Silverstone einer von fünf Hinterreifen in Luft auf
© getty

Schon zum zweiten Mal verblasst der Sieg von Nico Rosberg angesichts einer Reifendiskussion. Beim Großen Preis von Großbritannien war Mercedes auf Augenhöhe mit dem Red-Bull-Team von Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel. Nach der vierfachen Reifenexplosion in Silverstone steht Pirelli unter Druck, kann aber endlich Änderungen einführen.

Red Bull hatte den Sieg seines Dreifachweltmeisters beim Heimrennen im "Home of British Motor Racing" schon fest eingeplant. "Sebastian hat alles richtig gemacht. Das war unheimlich schade", sagte Teamchef Christian Horner über den Getriebeschaden seines inoffiziellen Nummer-1-Fahrers kurz vor Ende des Rennens.

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Während der 39-Jährige am Kommandostand die Hände über dem Kopf zusammenschlug, als Vettel an der Boxenmauer ausrollte und die Führung an Rosberg abgab, richtete der Dreifachweltmeister seinen Blick schon auf den Großen Preis von Deutschland. "Ich schätze, wir müssen nächstes Jahr wieder herkommen und es nochmal versuchen. Es ist gut, dass es nicht lange bis zum nächsten Rennen dauert", sagte er anschließend.

Ferrari und Lotus zurückgefallen

Zwar war dem 25-jährigen Heppenheimer die Enttäuschung anzusehen, angesichts der Probleme der härtesten WM-Konkurrenz dürfte sein Blick sich aber aufhellen. Fernando Alonso haderte trotz des dritten Platzes in Silverstone mit der Entwicklungsarbeit von Ferrari, Lotus verschenkte wichtige Punkte durch die Fehlentscheidung, Kimi Räikkönen in der zweiten Safety-Car-Phase keine neuen Reifen zu geben.

Mittlerweile schwingt sich aber auch Mercedes auf, wieder in den Titelkampf einzugreifen. "Wir sind wirklich extrem schnell im Qualifying und werden auch im Rennen immer schneller und schneller. Heute hatten wir mit das schnellste Auto", freute sich Rosberg nach seinem zweiten Sieg in dieser Saison.

Mercedes hat das Auto der Stunde

Die Silberpfeile haben in den letzten drei Rennen nach dem illegalen Test in Barcelona 99 Punkte eingefahren und sich auf Platz zwei der Konstrukteurs-WM vorgearbeitet. Red Bull (88) und Ferrari (51) holten nach dem Spanien-GP weniger Punkte. "Unsere aktuelle Performance hat nichts mit dem Reifentest zu tun", betonte Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff trotzdem.

Wie schon in Monaco wurde Rosbergs Triumph von den Vorfällen um Reifenhersteller Pirelli überlagert. An vier Autos platze während des Großbritannien-Grand-Prix der linke Hinterreifen. Zuerst erwischte es Rosbergs Mercedes-Teamkollegen Lewis Hamilton in der achten Runde. "Das finde ich schade für alle britischen Fans", so Rosberg: "Es wäre ein großartiges Rennen vor seinem Heimpublikum gewesen."

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Die Kritik der Fahrer war nach den Vorfällen unmissverständlich. "Ich dachte: 'Ich will mein Leben nicht riskieren für diesen verdammten Reifen'", sagte Hamilton. Nach dem Polesetter ereilte auch Felipe Massa, Jean-Eric Vergne und Sergio Perez ein ähnlicher Reifenschaden.

Button: "Extrem gefährlich für alle"

"Das muss aufhören! Das ist gefährlich - bei 300 Sachen ist das extrem gefährlich für alle", meinte McLarens Ex-Weltmeister Jenson Button: "Erst sagte man mir im Funk, dass die Schäden in Kurve vier entstehen würden. Aber ich antwortete: 'Nein, es passiert überall!'"

Sauber-Pilot Esteban Gutierrez ereilten ebenfalls Probleme. "Mein vorderer linker Reifen war delaminiert", gab der mexikanische Rookie zu Protokoll: "Das ist etwas, was man sich anschauen muss - aus Sicherheitsgründen und auch, um ein Rennen zu vermeiden, das von Reifen bestimmt wird." Sein Teamkollege Nico Hülkenberg musste mit einem schleichenden Plattfuß auch einen zusätzlichen Boxenstopp einlegen.

Pirelli schließt Probleme durch neuen Kleber aus

Dabei hatte Pirelli extra vor dem Großen Preis von Großbritannien die Produktionsweise der Reifen umgestellt, um zu verhindern, dass sich die oberste Gummischicht von der Karkasse löst. "Wir können ausschließen, dass er neue Bonding-Prozess, den wir bei diesem Rennen eingeführt haben, der Grund für die Reifendefekte ist", erklärte Pirelli-Motorsportdirektor Paul Hembery prompt.

Allerdings fällt auf, dass die Reifen am Sonntag beinahe explodierten, während sich vor der Umstellung der Produktion auf eine neue Verklebung einfach die Lauffläche ablöste. "Es könnte sein, dass ein Aspekt der Strecke die neueste Version unserer 2013er Reifen besonders beeinflusst", sagte Hembery. Weil Pirelli eigentlich zuerst die Reifenfetzen untersuchen wollte, brach er das Gespräch mit den Medienvertretern bereits nach einer Minute ab.

