Delonte West im Interview

"Ich komme als Bad Boy klar"

Von Interview: Toby Rochau
Dienstag, 24.01.2012 | 12:25 Uhr
Delonte West kam vor der Saison als Free Agent nach Dallas - zum Minimal-Gehalt
© Getty
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Er ist manisch-depressiv und ein vorbestrafter Sonderling. Bei den Dallas Mavericks aber hat sich Combo-Guard Delonte West sofort unverzichtbar gemacht. Seine Inspiration: Dirk Nowitzki. Der 28-Jährige über die wahre Klasse der Mavs, Nowitzkis Fleiß und die Episode mit dem Weißen Haus.

SPOX: Dallas ist das große Rätsel der NBA. Die Mavs verlieren mal haushoch oder nach dramatischen Buzzer-Beatern, dann gewinnt Ihr Team die letzten beiden Spiele, obwohl Dirk Nowitzki fehlt. Was soll man von Dallas halten?

Delonte West: Ich war nach dem Saisonstart lange nicht so geschockt wie die Öffentlichkeit. Es ist doch kein Wunder, dass anfangs vielleicht die letzte Portion Bissigkeit fehlte, wenn die Mannschaft im Sommer zuvor die Championship gewonnen hat. Es fällt jedem schwer, neu anzufangen, wenn man etwas erreicht hat, für das man sein Leben lang gearbeitet hat. Außerdem ist es nun mal so, dass ein Team mit vielen Veteranen besonders darunter leidet, wenn das Trainings Camp wegen des Lockouts nur zwei Wochen dauert. Wir mussten uns erst in Form bringen.

SPOX: Was an Dallas verwundert: Trotz der erfahrenen Spieler verlor Ihre Mannschaft bereits drei Topspiele durch gegnerische Dreier im letzten Moment.

West: Wir sahen bei den Clippers und den Lakers nicht wirklich gut aus, das stimmt, aber die Niederlagen waren erklärbar: Es war eine Kombination aus Pech und schlecht ausgeführten Verteidigungsspielzügen. Bei unserer Serie von 5 Siegen kurz davor haben wir einen viel besseren Eindruck hinterlassen. Ich glaube, dass diese Saison der Zufall eine große Rolle spielt. Wenn man in einer solch kurzen Zeitspanne so viele Partien zu bestreiten hat, kann man nicht jedes Mal die Bestleitung zeigen. Das geht einfach nicht.

SPOX: Gehören die Mavs dennoch zu den Titelfavoriten?

West: Davon bin ich zu 100 Prozent überzeugt. Wir sind erfahren und wir wissen, dass wir uns mit dem Saisonverlauf immer besser werden. In den Playoffs werden wir nur schwer zu besiegen sein.

SPOX: Einige Experten haben Dallas schon nach den ersten zwei, drei Spielen abgeschrieben. Wie nahmen Sie das auf?

West: Mich hat das null interessiert, was die sogenannten Experten vor sich hin schreiben. Ich nehme solche Kommentare nicht ernst. Sie haben doch keine Ahnung, wie wir Tag für Tag trainieren und was hinter dem Vorhang vor sich geht.

SPOX: Für Sie persönlich läuft die Saison sehr gut. Mehr noch: Sie sind der große Gewinner. Niemand wusste so recht, was von Ihnen zu erwarten ist, als Sie für ein Minimum-Vertrag verpflichtet wurden. Doch mittlerweile sind Sie mit Ihrer Vielseitigkeit unverzichtbar.

West: Nein, nein, das ist übertrieben. Mein Start in Dallas war okay, mehr nicht. Ich kann nicht glücklich damit sein, wenn ich okay spiele, aber das Team verliert. Ich weiß, dass ich mich verbessern muss. Mein großes Ziel ist es, den Mavs zu beweisen, dass sie richtig damit lagen, mir zu vertrauen. Diesen Beweis habe ich aber noch nicht erbracht.

SPOX: Obwohl Sie ein Guard sind, kamen erste Vergleiche mit dem abgewanderten Center Tyson Chandler auf, weil Sie mit einer ähnlichen Intensität verteidigen. Sehen Sie das ähnlich?

