Fussball

Philipp Hosiner im Interview: "Manchmal wird ein Sündenbock gesucht"

Philipp Hosiner im Trikot des Chemnitzer FC
© getty

Philipp Hosiners Karriere ist eine Achterbahnfahrt. Im Interview mit SPOX Österreich spricht der Stürmer des Chemnitzer FC über seine erstaunliche Torquote, ein verkorkstes Jahr beim SK Sturm und vegane Ernährung.

Philipp Hosiner kennt die Höhen und Tiefen im Fußball-Geschäft. Mit 32 Toren und zehn Vorlagen in 36 Ligaspielen schoss der Angreifer aus Eisenstadt die Wiener Austria in der Saison 2012/2013 zum Meistertitel. Für zwei Millionen Euro wechselte der heute 30-Jährige zu Stade Rennes und durfte in der Bretagne das große Talent von Ousmane Dembele aus nächster Nähe miterleben.

Doch der Wind sollte sich drehen. Während Hosiners Medizincheck beim 1. FC Köln entdeckte der Internist einen zwei Kilo schweren, bösartigen Nierentumor. Übrig geblieben ist eine 30 Zentimeter lange Narbe und "ein zweiter Geburtstag", wie Hosiner sagt. Etwas weniger als zwei Jahre später erlitt Hosiner einen Lungenkollaps und musste erneut pausieren.

Sportlich wurde der fünffache Nationalteamspieler auch beim SK Sturm nicht glücklich. Sein Wechsel zum Chemnitzer FC in die dritte deutsche Liga wurde mit Verwunderung aufgenommen, sollte sich aber als Glücksgriff erweisen.

In 19 Ligapartien erzielte Hosiner 16 Tore. Vier Doppelpacks en suite stellen einen neuen Ligarekord dar. Im Interview mit SPOX spricht Hosiner über eine "ungute Geschichte" beim SK Sturm, den "irrsinnig interessanten" Nestor El Maestro und vegane Ernährung.

Herr Hosiner, wie geht es Ihnen? Wie verbringen Sie Ihren Tag?

Philipp Hosiner: Bei mir ist alles klar, danke! Ich halte mich fit, gehe laufen, spiele Playstation, koche, schaue Serien.

Welche Serien stehen momentan auf dem Programm?

Hosiner: Ich schaue die Netflix-Serie "Elite", eine sehr spannende, interessante Thriller-Serie. Die neue Staffel "Haus des Geldes" ist jetzt auch rausgekommen, die werde ich demnächst angehen. Bis jetzt kann ich mich nicht beklagen, dass ich schon alles gesehen hätte. (lacht)

Das wird hoffentlich auch nicht passieren. Wie ist die Stimmung bei Ihnen in Chemnitz während der Corona-Pandemie?

Hosiner: Ich bin aktuell in Berlin, wo meine Frau wohnt. Seit das Training abgebrochen wurde, bin ich hier. Von Chemnitz bekomme ich nicht viel mit. Zu Berlin kann ich sagen: Mittlerweile sind die Leute sehr diszipliniert. Zu Beginn war Österreich ein paar Schritte voraus, hat alle Maßnahmen früher umgesetzt - erst dann ist Deutschland nachgezogen. Jetzt ist in Berlin eine Akzeptanz da, die Leute halten im Supermarkt Abstand und tragen einen Mundschutz.

Sie haben Sebastian Kurz öffentlich für seine Maßnahmen gelobt.

Hosiner: Als in Österreich Maßnahmen beschlossen wurden, haben sie gleich für das ganze Land gezählt. In Deutschland hat man das Gefühl, dass die Bundesländer unterschiedlich agieren. Meistens war Bayern zuerst dran und erst nach und nach sind die anderen Bundesländer nachgezogen.

Philipp Hosiner: "Unverantwortlich, Verschwörungstheorien zu verbreiten"

Wenn ich das richtig deute, sind Sie pro Isolation.

Hosiner: Ich bin kein Virologe und deshalb vertraue ich auch Experten, die in den letzten Jahrzehnten in diesem Bereich gearbeitet haben. Ich halte nichts davon, Verschwörungstheorien aufzustellen oder Wissenschaftlern Aufmerksamkeit zu schenken, die sich jetzt in den Vordergrund stellen und den Virus verharmlosen. Wenn man sieht, was in Italien und Frankreich los und in Amerika jetzt im Kommen ist, kann das keiner mehr mit einer Grippe vergleichen. Ich finde es von manchen unverantwortlich, dass sie Covid-19 ignorieren oder Verschwörungstheorien verbreiten. Fakt ist, dass dieses Virus da ist und man noch nicht genug darüber weiß. Vorsicht ist geboten. Darum bin ich pro Isolation und setze Vorgaben und Ratschläge, etwa vom Robert-Koch-Institut oder der Weltgesundheitsorganisation, so gut es geht um.

