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NFL: Die Buffalo Bills nach dem desolaten Saisonstart: Klammern an den letzten Strohhalm

Von Jan Dafeld
Freitag, 14.09.2018 | 11:09 Uhr
Josh Allen feierte gleich in Week 1 sein NFL-Debüt gegen die Baltimore Ravens
© getty

Die Buffalo Bills starteten desolat in die neue Saison und werfen bereits jetzt Rookie-Quarterback Josh Allen ins kalte Wasser. Ist die Saison nach nur einem Spiel schon so gut wie gelaufen? Oder gibt es tatsächlich noch Grund zur Hoffnung für die Bills Mafia?

Die NFL ist eine Wundertüte. Es ist ein Satz, der sich praktisch Jahr für Jahr aufs Neue bestätigt. Ausgemachte Contender landen im Playoff-Rennen letztendlich weit abgeschlagen auf den hinteren Plätzen, während angebliche Durchschnitts-Teams am Saisonende plötzlich im Titelrennen mit dabei sind.

Die gerade erst absolvierte Week 1 unterstrich diesen Fakt erneut. Während die hoch favorisierten Saints von Ryan Fitzpatrick aus dem Stadion geworfen wurden, rupften die als klarer Außenseiter gehandelten Jets die Lions und die Browns beendeten ihre ewige Niederlagen-Serie ausgerechnet gegen den eigentlichen Division-Primus aus Pittsburgh.

Diese Unberechenbarkeit jeder Saison und jedes Spiels stellt immer auch einen Strohhalm dar, an den sich die Fans der schlechtesten Teams der Liga klammern können. Alles ist möglich, niemand ist chancenlos.

Die Anhänger der Buffalo Bills kennen diese Achterbahnfahrt der Gefühle bereits aus der vergangenen Saison. Damals gab das Team rund einen Monat vor Saisonstart mit Sammy Watkins und Ronald Darby zwei Säulen des Teams ab, für die meisten Experten stand fest: Buffalo wird als Team im Tanking-Modus zum Bodensatz der Liga gehören. Und doch feierte ausgerechnet diese Mannschaft, die als angebliches Übergangsteam ausgemacht worden war, das, was der Franchise seit 18 Jahren nicht mehr gelungen war: eine Playoff-Teilnahme.

Somit dürfte es der Bills Mafia auch nicht allzu viel ausgemacht haben, dass ihr Team von Experten und Buchmachern vor dieser Saison erneut zu den schwächsten der Liga gezählt wurde. Die Vorsaison war als Gegenbeispiel noch präsent. Das Mantra: Alles ist möglich, niemand ist chancenlos.

Historische Pleite zum Auftakt gegen Baltimore

Es brauchte allerdings keine 60 Minuten Regular-Season-Football, um diese Einstellung in Buffalo bereits in ihren Grundfesten zu erschüttern. Zu desolat war die Leistung, die die Bills in ihrem ersten Auftritt der neuen Saison darboten. Mit 47:3 schlachteten die Baltimore Ravens ihre Gäste geradezu ab, bereits kurz nach der Halbzeit hieß es 40:0, ehe die Gastgeber aus Maryland Erbarmen zeigten und ihre Reservisten aufs Feld schickten. Am Ende stand für die Bills trotzdem die höchste Auftaktniederlage aller Zeiten und ihre zweithöchste Niederlage überhaupt zu Buche.

Ein ganz besonders katastrophales Bild gab dabei Quarterback Nathan Peterman ab. Ausgerechnet Peterman. Der Peterman, der bei seinem NFL-Debüt als Starter in der letzten Saison fünf Interceptions in nur einer Halbzeit geworfen hatte und sich in diesem Sommer erst über das Training Camp sowie die Preseason der Bills wieder an die Spitze der Quarterback-Rangordnung Buffalos hatte spielen können.

In Baltimore hielt sich Peterman diesmal zwar bei "nur" zwei Interceptions, insgesamt war seine Leistung trotz allem allerdings ähnlich miserabel wie in seinem geradezu legendären ersten NFL-Spiel. Der 24-Jährige beendete das Spiel mit einem Passer Rating von 0,0 und nur 24 Passing Yards. In der Geschichte der NFL schafften gerade einmal zehn Spieler das Kunststück, ein noch schlechteres Spiel (sprich: das gleiche Passer Rating aber weniger Passing Yards) abzuliefern.

Petermans Probleme waren dabei - man könnte es bereits erahnt haben - unterschiedlichster Natur. Er wirkte unsicher in seinen Reads, bewegte sich schlecht in der Pocket und ließ bei seinen Würfen abwechselnd Genauigkeit oder Timing vermissen. Sinnbildlich für seine Leistung: Im ersten Viertel las Peterman einen Fire Zone Blitz (ein Blitz, bei dem einer der Defensive Linemen sich zurück in die Zonen-Coverage fallen lässt) der Ravens völlig falsch und wurde vom Pass-Rush überrascht. Nur wenig später erkannte er das Defensiv-Play zwar korrekt, überwarf seinen offenen Receiver Kelvin Benjamin über die Mitte dann aber so krass, dass Ravens-Safety Tony Jefferson der Ball geradezu perfekt in den Armen landete.

