Alexander Zverev - Weg von der Insel, ab aufs Boot

Sonntag, 08.07.2018 | 19:06 Uhr
Die Rasensaison 2018 war für Alexander Zverev eine zum Vergessen
© Jürgen Hasenkopf

Alexander Zverev nimmt sich nach seinem Aus gegen Ernests Gulbis in Wimbledon eine Pause. Während der Rasensaison 2018 ist die deutsche Nummer eins nie so richtig in Schwung gekommen.

Von Jörg Allmeroth aus London

Und dann war da noch die Geschichte mit dem Boot. Alexander Zverev musste sie irgendwie noch loswerden, in den letzten Sekunden seines letzten Stündleins in Wimbledon. Es war komplett unnötig, es war überflüssig. Aber der deutsche Grand Slam-Verlierer wollte unbedingt noch schroff die Grenze ziehen, zwischen sich und Wimbledon. Und dem Chaos, das ihn beim wichtigsten, strahlendsten und größten aller Major-Wettbewerbe umgab.

"Ihr werdet mich bestimmt nicht mehr hier sehen", rief Zverev den Journalisten im Gesprächskeller zu, dem sogenannten "Main Interview Room", "morgen bin ich auf dem Boot." Im Urlaub, daheim in Monte Carlo.

Zverev wünscht sich Abstand vom Tennis

Weg von der Insel, weg von Wimbledon. Und ab auf´s Boot. So endete Wimbledon 2018 für Zverev, mit einer dramatischen 6:7, 6:3, 7:5, 3:6, 0:6-Niederlage gegen den Letten Ernests Gulbis, und mit dem dringenden Wunsch nach Abstand, nach Ferien, nach Augenblicken ohne Tennis. Es steckte zwar auch ein schiefer, leichter arroganter Unterton in diesem Punkt -und-Aus-Statement des jungen Deutschen drin, in der Boots-Geschichte.

Aber Zverev hatte ganz einfach, wie es einer aus seinem Betreuerstab später an diesem Samstag unumwunden formulierte, "die Schnauze voll" nach all dem Durcheinander der letzten Tage und Wochen, nach wiederholten Rückschlägen: "Es ist einiges auf ihn eingeprasselt. Ausgerechnet in der wichtigsten Zeit der Saison." Die Zerrissenheit des entkräfteten Titel-Mitfavoriten war auch im Match zu spüren gewesen, als er sich einen Disput mit Linien- und Schiedsrichtern geleistet und dafür sogar eine Verwarnung kassiert hatte. "Ich glaube nicht, dass ich da was riesengroß Falsches gesagt habe", meinte Zverev später.

Gegen die Wimbledon-Etikette verstoßen

Zverev hatte, schon ein bisschen die nachlassenden Kräfte spürend, auf dem Platz vor sich hingeflucht, eigentlich nur sich selbst beleidigt. Aber es war ein Verstoß gegen die heilige Etikette, ein Linienrichter petzte. Und Zverev befand: "Der will sich doch nur wichtig machen." Es war ein Satz in der Hitze des Gefechts, den ihm manche schnell wieder als Hochnäsigkeit auslegten - ohne Gespür, ohne Sensibilität für die Situation.

Denn Zverev hatte auch in Wimbledon erst wieder kein Glück, ehe noch gehörig Pech hinzukam. Das Match gegen Gulbis war der Höhepunkt des Frusterlebnisses bei diesen Offenen Englischen Meisterschaften des Jahres 2018. "Nach Paris", sagte Zverev, "bin ich nie so ganz richtig in die Spur reingekommen." Dort, bei den French Open, hatte der Hamburger drei mitreißende Aufholjagden nach 1:2-Satzrückständen auf dem Weg ins Viertelfinale hingelegt, bevor er sich mit einer Niederlage gegen Kumpel Dominic Thiem, aber auch wegen einer Muskelverletzung verabschiedete.

Kaum Matchpraxis auf Rasen gesammelt

Zverev kam ohne große Spielpraxis und Matcherfahrung nach Wimbledon. In Halle strich er nach einer Auftaktniederlage gegen den späteren Champion Borna Coric die Segel, und dann fing er sich im All England Club auch noch einen Magen-Darm-Virus ein. Er kämpfte sich in einem lichten Moment am Freitag, in der Verlängerung seines abgebrochenen Matches gegen den Amerikaner Taylor Fritz, noch in Runde drei.

Aber körperlich doch angegriffen, fehlte ihm einfach eine Pause, Zeit zur Regeneration. Nach dem dritten Satz gegen Gulbis ging nichts mehr für den Weltranglisten-Dritten, der sich in der Schlussphase der Partie fühlte, "als hätte jemand den Stecker rausgezogen": "Da war null Energie in mir drin. Es gab keinen Weg mehr zurück." Im letzten Satz gewann er dann auch kein Spiel mehr, es war ein Ende voller Bitterkeit für Zverev.

Er sah auch anschließend blaß aus, wirkte erschöpft, komplett ausgelaugt. Urlaubsreif eben. "Ich habe noch 15 Jahre Zeit, hier was Großes zu schaffen", sagte Zverev, "ich mache mir keine Sorgen." Seine Saison war trotz der Beschwernisse in Wimbledon auch durchaus zufriedenstellend bisher, mit dem Sieg beim Masters in Madrid im Frühjahr, mit der Stabilisierung unter den Top 5 der Weltrangliste.

Wehmütige Gedanken an Paris

Wimbledon, sagte Zverev, sei innerlich "abgehakt." Nicht aber Paris, der Auftritt dort. "Ich hatte das Gefühl, dass ich dort ganz weit hätte kommen müssen, ins Endspiel sogar", meinte er, "ich war vor den French Open neben Nadal der konstanteste, beste Spieler auf Sand."

Doch auch diese Enttäuschung kann und muss Zverev hinter sich lassen. Auf dem Boot, in Monte Carlo.

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung
Werbung