Sie haben auch abklären lassen, ob Sie zu einer Risikogruppe gehören.

Hosiner: Ich hatte vor vier Jahren ja einen Lungenkollaps. Ich habe den Arzt, der mich an der Lunge operiert hat, angerufen. Aber er hat mir versichert, dass ich absolut nicht zur Risikogruppe gehöre und mir keine Sorgen machen muss. Weil ich ein junger, topfitter Mensch bin.

Seid ihr mit dem Chemnitzer FC in Kurzarbeit?

Hosiner: Wir haben jetzt auch auf Kurzarbeit umgestellt, um den Verein zu entlasten und liquide zu halten. Jeder hofft, dass es bald weitergeht, weil jeder kicken und der Verein wieder in den Ligabetrieb einsteigen will. Je länger es sich zieht, desto unsicherer werden die Planungen.

Der Karlsruher SC beschäftigt sich bereits mit der Insolvenz. Machen Sie sich Sorgen um Vereine unterhalb der Bundesliga?

Hosiner: Aktuell nicht, mit der Kurzarbeit wollen wir die gröbsten Probleme abfedern. Bei uns in der dritten Liga ist es ja praktisch so, dass Spielergehälter über 30 Prozent des Budgets ausmachen. Zuschauereinnahmen bringen rund 30 Prozent. Da wollen wir entgegenwirken und die Verluste im Rahmen halten. Die Frage ist nur: Wie lange liegt alles auf Eis? Müssen Vereine Sponsorengelder zurückzahlen?

Ihre Berater-Agentur hat mir gesagt, dass Sie sich vegan ernähren. Wie hat sich das bisher auf Ihren Körper ausgewirkt?

Hosiner: Ich halte mich jetzt seit über drei Jahren daran und fühle mich äußerst gut damit. Meine Regenerationsphasen sind kürzer, ich bin fitter, meine Tagesverfassung ist besser - ich bin zum Beispiel weniger müde - und auch meine Blutwerte haben sich enorm verbessert. Sie waren vorher nicht katastrophal, sonst könnte ich kein Leistungssportler sein, aber jetzt haben sie sich in einen Optimalbereich bewegt. Da der Körper mein Kapital ist, wollte ich leistungsfähiger werden und das habe ich damit geschafft. Zudem will ich meine Gesundheit bis ins hohe Alter erhalten. Ohne Fleisch und Milchprodukte spart man viele Krebsrisikozellen aus und nimmt etwa durch Gemüse Ballaststoffe auf. Es ist zwar nicht immer leicht, aber mittlerweile habe ich mich gut daran gewöhnt.

Verzichten Sie auch auf Zucker?

Hosiner: Ja. Viele Kritiker der veganen Ernährung sagen ja: Der isst zwar kein Fleisch, haut sich aber vegane Würsterl rein, die ebenfalls Zucker enthalten. Jeder, der sich vegan ernährt, weiß, dass in solchen Fertiggerichten viel Zucker und Salz enthalten sind. Ich esse so etwas ab und zu, einmal eine Pizza oder einen Burger, das gehört dazu.

Haben Sie einen veganen Rezepttipp?

Hosiner: Zum Beispiel ein Gemüsecurry. Einfach Gemüse schnipseln, Kokosmilch, Curry, vielleicht Tofu. Das ist mein Lieblingsgericht.

Philipp Hosiner: "Tier-Transporter stehen stundenlang im Stau"

Hat die vegane Ernährung für Sie auch ethische Gründe?

Hosiner: Anfangs nicht. Aber umso mehr ich mich damit beschäftige, habe ich auch die Vorteile mitbekommen. Nicht nur für mich, sondern auch für die Tiere und die Umwelt. Wie Tiere vor dem Schlachten behandelt werden, wird immer schlimmer. Man muss nur auf die aktuelle Situation blicken, wo Tier-Transporter stundenlang an der Grenze im Stau stehen. Die Tiere stehen auf engstem Raum, ohne Futter und Wasser und im eigenen Kot. Das sind Horrorvorstellungen, mit denen ich mich vorher nicht beschäftigt habe. Ich versuche auch regionale Lebensmittel zu essen, und nichts, was etwa aus Peru mit dem Schiff oder dem Flugzeug daherkommt.

Der Schritt in die dritte deutsche Liga war nicht ohne. War Ihnen bewusst, dass das so aufgehen könnte, oder waren Sorgen dabei?

