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Delonte West im Interview

"Ich bin keine Maschine"

Von Interview: Haruka Gruber
Freitag, 26.10.2012 | 13:47 Uhr
Delonte West verlängerte in diesem Sommer den Vertrag in Dallas um ein weiteres Jahr
© Getty
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Das große Rätsel in Dallas: Warum wurde Delonte West von der Mavericks-Führung zum zweiten Mal in neun Tagen suspendiert? Erlitt der manisch-depressive Guard einen Rückfall? Oder ist alles ein großes Missverständnis, wie der 29-Jährige beteuert?

Auf jeden Fall äußert sich Noch-Mitspieler Vince Carter auffällig positiv über West. "Wir verlieren einen echten Kämpfer. So einfach ist das. Wir wissen das alle. Man hasst es, Menschen durch schwierige Phasen gehen zu sehen, weil er einer der Jungs war, auf die Verlass ist", sagt Carter.

Dennoch scheint es wahrscheinlicher, dass die Mavs den Vertrag mit West kündigen. Mit Chris Douglas-Roberts wurde bereits ein möglicher Nachfolger in den vorläufigen Kader aufgenommen.

Vor all den Turbulenzen, als eine vorzeitige Trennung nicht absehbar war, hatte sich West bereit erklärt, mit SPOX eines der seltenen Interviews zu führen. Entsprechend war es nicht möglich, Fragen zur jüngsten Entwicklung zu stellen. Dafür sprach West über sein schweres Standing in den USA, Schicksalsschläge und die besondere Nowitzki-Aura.

SPOX: Sie sind 29 Jahre alt - und reisten erst jetzt im Rahmen der Europa-Tour der Dallas Mavericks erstmals ins Ausland. Wie gefiel es Ihnen?

Delonte West: Ich bin in der besten Zeit meines Lebens. Ich wusste es gar nicht, aber ich liebe es, herumzureisen. Berlin fand ich schon toll, Barcelona wurde großartig. Ich bin ein großer Pasta-Fan, der größte Pasta-Fan, den man sich vorstellen kann. Und plötzlich war ich in Spanien, der beste Ort, an dem man sein kann, um Pasta zu essen. Ich hatte in Barcelona die besten Spaghetti, die ich je gegessen habe.

SPOX: Eigentlich ist Italien das Land der Pasta.

West: Wirklich? Italien? Nicht Spanien? Egal, für mich war meine erste Reise außerhalb der Vereinigten Staaten ein Segen.

SPOX: Die Preseason gestaltete sich für Sie ohnehin aufregend: Vor der Europa-Tour arbeiteten Sie unter dem Künstlernamen "CharleeRedz" an Ihrem Debütalbum als Rapper. Ist das eine Alternative zur NBA-Karriere?

West: Überhaupt nicht. Das Album wurde zwar fertig und ich plane schon, die Musik ernsthaft zu verfolgen. Das kommt allerdings erst irgendwann. Zurzeit ist es am wichtigsten, dass ich mich darauf konzentriere, was ich am besten kann. Und das ist der Basketball. Ich möchte bloß nicht, dass es irgendeine Art von Ablenkung geben könnte. Daher warte ich, bis es ruhiger wird, dann kann ich wieder mehr Zeit für Hip Hop investieren und etwas Werbung für mein Album machen, eventuell beim All-Star-Break oder nach der Saison.

SPOX: Warum verspüren Basketballer solch einen Drang, selbst zu rappen?

West: Hip Hop und Basketball gehen Hand in Hand, man wächst mit beidem gleichzeitig auf. Jeder Rapper träumt als Kind von einer NBA-Karriere. Und jeder Basketballer träumt als Kind davon, mit Rap Geld zu verdienen. Und das geht so weiter: Ein Rapper zockt zum Relaxen vor dem Konzert NBA 2K13 oder NBA Live 2013 und ein Basketballer hört kurz vor einem Spiel Hip Hop, um sich mental zu pushen.

SPOX: Sie setzen die Liste der Basketballer fort, die sich bedingt erfolgreich im Hip Hop versuchten: Shaq, Allen Iverson, Kobe Bryant oder Ron Artest. Wer ist der Beste? Wer ist der Schlechteste?

West: An dieser Diskussion werde ich mich nicht beteiligen, da kann ich nur verlieren. (lacht)

SPOX: Auch wenn Ihre Rap-Bemühungen im Internet kritisiert werden, können Sie zumindest auf die Unterstützung der Mavs-Fans hoffen. Warum sind Sie in Dallas so beliebt?

West: Ich bin einfach ein Mensch, so wie jeder Fan. Ich schnüre mir vor jedem Training die Schuhe zu, so wie es jeder Fabrikarbeiter macht, wenn er aus dem Haus geht. Womöglich spüren das die Fans, dass ich mich nicht als etwas Besseres sehe. Ich gebe jedem, den ich treffe, gerne die Hand und unterhalte mich. Mir sind solche Momente sehr wichtig.

SPOX: Doch Sie sind als NBA-Profi nicht Jedermann, sondern eine Person des öffentlichen Interesses. Gefällt Ihnen das?

West: Ich verstehe es vollkommen, dass Eltern sich Sorgen machen, wenn Kinder uns NBA-Profis als Vorbilder ansehen. Kinder können nicht differenzieren, was gut oder falsch ist, und eifern den NBA-Profis einfach alles nach. Jedem Basketballer muss bewusst sein, wie wichtig er ist. Man sollte sich das Ziel setzen, immer alles richtig zu machen. Gleichzeitig muss die Öffentlichkeit wissen, dass ich nur ein Mensch bin mit Fehlern. Ich bin keine Maschine, niemand ist eine Maschine. Deswegen ist es nicht möglich, immer alles richtig zu machen. Darum geht es im Leben: Rückschläge überwinden, zurückkommen, an seinen Fehlern wachsen.