McDermott und seine Quarterback-Probleme

Für Head Coach Sean McDermott führte Petermans grausame Performance zu einem Dilemma. Seine Optionen: Weiterhin zu Peterman halten und damit praktisch eingestehen, dass das Gewinnen von Spielen für die Bills in diesem Jahr nicht das primäre Ziel sein muss. Oder Rookie Josh Allen, der gegen die Ravens bereits in Halbzeit zwei aufs Feld durfte, zum Starter machen und dabei einerseits seine eigene - nach wochenlanger Beobachtung gefällte - Entscheidung für Peterman nach nur einem Spiel schon wieder zurücknehmen und gleichzeitig Allen in eine Offense werfen, in der er praktisch wie auf dem Präsentierteller liegt.

Petermans Performance war ohne jeden Zweifel unzureichend. Gleichzeitig bewies das erste Saisonspiel allerdings auch, was Beobachter bereits seit Wochen befürchtet hatten: Die Offensive Line der Bills wird zu den schlechtesten der Liga gehören. Peterman hatte im Schnitt 2,41 Sekunden für einen Wurf (viertschlechtester Wert der Liga), Hilfe durch das Running Game war ebenso wenig zu erwarten. 3,8 Yards before Contact bedeuteten den achtschlechtesten Wert der Liga. Während Teams wie die Bears oder die Chiefs versuchen, ihre jungen Quarterback mit so vielen Ressourcen wie möglich zu unterstützen, ist bei den Bills und Allen aktuell das Gegenteil der Fall.

Trotz all dieser offensichtlichen Defizite entschied sich McDermott unter der Woche für Option Nummer zwei und damit für Josh Allen als neuen Starter. Wie bereits im letzten Jahr zeigt der Head Coach also auch in der neuen Saison eher wenig Konstanz in seinen Quarterback-Entscheidungen.

Rookie-Quarterback Allen: Denkbar schlechte Rahmenbedingungen

Die Voraussetzungen für Allen könnten definitiv besser sein. Gegen die Ravens sah er zwar besser aus als Peterman, aber auch keineswegs gut. Allens Makel sind bekannt. Armtalent und Statur sind zwar bereits jetzt herausragend, Genauigkeit und Timing lassen aber regelmäßig stark zu wünschen übrig.

Für viele Experten stellte er von den Top-Quarterbacks des diesjährigen Drafts daher den Spieler dar, der am wenigsten dafür geeignet schien, früh auf dem NFL-Level zu starten. Die Frage, die in diesem Zusammenhang allerdings ebenfalls gestellt werden muss, ist: Wie viel könnte Allen von der Bank aus überhaupt hinter einem Quarterback wie Peterman, der ganz offensichtlich selbst kein Starter-Niveau auf dem NFL-Level hat, lernen?

"Damit Rookie-Quarterbacks ein gutes Spiel haben können, müssen die anderen Spieler es ihnen einfach machen. Macht er einen Fehler und wirft einen Ball, der schwer zu fangen ist, dann fang ihn trotzdem", meint Running Back LeSean McCoy. "All die kleinen Dinge sind entscheidend für dieses Spiel und für das Selbstvertrauen eines Rookies. Sie sind so jung, sie müssen ins Rollen kommen und mit jedem Play mehr Selbstvertrauen bekommen."

Fakt ist in jedem Fall: Mit den Los Angeles Chargers wartet im nächsten Spiel ausgerechnet das Team, das gegen Peterman im letzten Jahr die fünf Interceptions erzwingen konnte, auf Allen. Mit Joey Bosa fällt die eine Hälfte des zweiköpfigen Pass-Rush-Monsters der Chargers zwar aus, die Secondary rund um Interception-Maschine Casey Hayward zählt trotz Verletzungspech aber immer noch zu den besseren der Liga.

Die Hoffnung der Buffalo-Bills-Fans stirbt zuletzt

Ein Hoffnungsschimmer, der Bills-Fans trotz des miserablen Saisonauftakts und trotz der verkorksten Quarterback-Situation noch bleibt, ist die eigene Defense. Bereits im letzten Jahr trug die Unit rund um Rookie Tre'Davious White sowie das Safety-Duo Micah Hyde und Jordan Poyer Buffalo bis in die Playoffs und auch gegen die Ravens sah die Defense zumindest besser aus als es die 47 zugelassenen Punkte suggerieren könnten.

Nach einem miesen Start mit zwei zugelassenen Touchdowns bei den ersten drei Drives fing sich die Defense zusehends. Baltimores Punkte resultierten im Anschluss vor allem aus teilweise absurder Field Position. Aus Drives mit -3 Yards (Field Goal), 8 Yards (Field Goal), 14 Yards (Touchdown) und 1 Yard (Touchdown) erzielten die Ravens 20 Punkte. 20 Punkte durch 20 Yards. Ihre Drives starteten die Gastgeber im Durchschnitt an ihrer 41,3 Yard-Linie. Kein Team wies ligaweit einen besseren Wert auf.

Es mag nur ein schwacher Hoffnungsschimmer sein, doch der Blick auf Seiten der Bills muss nach vorne gehen. "Am Ende des Jahres guckst du nicht auf die Scores. Wir werden nächste Woche schon nicht mehr auf die Scores gucken", erklärt Receiver Andre Holmes. "Wir gucken auf 0-1. Davon müssen wir zurückkommen und versuchen, einen Sieg zu holen."

"Das Gute und das Schlechte an der NFL ist, dass es immer die nächste Woche gibt", so Defensive Tackle Kyle Williams. Aktuell spricht praktisch alles gegen die Bills, doch so schnell will und wird im Team niemand aufgeben. Alles ist möglich, niemand ist chancenlos.

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