Hosiner: Natürlich hatte ich auch Bedenken. Die Vorzeichen waren nicht so, dass ich mir gesagt hätte: Das wird leicht und da werde ich sofort durchstarten. Es war eine riesige Herausforderung. Als ich gekommen bin, hatte der Klub nach acht Spielen drei Punkte, war auf einem Abstiegsplatz und wurde als Fixabsteiger gehandelt. Bei unserer jetzigen Form kommt uns die Spielpause als zweitbeste Rückrundenmannschaft überhaupt nicht recht. Das Niveau in der dritten Liga ist sehr, sehr gut, es gibt viele Traditionsvereine und einen Zuschauerschnitt, der über dem der österreichischen Bundesliga liegt.

Mir ist klar, dass Sie Covid-19 nicht auf sich beziehen. Aber passt es nicht irgendwie zu Ihrer Karriere-Achterbahnfahrt, dass Sie endlich wieder in Top-Form kommen und dann von einer globalen Pandemie gebremst werden?

Hosiner: (lacht) Da gibt es Menschen, die viel schlechter dran sind. Ich habe das Privileg, Profifußballer zu sein und habe durch meinen Beruf eine schwere Krankheit überwinden können. Allein deshalb bin ich dem Fußball unendlich dankbar. Ich sehe die Krise als Chance und versuche mich besser vorzubereiten als Spieler, die vielleicht nicht so viel an sich arbeiten. Ich will topfit ins Training einsteigen und gleich bei hundert Prozent sein.

Der Vergleich ist schwierig, aber fühlt sich Ihre Form ähnlich an, wie jene in Ihrer Austria-Hochphase?

Hosiner: Ja. Wobei es in Chemnitz schwieriger ist. Mit der Austria waren wir die ganze Saison Tabellenführer und haben einen Punkterekord aufgestellt. Da ist es als Stürmer leichter, Tore zu schießen, als wenn du nach einer 1:0-Führung vielleicht etwas defensiver stehst und um jeden Meter kämpfst. Bei der Austria haben wir dann oft 3:0 oder 4:0 gewonnen, die Partien waren nicht so eng. Ich schätze meine Leistungen in Chemnitz sogar höher ein.

Philipp Hosiner: "Habe unter Roman Mählich überhaupt keine Chance bekommen"

Sie haben Ihre Form auf Vertrauen zurückgeführt. Ist genau das bei Sturm Graz abgegangen?

Hosiner: Ja, kann man so sagen. Vor allem unter Roman Mählich habe ich überhaupt keine Chance bekommen. Dann kann man sehr schwer überzeugen. Ich habe Anfangs 55 Minuten gespielt und dabei sogar ein Tor geschossen. In der Vorbereitung habe ich zwar die meisten Treffer erzielt, dann aber nie die Chance gekriegt. Es wäre etwas anderes gewesen, wenn er sagen hätte können: "Der hat jetzt fünf Spiele bekommen, aber schon wieder kein Goal gemacht. Es hat halt nicht gepasst." Ich war ja nicht irgendein Spieler, der gerade seine erste Bundesliga-Saison absolviert, sondern habe schon bewiesen, dass ich es kann.

Irgendwann durfte ich nicht mehr mittrainieren. Das war dann eine ungute Geschichte. Er wollte mich rausmobben, aber ich habe mich nicht beirren lassen, bin positiv geblieben und habe versucht, die Jungs zu unterstützen. Bei El Maestro habe ich wieder eine Chance bekommen und da sieht man auch, wie unterschiedlich die Sichtweisen von Trainern sein können. Aber ich habe damit abgeschlossen und verschwende dafür auch keine Energie mehr. Ich bin froh, dass es bei mir läuft und bei ihm läuft es ja auch, mit Austria Lustenau ist er im Cup-Finale. Ich bin nicht nachtragend und freue mich, dass er erfolgreich ist.

Ein Mitarbeiter von Sturm hat zu meinem Kollegen gesagt: "Das Problem ist: Sobald er auf dem Feld steht, wird er von den Fans niedergemacht."

Hosiner: Das habe ich schon auch mitbekommen, weiß aber nicht, warum es so gekommen ist. In Graz gibt es ein sehr unruhiges Publikum, ich hatte persönlich aber nie Konfrontationen mit Fans, die mich geschimpft oder ausgepfiffen hätten. Manchmal wird ein Sündenbock gesucht, aber das war mehr über Social Media der Fall. In der Stadt hat niemand zu mir gesagt, dass ich mich schleichen soll. (lacht) Mich haben im echten Leben die Leute eher gefragt, warum ich nicht spiele und gelobt, wie ich mit der Situation umgehe. Ich bin einfach froh, dass sich das mittlerweile erledigt hat, drücke Sturm Graz aber weiterhin die Daumen, weil ich viele Freunde dort habe.

