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NBA

Die Wizards ohne den verletzten John Wall: Hey Brad, braucht ihr mich überhaupt?

Von Lukas Herold
Bradley Beal muss derzeit ohne John Wall auskommen.

Die Washington Wizards müssen seit rund sechs Wochen auf ihren Franchise-Player John Wall verzichten. Coach Scott Brocks passte das System der Hauptstädter an - mit Erfolg: Die Verletzung scheint wie ein Segen für die Entwicklung der Mannschaft zu sein.

Nachdem die Washington Wizards kalt in die Saison gestartet waren und Probleme im Locker Room hatten, kämpften sie sich um die Jahreswende zurück in Richtung Homecourt Advantage in den Playoffs. Doch dann kam der Schock: John Wall musste sich Ende Januar einer Knie-Operation unterziehen. Eine "Bereinigung", wie die PR der Wizards erklärte.

Ohne den Franchise-Player war Coach Brooks gezwungen, sein Spiel umzustellen: Er verteilte die Last auf mehrere Schultern, der Fokus sollte von nun an auf dem Ball Movement liegen. Und das klappt offenbar ganz gut, so sind zum Beispiel die Team-Assists seit Walls Abwesenheit angestiegen.

Die Wizards verteilen seit dem Ausfall von Wall starke 28,6 direkte Vorlagen pro Abend und stehen damit in diesem Zeitraum an der Spitze der Liga. Zuvor stoppte Wall mit vielen Dribbles (5,88 pro Touch) und Isolations (5,3 pro Spiel) den Spielfluss. In beiden Kategorien steht Wall in Sachen Frequenz auf dem dritten Platz der Liga - seine Effizienz befindet sich allerdings nur im Mittelfeld. Das sorgte unter anderem dafür, dass die Wizards zu Beginn der Saison mit 23,5 Assists "nur" auf dem achten Rang rangierten.

Walls negativer Einfluss erscheint ziemlich unlogisch, wenn man beachtet, dass er alleine bereits durchschnittlich 9,3 Assists pro Spiel aufgelegt hat. Neben der positiven Entwicklung von Markieff Morris (1,2 auf 3,3 Assists), ist das vor allem an drei Personalien fest zu machen: Bradley Beal, Tomas Satoransky und Otto Porter Jr.

Washington Wizards: Beal entwickelt sich zum Kopf des Teams

Während der Abwesenheit von Wall entwickelte sich Bradley Beal zum Kopf der Wizards: Er führt Washington seither sowohl in Minuten (37,4) als auch Punkten (21,8) und Assists (6,7) pro Spiel an. Er hat deutlich öfter den Ball in der Hand und entwickelt sich - trotz durchschnittlich 2,2 Punkten pro Spiel weniger - vom 3-and-D-Guard mit Extra-Baukasten zu einem primären Ballhandler und Leader.

"Die Zeit ohne Wall hilft ihm, sich weiter zu verbessern. Er sieht das Spiel aus einer anderen Perspektive, wenn er den Ball so oft in seiner Hand hält", stellte Dwayne Wade nach dem Spiel zwischen den Miami Heat und Washington fest.

Gleiches ließe sich mit Sicherheit auch über Otto Porter Jr. sagen, der ebenfalls seine Rollenspieler-Situation verlassen hat, hinter Beal nun die zweite Option ist und Point-Guard-Aufgaben übernimmt. Er legt stabile 18,1 Punkte auf - zuvor waren es 13,5 - und braucht dafür nur rund zwei Würfe mehr. Zudem verteilt er fast drei Assists pro Spiel. Folglich führt er die Wizards in puncto Offensiv-Rating (114,3) an, das er um fast zehn Punkte steigerte.

Anders als Kelly Oubre Jr. kommt er mit der größeren Rolle sehr gut zurecht. Letzterer hat in dieser Saison zwar einen großen Sprung gemacht, doch ohne die klugen Pässe von Wall spielt er ineffizient. Er drückt seither fünfmal vom Perimeter ab - trifft jedoch nur 29 Prozent.

Tomas Satoransky: Entwicklung mit riesigen Schritten

In puncto True Shooting ist er hinter Tim Frazier (44,9 Prozent) der schlechteste Wizard (48,2 Prozent). In dieser Kategorie wird Washington von Tomas Satoransky (68 Prozent) angeführt, der der mit Abstand größte Lichtblick seit der Wall-Verletzung ist. Nachdem klar war, dass Wall längere Zeit ausfällt, gab es Gerüchte um Derrick Rose oder Ty Lawson als Sofort-Hilfe, doch die Leistungen von Satoransky beweisen, dass es die richtige Entscheidung war, keinen weiteren Point Guard zu akquirieren.

Er steht sinnbildlich für die Entwicklung der Bank, die in den vergangenen Saisons oft als größter Schwachpunkt der Wizards galt. Nachdem zuvor diverse Back-Up-PGs (Brandon Jennings, Trey Burke und Ramon Sessions) scheiterten, liefert der Sophomore nun ab.