Wurz: "Können nach Hause gehen und Kekse backen"

Trotzdem musste Pirelli direkt nach dem Rennen beim Präsidenten des Automobilweltverbandes FIA, Jean Todt, Stellung beziehen. Hembery verschwand danach durch den Hinterausgang. "Wenn ein High-Performance-Reifen die Belastungen bei so flachen Randsteinen nicht aushält, sollten wir alle nach Hause gehen und Kekse backen", wetterte Ex-F1-Fahrer Alexander Wurz.

Am Nürburgring wird nun ein weiteres Meeting folgen, das der Franzose persönlich einberufen hat. Neben Hembery und Vertretern aller Rennställe soll auch Renndirektor Charlie Whiting anwesend sein. Der Sicherheitsbeauftragte stand schon während in Silverstone kurz davor, das Rennen abzubrechen.

Whiting brach Rennen fast ab

"Es war ziemlich nah an einer roten Flagge", bestätigte der Brite: "Die ganzen Teile wegzuräumen, brachte die Streckenposten in Gefahr und das ist nicht zufriedenstellend." Erst beim letzten Rennen in Kanada war ein Marshal gestorben.

Nun fordern die Fahrer schnelle Änderungen. "Das hätte schon vor zwei Rennen passieren sollen. Dort wurde die Konstruktion der Reifen aus Gründen der Sicherheit verändert - aus keinem anderen Grund", klagte Button in seiner Funktion als Vorsitzender der Fahrergewerkschaft GPDA: "Die Situation ist seit Wochen so. Beim vergangenen Rennen hatten wir einfach nur Glück, dass es keine solchen Schäden gegeben hat. Hier gab es gleich fünf solcher Fälle. Sergio hatte auch am Samstag einen solchen Vorfall."

Lauda: "Es reißt dir das Genick ab"

Der Frust ist verständlich. Platzt bei 300 Stundenkilometer der Reifen, droht nicht nur dem Fahrer der Einschlag in eine Begrenzungsmauer, auch die umherfliegenden Teile werden zur Gefahr. "Da kannst du tot sein! Wenn dir das bei den Geschwindigkeiten auf den Sturzhelm knallt, reißt es dir das Genick ab. Das unterschätzt hier jeder", echauffierte sich Mercedes-Aufsichtsratschef Niki Lauda.

Felipe Massa fiel bereits 2009 für ein halbes Jahr aus, nachdem ihn in Budapest eine Stahlfeder von Rubens Barrichello am Helm erwischt hatte. "Mir ist das heute wieder passiert, als Perez sein Problem mit den Reifen hatte", sagte der 32-jährige Brasilianer: "Ich hoffe, dass sie das Problem bis Spa lösen. Wenn man ein Problem in Eau Rouge hat, weiß man nicht, was passiert."

Das Problem: Die Lösung schlummert seit Wochen in den Pirelli-Lagern. Schon beim Kanada-GP wollten die Italiener überarbeitete Hinterreifen mit einem Kevlarring an den Schultern einsetzen. Weil das Reglement vorschreibt, dass alle Teams einer solchen Änderung zustimmen müssen, scheiterte der Plan. Lotus und Ferrari blockierten ihre Einführung. Auch Force India wollte die Reifen erst testen, um keinen Nachteil aus haltbareren Slicks zu ziehen.

Lauda fordert Regelbruch

Für den dreifachen Weltmeister Lauda steht nun fest, dass sich der Reifenhersteller nun über die Bestimmungen hinwegsetzen muss: "Man muss zu allen Teams sagen: 'Regeln hin oder her, wir bringen nach Budapest andere Reifen.'" Einen einfachen Ausweg gibt es schon: Die Italiener dürfen sicherheitsrelevante Änderungen ohne Zustimmung der Rennställe vornehmen.

Dass dieser Fall jetzt eingetreten ist, dürfte unbestritten sein, auch wenn die einwöchige Pause bis zum Rennen auf dem Nürburgring zu kurz für Änderungen ist. "Das Ablösen der Laufflächen hat keine Auswirkungen auf die Sicherheit. Kein einziger Pneus hat die Luft verloren", ließ sich Hembery vor Wochen in einer Pressemitteilung zitieren. Das Platzen eines Reifens dafür umso mehr.

Red Bull und Ferrari wollen mit Stammfahrern testen

Der dreitätige Young Driver Test in diesem Monat auf dem Silverstone Grand Prix Circuit muss neue Erkenntnisse bringen. Ferrari und Red Bull haben ihre Chance erkannt. "Aktuell ist er für junge Fahrer angesetzt, aber vielleicht sollten wir ihn für aktuelle oder Testfahrer öffnen", erklärte Teamchef Horner. Sie seien in der Lage Pirelli detaillierteres Feedback zu geben. "Ich würde auch sagen, dass wir die Stammfahrer einsetzen", erklärte Ferraris Stefano Domenicali.

Nico Hülkenberg im Exklusiv-Interview: "Dir wird nichts geschenkt"

Bei der FIA sind die Verantwortlichen mittlerweile allen Ideen gegenüber aufgeschlossen, damit das Fiasko von Silverstone sich nicht mehr wiederholt. Charlie Whiting bestätigte die Möglichkeit der Änderung der Testtage am Sonntag mit einem simplen "Ja". Gespräche haben schon stattgefunden.

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