West: Spieler miteinander zu vergleichen ist immer schwierig, und das macht vor allem zwischen mir und Tyson überhaupt keinen Sinn, weil wir komplett verschieden sind.

SPOX: Die Mavs setzen noch mehr als vergangene Saison auf ihre Tiefe: Kein Spieler kommt im Schnitt auf mehr als 30,9 Minuten. Sie haben einen Großteil der Karriere in Cleveland verbracht, wo das entgegengesetzte Konzept verfolgt wurde mit LeBron James als klaren Go-to-Guy. Kann nur das Dallas-Modell zum Titel führen?

West: Kann man so formulieren. In Cleveland hatten wir das große Problem, dass es in der Regular Season gut gelaufen ist, doch sobald es in die Playoffs ging, wurde es sehr hart für uns. Wenn man als Team nur einen Go-to-Guy hat, können sich die Gegner leicht auf einen einstellen. Du brauchst in der heutigen NBA so viele Scorer wie möglich, um unberechenbar zu sein.

SPOX: Für die Unberechenbarkeit war vergangene Saison Spielmacher Jason Kidd verantwortlich. Derzeit steckt er in einem Formtief.

West: Aber das macht uns überhaupt keine Sorgen. Kidd ist ein besonderer Spieler. Er ist einer der Wenigen, die ohne zu punkten einen großen Einfluss auf das Spiel nehmen. Ich kann noch so viel von ihm lernen. Manchmal habe ich ein Grinsen im Gesicht, wenn ich mit ihm spiele, weil es so einen Spaß macht. Jason ist ein zukünftiger Hall of Famer und es ist ein Privileg, mit ihm auflaufen zu dürfen.

SPOX: Sie spielen erstmals auch mit Dirk Nowitzki zusammen. In der Liga wie auch in den amerikanischen Medien verfügt er nach wie vor nicht über das entsprechende Standing. Wie haben Sie ihn im Laufe der Jahre wahrgenommen?

West: Ich dachte immer, dass Dirk großartig ist. Aber ich habe wie viele vor mir erst kapiert, wie großartig er ist, als ich ihn im Training gesehen habe. Wie viele Stunden er extra in der Halle bleibt, um zu werfen. Wie er als Erster im Locker Room sitzt und sich umzieht. Wie er als Letzter den Locker Room verlässt. Seine Leidenschaft für den Basketball ist nach wie vor riesig. Er ist eine Inspiration für mich.

SPOX: An Ihnen hängt seit einiger Zeit der Ruf eines unberechenbaren Bad Boys an. Spätestens seit Ihrer Verhaftung und dem Bekanntwerden Ihrer manisch-depressiven Erkrankung und den Depressionsschüben (siehe Infobox links). Hat es entsprechend eine Rolle gespielt, bei den Mavs zu unterschreiben, weil sich in Dallas viele vermeintliche Problemfälle wie DeShawn Stevenson oder Shawn Marion rehabilitiert haben?

West: Nein, denn das würde bedeuten, dass ich mich nach der Meinung der Medien orientieren würde. Wenn Sie mich als Bad Boy sehen, komme ich damit klar. Mir würden andere Schlagzeilen besser gefallen, doch es ist okay für mich. Ich möchte jeden da draußen einfach nur mit meinem Basketball begeistern. So war es schon in Cleveland und Boston, und so ist es auch in Dallas. Basketball hat die höchste Priorität, nur darum geht es.

SPOX: Dennoch holte Sie Ihre Vergangenheit ein, als Sie beim Besuch der Mavs bei US-Präsident Barack Obama angeblich nicht ins Weiße Haus gehen durften, weil es wegen Ihrer Vorstrafen Sicherheitsbedenken gab. Sie hingegen betonten, dass Sie freiwillig auf den Besuch verzichtet hätten. Was stimmt?

West: Es ist, wie es ist. Ich habe das Weiße Haus schon sehr oft besucht, weil ich in Washington aufgewachsen bin, daher brauchte ich die Führung vom Präsidenten nicht. (lacht) Ich bin an dem Tag einfach aus dem Hotel gegangen und habe meine Familie in D.C. besucht.

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