Tennis

Angie Kerber: Raus mit Applaus

Angelique Kerber
© getty

Großes Match - und überhaupt ein großer Saisonstart von Angelique Kerber, die von der internationalen Tennisszene wieder gefeiert wird.

Natürlich sollte man mit dem Wichtigsten anfangen, auch nach diesem Spiel, nach diesem denkwürdigen Grand-Slam-Nachmittag in Melbourne. Das Wichtigste also lautete: Angelique Kerber hat ihr Halbfinale bei den Australian Open verloren, 3:6, 6:4 und 7:9 gegen die Weltranglisten-Erste Simona Halep (Rumänien). Eine Wiederholung der Wundertat von 2016, damals gegen Serena Williams, war damit vom Tisch, ein potenziell dritter Grand-Slam-Triumph.

Aber das Wichtigste muss nicht immer das allein Entscheidende sein. Jedenfalls nicht dann, wenn man sich von einer der großen Tennisbühnen so verabschiedet wie Kerber am 25. Januar 2018. Kerber ging etwas matt und müde in diese Partie, nach 13 Minuten lag sie 0:5 hinten, nur fünf der ersten 25 Punkte gingen an die Deutsche. Es wäre ein Leichtes gewesen, innerlich einen Schlussstrich unter das Kapitel Melbourne zu ziehen.

Aber als Kerber nach zwei Stunden und zwanzig Minuten leicht grimmig zum Netz schritt, um Halep zum Sieg zu gratulieren, war auch sie eine Gewinnerin. Das hört sich nach Verlierer-Romantik an, nach falschem Pathos, aber es stimmte haargenau. Denn von Scheitern konnte nicht wirklich die Rede sein nach dem besten Spiel dieses Turniers, dem besten Spiel der neuen Saison und einem der besten Spiele der jüngeren Tennisgeschichte. "Ich bin gerannt, bis es nicht mehr ging. Bis zum letzten Punkt", sagte Kerber später, nach der unbelohnten, irren Aufholjagd, "ich bin natürlich enttäuscht. Aber auch stolz, was ich hier geleistet habe."

"Besser kann Damentennis nicht sein"

Es war nichts weniger als totales Tennis, dieses Spektakel-Spiel. Ein Schlagabtausch auf Biegen und Brechen. Oft sogar buchstäblich bis zum Umfallen. Kerber und Halep zeigten Ästhetik und Athletik, in einem Fight, der im dritten, alles entscheidenden Akt an Schwergewichtsboxen erinnerte - mit zwei Stars, die sich wieder und wieder und wieder beharrlich weigerten, das Handtuch zu werfen. "Wenn eine Spielerin alles gibt, dann kannst du als Trainer nicht unzufrieden sein", befand Kerbers neuer Coach, der Belgier Wim Fissette, "wir werden noch eine Menge Gutes von Angie hören in diesem Jahr."

Statt seiner Chefin konnte nun Halep versuchen, sich im Duell mit der Dänin Caroline Wozniacki zur Grand-Slam-Königin von Melbourne krönen zu lassen. Die Ausgangsposition vor dem Finale war bizarr: Halep und Wozniacki sind die Nummer 1 und die Nummer 2 der Welt, aber beide leben bisher mit dem Malus, in ihrer Karriere noch keins der vier Major-Turniere gewonnen zu haben. Wer das Endspiel gewinnt, wird dann auch am Montag nach den Australian Open die Nummer 1 der Rangliste sein.

Eins ist auch klar: Es wird schwer sein, die außergewöhnliche Klasse und Dramatik des Halbfinals zwischen Kerber und Halep zu übertreffen, diese verbissene, zermürbende Auseinandersetzung. Ein Spiel in all seiner Unwägbarkeit, in dem man nie wusste, wohin es im nächsten Moment geht. 6:3 und 3:1 führte Halep, Kerber balancierte über dem Abgrund, schien geschlagen. Doch von da an ging es erst so richtig los mit der wilden Parforcejagd, mit einem denkwürdigen Auftritt zweier Spitzenspielerinnen, die sich nichts schenkten - außer ihrer Kulisse im Stadion und draußen in der Welt ein Match zum Erinnern und zum Verlieben. "Besser kann Damentennis nicht sein", befand da die legendäre Amerikanerin Chris Evert.

Raus mit Applaus

Die Größe dieses Matchs entwickelte sich, weil Kerber spät ihre Zweifel und ihre Abgeschlagenheit überwand. Eben noch auf dem Weg ins frühe, bittere Aus, nahm sie plötzlich wieder ihr Herz in die Hand. Holte auf, Punkt um Punkt, gewann den zweiten Satz, ging sogar im dritten Durchgang in Führung. Um dann aber wieder Halep vorbeiziehen lassen zu müssen. Das Auf und Ab war faszinierend, mitreißend, entnervend. Erst hatte dann Halep zwei Matchbälle, aber Kerber hatte etwas gegen den Knockout, wehrte die Siegpunkte für die Rumänin ab. Dann hatte die Deutsche selbst bei 6:5- und 40:15-Führung zwei Matchbälle für den Einzug in ihr viertes Grand-Slam-Finale. Aber nun erhob nervenstark Halep Einspruch. "Ich konnte nicht viel anders machen", sagte Kerber hinterher über die verpassten Gelegenheiten, "sie hat es einfach gut gespielt in dieser Situation."

Was folgte, war der Zieleinlauf. Halep ging 7:6 in Front, Kerber glich noch einmal zum 7:7 aus. Bei 7:8-Rückstand wehrte die Kielerin den dritten Matchball von Halep ab, doch dann segelte ein Rückhandball von ihr ins Aus - es war vorbei. Kerber war geschlagen, aber es war ein Abschied ohne Verbitterung, ohne Gram und tiefen Frust. Kerber konnte Melbourne mit dem Kopf nach oben verlassen, nach der ersten Niederlage im fünfzehnten Spiel der Saison. Es war eine Niederlage, die nicht etwa einen Rückschlag in der Comeback-Mission Kerbers bedeutete, sondern den Aufwärtstrend weiter bestätigte. Und den Glauben an sich selbst noch einmal befeuerte.

Raus mit Applaus, wann hätte es besser gepasst als nach diesem Tag, nach diesem Spiel.

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