Formel 1

Formel 1 - Analyse zum Österreich-GP: Vettel muss sich an die eigene Nase fassen

Von Christian Guinin
Sebastian Vettel erlebte in Spielberg einen Nachmittag zum Vergessen.

Das erste Formel-1-Rennen seiner Abschieds-Saison für Ferrari mutiert für Sebastian Vettel zum Debakel. Beim Großen Preis von Österreich kommt der Deutsche nicht über Rang zehn hinaus und schimpft im Anschluss über die Scuderia. Die Kritik ist dabei in Teilen gerechtfertigt, primär muss sich Vettel aber an die eigene Nase fassen.

Es war ein Wochenende zum Vergessen. Nicht nur musste Sebastian Vettel zusehen, wie Erzrivale Mercedes in Person von Valtteri Bottas den ersten Sieg im Jahr 2020 einfuhr und seinem Scuderia-Boliden im Renntrimm deutlich überlegen war. Auch von Teamkollege Charles Leclerc, der im Gegensatz zu ihm eine tadellose Leistung an den Tag legte und am Ende auf Rang zwei landete, wurde der Heppenheimer geschlagen.

Deutlich waren dementsprechend die Worte, die ein sichtlich frustrierter Vettel nach Rennende gegenüber seinem Noch-Arbeitgeber fand. "Ich bin froh, dass ich mich nur einmal gedreht habe", kritisierte der 33-Jährige gegenüber Sky vor allem die die Fahrbarkeit seines Autos. "Wir werden uns das anschauen. Es war heute sehr schwierig. Ich habe mein Bestes versucht, und offensichtlich hat uns das Safety-Car geholfen. Es war zum Ende recht unterhaltsam, aber nicht das Ergebnis, das ich wollte."

Den Crash mit McLaren Pilot Carlos Sainz in Runde 31, der ihn ans Ende des Feldes zurückfallen ließ und ihm jede Chance auf eine Top-Platzierung nahm, beschrieb der Heppenheimer als "schwierig und recht eng. Ich war am Limit, weil ich einfach so nah wie möglich dran sein wollte, und verlor das Heck. Aber das ist heute ehrlicherweise ein paar Mal passiert. Von daher bin ich wie gesagt froh, dass es nur einmal passiert ist."

Kritik, die aufgrund von Vettels derzeitiger Situation nicht verwunderlich ist, gleichwohl aber ungewöhnlich deutlich ausfällt. Mit Sicherheit ist der SF1000 in dieser Saison - das war schon bei den ersten offiziellen Tests im Februar in Barcelona abzusehen - kein Auto, das um den WM-Titel mitfahren kann, weshalb Teile dieser Kritik wohl ihre Berechtigung haben. Dennoch muss Vettel nach seinem verkorksten Wochenende in Spielberg primär seine eigene Leistung hinterfragen.

Sebastian Vettel: Individuelle Fehler keine Seltenheit mehr

Schon am Samstag verpasste der 33-Jährige durch einen individuellen Fahrfehler in Kurve eins den Sprung ins dritte Qualifying-Segment, das Manöver gegen Sainz tags darauf kann man im besten Fall als übermotiviert einstufen.

Fehler, die sich in den vergangenen Jahren zusehends häuften, dabei den Heppenheimer ein ums andere Mal um bessere Platzierungen brachten und letztlich auch mitverantwortlich für die Beendigung der Zusammenarbeit mit dem italienischen Traditionsrennstall zum kommenden Jahr sind. Zu oft, so scheint es, geht Vettel zu aggressiv in direkte Zweikämpfe, sticht, wie beim Sainz-Vorfall, übermotiviert in letzter Sekunde in die Kurve oder unterschätzt schlichtweg den Bremsweg des eigenen Boliden.

"Es war heute sicher nicht sein tollstes Rennen", befand auch Ferrari-Teamchef Mattia Binotto im Anschluss. "Ich denke, er hat sich mit dem Auto und der Balance des Autos nicht wohl gefühlt. Was den Dreher angeht, war das keine tolle Aktion von ihm. Dessen ist er sich bewusst. Ich denke, es ist schade, denn heute wäre es wichtig gewesen, Punkte zu erzielen, insbesondere wenn das unseren direkten Konkurrenten nicht gelingt", sagte Binotto bei Sky.

Schumacher und Rosberg mit heftiger Kritik an Vettel

Ex-F1-Pilot Jenson Button sieht die Schuld ebenfalls klar beim Deutschen: "Das war ein ziemlich peinlicher Dreher", sagte der Sky-UK-Experte. "Ich habe mich eigentlich immer für Seb stark gemacht, aber das war einer, auf den er zurückschauen und über sich selbst sehr verärgert sein wird."

Noch deutlicher wurden Ralf Schumacher und Nico Rosberg. Für Schumacher sei der Fehler "eine Sache, die einem Nachwuchsfahrer passieren sollte - aber nicht Sebastian. Ich weiß auch nicht, was manchmal in ihm vorgeht." Rosberg sprach gegenüber RTL von einer "eklatanten Fehleinschätzung". Die Versuche von Vettel, sich nach dem Rennen rauszureden empfand der Ex-Weltmeister als "ernüchternd. Er sagt, Ferrari wird höchstens Sechster oder Siebter, aber sein Teamkollege ist Zweiter."

Dass es mit dem, speziell auf den Geraden, unterlegenen Ferrari nämlich auch anders laufen kann, zeigte ausgerechnet Vettels Teamkollege Charles Leclerc am Sonntag eindrucksvoll. Zwar sprach auch dieser von einer "großen Überraschung" und fehlender Rennpace, legte aber im Gegensatz Deutschen ein absolut fehlerfreies Wochenende hin und belohnte, auch mit etwas Glück, seine Leistung mit Rang zwei.

Vettels einzige Chance 2021 bleibt Mercedes

Dabei müsste der Heppenheimer gerade in diesem Jahr eigentlich Ergebnisse liefern. Schließlich geht es um nicht weniger als seine Zukunft in der Königsklasse des Motorsports. Und die Optionen sind rar. So wird der 33-Jährige seine Karriere kaum in die Länge ziehen, nur um in einem Mittelfeldteam den Branchengrößen hinterherzufahren. Die einzig attraktive und realistische Lösung scheint ein Cockpit bei Mercedes zu sein.

"Ein Außenseiter-Kandidat" sei Vettel für 2021, sagte deren Motorsportchef Toto Wolff dazu unlängst, "niemand, zu dem ich sofort nein sagen würde". Allerdings ist die erste Option für Silber nach wie vor die seit Jahren funktionierende Paarung aus Weltmeister Lewis Hamilton und Valtteri Bottas.

Der Finne ist auf der einen Seite ein grundsolider Nummer-2-Fahrer, der für das Team genügend Punkte in der Konstrukteurs-Meisterschaft sammelt, Hamilton im Kampf um den Fahrer-Titel aber nicht ernsthaft gefährden kann. Der Brite hingegen will um jeden Preis den Rekord von Michael Schumacher - siebenmal Weltmeister zu werden - brechen. Abseits von Mercedes scheint dieses Unterfangen derzeit mit keinem anderen Team möglich zu sein.

Leistungen wie die in Spielberg sind für Vettel daher nicht unbedingt ein Bewerbungsschreiben für ein weiteres Jahr in der Formel 1.

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