Tennis

Gefangen in der Cross-Falle: Wie Novak Djokovic seine Gegner beherrscht

Von Marco Kühn / Tennis-Insider.de
Dienstag, 11.09.2018 | 12:25 Uhr
Novak Djokovic
© getty

Außerhalb des Platzes mag Novak Djokovic ein Spaßvogel sein - auf dem Court versteht er keinen Humor und spiegelt das Spiel seines Gegners.

Bei uns im Tennisverein wird jedes Jahr das sogenannte Handicap-Turnier gespielt. Bei diesem Turnier werden starke und etwas schwächere Spieler gemischt und als Doppelpaarungen auf den Platz geschickt. Die stärkeren Spieler erhalten Handicaps. Zum Beispiel: Bratpfanne statt Schläger. Oder eine Augenklappe und einen Luftballon am Schläger.

Ähnlich geht es den Gegnern von Novak Djokovic. Auch sie spielen gegen den Serben ein Handicap-Match. Besonders Juan Martin del Potro im Finale der US Open. Der "Turm von Tandil" wurde vom ersten Ballwechsel an in die Cross-Falle gezogen und konnte sich nur in der Mitte des zweiten Satzes, durch zwei brutale Vorhände und einen leichten Fehler des "Djokers", kurz befreien und frische Luft schnappen. Djokovic verstaute seine aufkommenden, negativen Emotionen kurzerhand in seiner Box und war dann wieder zur Stelle, wenn es drauf ankam.

Der Spiegel

Djokovic ist ein cleveres Bürschchen. Er hat seine Emotionen stets unter voller Kontrolle. Selbst dann, wenn er dreinblickt wie ein Psychopath. Er weiß immer sehr genau, was er tun muss. Das ist in den meisten Fällen: cross spielen. Dabei spiegelt er das Spiel des Gegners. Er wirkt wie ein Schatten, der seinen Gegner nicht loslässt. Er geht nicht weg, er ist immer da. Spielte del Potro schnell, kam der Ball schnell zurück. Spielte del Potro etwas langsamer, kam ein langsamer Ball zurück. Und kurz bevor der Argentinier sich komplett einlullen ließ, kam der Longline-Ball des Serben, meist mit der Vorhand. Diese Spielweise, die Djokovic in absoluter Perfektion und für den Zuschauer gefühlt fehlerfrei spielt, ist für den Gegner physisch und psychisch ermüdend. Wer als kleiner Steppke gegen eine Ballwand gespielt hat, der weiß wie sich Juan Martin del Potro gestern gefühlt hat.

Djokovic ist nicht nur der vielleicht beste Counterpuncher aller Zeiten. Er ist auch der Spieler, der die absolute Kontrolle über die Winkel auf dem Platz hat. Nie spielt er einen "dummen" Ball. Nie tappt er in die Winkelfalle. Nie geht er unnötiges Risiko, weil ihn der Spielwitz überkommt. Dabei ist er ansonsten ein sehr witziges Kerlchen auf dem Platz.

Cross, Mitte, cross

Die Bereiche, die Novak Djokovic anspielt, ähneln sich von Ballwechsel zu Ballwechsel. Er wechselt klug zwischen dem Cross-Spiel und den Bällen in die Mitte. Warum spielt er so häufig den Gegner mittig an? Dieser erhält dann keine Winkel, keine Räume, um aggressiv spielen zu können. Durch das Cross-Spiel und die anschließend etwas weiter nach hinten verlagerte Position an der Grundlinie gibt Djokovic dem Gegner kaum Ziele, die man anspielen könnte. Selbst del Potro, der die mächtigste Vorhand unseres geliebten Sports mit auf den Platz bringt, konnte diese Macht kaum gewinnbringend einsetzen. Ein paar Kreuzschritte zur Seite, frühes Ausholen - und zack. Djokovic war da und schob die Vorhand des Argentiniers wieder cross zurück. Und das Spielchen begann von vorn.

Longline

Die besten Momente hatte del Potro, wenn er longline spielen konnte. Oder besser gesagt: durfte. Um longline gehen zu können, benötigte del Potro folgende Voraussetzungen:

- auf den Ball zugehen

- den Ball vor dem Körper, idealerweise im Feld stehend, treffen

- hohes Selbstvertrauen

Diese drei Punkte machte Djokovic durch sein Spiel fast immer kaputt. In der Mitte des zweiten Satzes, als Djokovic mal etwas anbot, war del Potro da. Aber so schnell wie er in der Tür war, schickte ihn Djokovic auch wieder raus. Mal mit etwas Glück. Mal mit Geduld. Aber immer mit der vollen Kontrolle über seine Taktik. Jeder Hobbyspieler, der sein Grundlinienspiel verbessern möchte, sollte sich die Ballverteilung von Novak Djokovic auf YouTube nochmal ganz genau anschauen.

Kaum jemand beherrscht die Grundlinie so sehr wie Novak Djokovic. Mit hohem Tempo ist ihm nicht beizukommen. Es wäre sehr interessant zu sehen, wie beispielsweise als Spieler wie Alex de Minaur gegen den neuen US-Open-Champion aussehen würde.

Die Zukunft wird es uns wahrscheinlich zeigen.

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