SPOX: Fehlt Ihnen das Verständnis der Öffentlichkeit?

West: Den Medien ist nicht bewusst, wie viel Verantwortung sie tragen. Sie stellen alles übertrieben da, nehmen Aussagen aus dem Kontext und setzen das in die Welt, ohne beweisen zu müssen, ob etwas stimmt oder nicht. Dennoch wird das von jedem geglaubt und verbreitet - und irgendwann schreiben alle Websites und Blogs darüber.

SPOX: Sie waren der Einzige bei den Mavs, der in der Vorsaison um etwas mehr Verständnis für Lamar Odom bat, obwohl sich dieser als unzuverlässig und trainingsfaul erwiesen hatte. Sie sprachen dabei von Superman und Batman. Was meinten Sie?

West: Man muss es differenzieren: Auf dem Court sollte es das Ziel von jedem Basketballer sein, in jedem Spiel ein Superman oder Batman zu sein und Superleistungen zu bringen. Nur außerhalb des Courts, im realen Leben, geht das nicht. Da geht es um authentische Gefühle, um echte Emotionen. Wie will man Superman sein, wenn Du angerufen wirst und Dir mitgeteilt wird, dass deine Eltern oder deine Geschwister gestorben sind? Da ist es völlig egal, was die Leute von einem erwarten. Wenn Du als Journalist bei einem Interview bist, lässt Du das Mikrofon sofort fallen, sprintest aus der Halle und versuchst, so schnell wie möglich zur Familie zu kommen. Das ist nicht professionell - aber es ist menschlich. Das meinte ich mit Superman und Batman. Manchmal überlagern die privaten Probleme alles andere und man kann kein Superheld sein. Dass trotzdem die Medien sagen, dass der und der Basketballer mit dem Druck nicht klarkommt und diese so lächerlich macht, ist unfair.

SPOX: In diesem Sommer gab der erst 32-jährige Keyon Dooling sein Karriereende bekannt, weil er sich nach Jahren der Verdrängung psychisch erholen müsse. Unter anderem erzählte er, dass er als Kind sexuell missbraucht wurde und diese Erinnerung ausblocken musste, um in der NBA zu funktionieren. Wie haben Sie seinen Rücktritt verfolgt?

West: Keyon ist der ultimative Profi, das ultimative Vorbild. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich in die Liga kam: Keyon arbeitete schon bei der Spielergewerkschaft und half mir sehr, mich in der NBA zurechtzufinden. Und jetzt gehe ich in meine neunte NBA-Saison. Ohne ihn wäre das vielleicht nicht möglich gewesen. Er ist gemeinsam mit Derek Fisher mein Vorbild.

SPOX: Können Sie sich vorstellen, ähnlich wie Dooling jungen Spielern mit Problemen zu helfen?

West: Auf jeden Fall! Ich sage immer: "You reach one, you teach one." Ich glaube, dass ich meine Erfahrungen gesammelt habe und junge Spieler davor schützen kann, die gleichen Fehler zu begehen.

SPOX: Obwohl Sie in der NBA über 14 Millionen Dollar verdient hatten, waren Sie im Sommer 2011 "pleite", wie Sie selbst tweeteten. Statt jedoch zu verzagen, reichten Sie bei der Baumarktkette "Home Depot" eine offizielle Bewerbung ein, um während des Lockouts einer normalen Beschäftigung nachzugehen. Daraufhin gab es in den Medien fast nur Gespött. Was dachten Sie sich?

West: Die Leute, die über meine Bewerbung lachen, haben keine Ahnung von der Welt. Was ist schlimm daran, sich bei "Home Depot" um einen Job zu bemühen? Jeder Job, der dir hilft, die Familie zu ernähren und die Rechnungen zu zahlen, ist ehrenhaft. Ich habe so viele Angestellte bei "Home Depot" getroffen, die ehrliche und gute Menschen sind. Garantiert ehrlicher und besser als die meisten, die in der NBA rumlaufen. Daher hänge ich lieber mit den Leuten im Lagerraum vom "Home Depot" ab als mit einigen dieser sogenannten NBA-Stars.

SPOX: Ist Dirk Nowitzki ein sogenannter oder ein echter NBA-Star?

West: Nach meiner ganz privaten Definition ist Dirk einer der ganz wenigen echten Superstars. Er ist keiner, der es nötig hat, 1000 Werbedeals abzuschließen oder sich eine Entourage um sich zu versammeln, damit ihm alles abgenommen wird. Seine Arbeitseinstellung und seine Bescheidenheit sprechen für sich, sie machen ihn zum Superstar. Nicht irgendein Gimmick oder irgendein Tennisschuh mit seinen Initialen darauf. Dirk ist menschlich. Er ist authentisch, er ist freundlich, er sagt zu jedem Hallo und Goodbye. Er schätzt jede Unterhaltung, die man mit ihm führt. Er sieht in jedem das Menschliche. Bei den Gesprächen mit den anderen Stars kann man ihnen nicht einmal ins Auge schauen, weil sie sich für etwas Besseres halten.

Der gesamte Spielplan: So läuft die Saison für Dallas

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