Das beste Match des Jahres - trotzdem raus

Montag, 10.07.2017 | 17:43 Uhr
Der Biss von Angelique Kerber war wieder zu spüren
© getty

Die Niederlage gegen Garbine Muguruza ist für Angelique Kerber Bestätigung für die aufsteigende Form und Ärgernis über die vergebenen Chancen zugleich.

Von Jörg Allmeroth aus London

Es war ein Spiel, in dem Angelique Kerber wieder die Angelique Kerber der Traumsaison 2016 war. Es war ihr bestes Spiel in dieser Saison, auch das beste und dramatischste Frauenspiel dieses Wimbledon-Jahrgangs. Aber dieses hin- und mitreißende Achtelfinalspiel auf Platz 2 des All England Club gegen die Spanierin Garbine Muguruza war nicht das Spiel, das Kerbers Wimbledon-Traum weiterleben ließ, das womöglich sogar die Initialzündung für eine erfolgreiche Titelmission gewesen wäre.

Als nach 138 Minuten ein Vorhandball Kerbers an der Netzkante kleben blieb und in ihr Feld zurückfiel, war eine der bittersten Niederlagen ihrer Karriere besiegelt - und ein Tennis-Drama beendet, das Fans im All England Club und an den Bildschirmen weltweit fasziniert und gefesselt hatte. 6:4, 4:6 und 4:6 - so lauteten die nackten Zahlen zu diesem epischen Grand-Slam-Krimi, in dem beide Spielerinnen jeweils 101 Punkte in zermürbenden, aufreibenden Schlagabtäuschen erzielten. Ein Unentschieden aber gibt es nicht im Tennis, es war Kerber, die schließlich in diesem fabelhaften Duell die grausame Niete zog.

Gute Körpersprache

Sie verlor auch Weltranglisten-Platz eins an diesem 10. Juli, aber es wirkte nur wie ein unbedeutendes Detail für eine Verliererin, die hocherhobenen Hauptes die grünen Tennisfelder an der Church Road verlassen konnte. "Es waren ein, zwei Punkte, die alles entschieden haben. Ich gehe enttäuscht, aber auch mit einem guten Gefühl weg. Endlich haben Körpersprache, Leidenschaft und mein Gefühl für das Spiel wieder gestimmt", sagte Kerber. Aus der Tatsache, als Nummer 1 der Welt auf Platz 2 verbannt worden zu sein, machte Kerber kein großes Thema: "Es war eine Überraschung. Aber es hat mich nicht groß gestört."

Oft hatte man bei Kerbers wichtigen Auftritten in dieser Saison von vornherein den Eindruck und das Gefühl, dass sie verlieren würde. Doch vom ersten Moment der Partie gegen Angstgegnerin Muguruza strahlte die 29-Jährige eine positive Mentalität aus, sie war gekommen, um zu bleiben im wichtigsten Wettbewerb und Kräftemessen des Jahres. "Es war die alte, die richtig gute Angie, die ich gesehen habe", sagte Bundestrainerin Barbara Rittner später, "es ist so schade, dass sie nicht die Belohnung für dieses tolle Match bekommen hat." Es war auch zum ersten Mal in diesem oft verfluchten und verhexten Jahr 2017, dass Kerber mit der Größe der Herausforderung wuchs und sich gewaltig steigerte, wenn sie dazu aufgefordert war. Am Manic Monday, an dem alle Spieler und Spielerinnen um den Einzug ins Viertelfinale kämpfen, an diesem größten Tag im Welttennis startete Wimbledon so richtig durch - und Kerber, die Nummer 1 der Welt, die Vorjahres-Finalistin gab Vollgas. Fast buchstäblich sogar: Auf schnellen, flinken Beinen verteidigte Kerber gegen die schlaggewaltige Spanierin mit riesiger kämpferischer Leidenschaft und geradezu artistischen Einlagen.

Blockade-Bollwerk

Lange, lange Zeit brachte Kerber die Wimbledon-Finalistin des Jahres 2015 mit ihrem Blockade-Bollwerk schier zur Verzweiflung, sie gewann den ersten Satz mit 6:4 und hatte auch im zweiten Akt zunächst die besseren Chancen. Beim Stand von 1:1 und 2:2 hatte sie Breakbälle zu einer möglicherweise vorentscheidenden Führung, verpaßte aber diese Möglichkeiten. Erst nach 72 Spielminuten in drückender Hitze ließ Kerber erstmals einen Breakball gegen sich zu, kurze Zeit später kassierte sie auch den ersten Aufschlagverlust, er war gleichbedeutend mit dem 1:1-Remis nach Sätzen.

Kerber hatte genügend Vorteile im dritten Satz, sie ging schnell 2:0 in Führung, hatte noch einmal beim 3:2 einen Breakvorsprung. Aber obwohl sie sich kaum leichte Fehler in dieser hochklassigen Partie erlaubte - es waren nur 12 in 2:18 Stunden Spielzeit -, reichte es nicht für den Sieg. Schlicht und ergreifend deshalb, weil Muguruzas Hochrisikospiel mit Schlägen serienweise an die Linie am Ende wirksamer war als Kerbers erstklassige Defensive. Wie im zweiten Satz war es das zehnte Spiel, das entschied. 6:4 für Muguruza, das Aus für Kerber. Ende schlecht, aber nicht alles schlecht. Zum ersten Mal in dieser Saison konnte Kerber aus einer Niederlage Mut schöpfen und Hoffnung ziehen, ganz anders als zuletzt nach dem frappierenden Erstrunden-Aus bei den French Open. "Ich bin wieder auf dem richtigen Weg", sagte Kerber hinterher, als Verliererin an diesem Tag tatsächlich auch eine Gewinnerin.

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