Günter Kreissl hat gesagt: "Es passt nicht jeder Spieler zu jeder Mannschaft." War das verletzend?

Hosiner: Er kann ja sagen was er will. Als ich unterschrieben habe, hat es geheißen, ich würde perfekt zu Sturm Graz passen. Ein halbes Jahr später sagte er, es passt nicht jeder Spieler zu jeder Mannschaft. Es geht um die Art und Weise, wie man mit einem Spieler umgeht. Selbst als ich aussortiert wurde, habe ich immer alles gegeben. Vielleicht waren sie überrascht und haben geglaubt, wenn sie mich so behandeln, knicke ich ein und werde im Sommer einfach weggehen. Wenn ich am Training teilnehmen durfte, habe ich trotzdem immer alles gegeben - ich wollte ja auch nicht unvorbereitet zu meinem nächsten Verein kommen. Ich war damals ziemlich irritiert, aber mir wurde am Ende von Günter Kreissl, Andi Schicker und auch dem Präsidenten mitgeteilt, dass man stolz ist, wie ich mit der Situation umgegangen bin. Als ich wechselte, gab es überhaupt kein böses Blut. Es hat einfach nicht gepasst und wir haben uns im Guten getrennt.

Sie haben positiv von Nestor El Maestro gesprochen. Was macht ihn zu einem guten Trainer?

Hosiner: Dass er anders ist, als die meisten Trainer, hat eh schon jeder mitbekommen. (lacht) Er ist ein sehr spezieller Typ, aber ich finde ihn als Trainer irrsinnig interessant und gut. Er ist am Trainingsplatz ganz anders, als er in Interviews rüberkommt. Es hat Spaß gemacht, mit ihm zu arbeiten, auch wenn es die härteste Vorbereitung in meinem Leben war. Jeder wusste: Wenn man diese Vorbereitung übersteht, ist man topfit. Ich glaube, meinen Lauf habe ich auch ihm zu verdanken. Er hat auch taktisch viel drauf. In den Wochen unter ihm habe ich einiges gelernt - auch für die Zeit nach meiner aktiven Karriere, sollte ich ins Trainer-Geschäft einsteigen.

Was zum Beispiel?

Hosiner: Seine taktischen Ansichten. Das ist jetzt am Telefon schwer im Detail erklären, aber wie er den Fußball sieht und seine Lösungsvorschläge sind sehr interessant. Es hat alles Hand und Fuß. Oft sagt ein Trainer jede Woche etwas anderes. Bei ihm weiß man sofort, wovon er redet. Er ist sehr intelligent und hat eine große Auffassungsgabe. Zudem kann er seine Ideen gut vermitteln.

Sie hatten eine bewegte Karriere mit emotionalen Klubs wie der Vienna, Austria Wien, Stade Rennes, 1. FC Köln, Union Berlin oder Sturm Graz. Gibt es irgendeinen Zeitpunkt, an dem Sie gerne stoppen und sagen würden: "Halt, das mache ich jetzt anders."?

Hosiner: Eigentlich nicht. Ich habe überall etwas mitgenommen, auch wenn es nicht gut gelaufen ist. Das gehört zu einer Fußball-Karriere dazu, auch wenn es natürlich Ausnahmen gibt. Ich weiß es mittlerweile sehr zu schätzen, wenn es gut läuft.

Sie haben in Ihrer Zeit mit einigen fantastischen Kickern zusammengespielt. Wer hat besonders Eindruck hinterlassen?

Hosiner: Mit Ousmane Dembele habe ich trainiert und nach meiner Krankheit in der zweiten Mannschaft gespielt. In Köln habe ich zu Modeste aufgeschaut, mit dem ich im Doppelsturm spielen durfte. Im Nationalteam durfte ich mit Arnautovic, Alaba oder auch Sabitzer spielen, der sich sehr gut entwickelt hat. Das sind Spieler, von denen man versucht zu lernen.

Wie haben Sie den 11. Februar verbracht? Dieses Datum bezeichnen Sie als zweiten Geburtstag - an diesem Tag wurde Ihr zwei Kilo schwerer Tumor erfolgreich entfernt.

Hosiner: Ich feiere den Tag nicht explizit wie einen Geburtstag, aber ich bin sehr dankbar, erinnere mich zurück, gehe in die Kirche und zünde eine Kerze an. Es ist nicht selbstverständlich, gesund zu sein.

Philipp Hosiner: Die Leistungsdaten

Verein SpieleTore Vorlagen
814718
4820-
4783
46237
38162
31128
2341
2012
20176
151-
1311
11-
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