Er steht knapp 30 Minuten pro Partie auf dem Feld, legt 11,2 Punkte (55,5 Prozent aus dem Feld, 51,1 (!) Prozent von Downtown) auf und setzt seine Mitspieler klug in Szene, was an seinen 5,7 Assists pro Spiel zu erkennen ist. "Er geht jede Nacht aufs Parkett und weiß, dass er einen guten Guard verteidigen muss und akzeptiert das", lobt Beal seinen Teamkollegen gegenüber CBS Sports: "Er spielt mit Herz und Willen."

Wizards ohne Wall: Die Stats der ersten Fünf

NameMinutenPunkteReboundsAssists3PA/3PPNet-Rating
Tomas Satoransky29,911,23,85,82,1/51,16,8
Bradley Beal37,421,84,86,76,3/37,63,5
Otto Porter Jr.33,018,17,02,74,3/42,28,6
Markieff Morris30,414,46,23,33,2/39,14,2
Marcin Gortat23,17,16,72,0-3,4

Washington Wizards: Fortschritte der Bankspieler

Sicherlich ist er aktuell kein Bankspieler, doch mit der Rückkehr von Wall wird er die Bank auf ein neues Level heben, wenn er seine Leistungen ansatzweise konservieren kann - zumal er dann nicht mehr so häufig gegen die Guard-Elite der Association ran muss. "Wenn John zurück ist, wird Tomas nicht mehr so viele Minuten auf dem Feld stehen. Doch seine 15 bis 20 Minuten werden dann besser sein, weil er selbstbewusster ist", stellt Coach Brooks fest.

Neben Satoransky zeigen sich allerdings auch Mike Scott, Jodie Meeks und Vertrags-Eigentor Ian Mahinmi als brauchbare Rotationsspieler.

Nach der schwachen letzten Saison bei den Atlanta Hawks spielt vor allem Scott stark. Der Forward legt pro Spiel 8,7 Punkte und bietet bei ordentlichem Volumen vor allem Spacing (40,9 Prozent von Downtown).

Beal und Gortat befeuern schlechtes Teamklima

Parallel zur guten Entwicklung befeuerten Beal und Marcin Gortat die Vermutungen, dass es bei den Wizards mit Wall als Leader mannschaftsintern kriselte. "Es macht nun Spaß. Jeder bekommt Touches, jeder bekommt Würfe. Das hält den Locker Room und die Kameradschaft zusammen", sagte Beal: "Wir arbeiten im Team." Des Weiteren twitterte Gortat: "Toller 'Team'-Sieg", was als Stich gegen Wall aufgefasst wurde, der sich bisher nicht dazu äußerte. Es könnte die deutlich größere Baustelle der Wizards sein.

Passenderweise wurde, nachdem die Wizards acht der ersten zehn Spiele ohne Wall gewinnen konnten - unter anderem Siege gegen die Celtics, Raptors und OKC -, bereits darüber diskutiert, ob Washington ohne ihren Franchise-Player gar besser sei. "Jemand, der so etwas behauptet, hat keine Ahnung von Basketball", sagte Kevin Durant gegenüber der Washington Post.

Die eigentliche Frage sollte also vielmehr lauten, was Wall aus seiner Auszeit mitnehmen kann und wie die Wizards ihn in das neue System integrieren. Er ist ohne Frage einer der besten Two-Way-Guards der Liga, doch seine offensive Effizienz lässt zu wünschen übrig. Er hat den Ball viel in seinen Händen und nimmt die zweitmeisten Würfe der Wizards, obwohl er einer ihrer schwächsten Schützen ist.

Wizards: Wall fehlt in der Crunchtime

Über die Saison hinweg ist er - unter den Zauberern, die relevante Minuten gespielt haben - der zweitschlechteste True-Shooter (51,1 Prozent). Unter dem Korb schließt er stark ab, doch die Werte von drei bis zehn (31,6), zehn bis 16 (29,3) und 16 Fuß bis hinter die Dreierlinie (29,7) sind katastrophal - Karriere-Tendenz fallend. Diese Zahlen kommen auch dadurch zustande, dass in dieser Spielzeit fast jeder zweite Wurf von Wall ein Pull-Up ist. Nach einem Pick'n'Roll mit Gortat nimmt Wall beispielsweise oft einen schwierigen Midrange-Wurf aus dem Dribbling.

Es scheint offensichtlich, dass Wall den Wizards in einer anderen Rolle, die sich mehr auf seine Stärken beschränk, deutlich mehr helfen könnte - lässt sich das mit seinem Ego verbinden? Fraglich. Allerdings zeigten die jüngsten Niederlagen auch, dass er seinem Team vor allem in der Crunchtime fehlt, in der er in den vergangenen Playoffs des Öfteren seine Qualitäten unter Beweis gestellt hat. Auch der Double-OT-Sieg gegen die enorm dezimierten Celtics trübt diesen Eindruck nicht.

Letzten Endes liegt es an Brooks, wie er seinen besten Spieler bei seiner Rückkehr, die auf knapp zwei Wochen prognostiziert wurde, integriert. Der Coach hat bereits eine Marschrichtung vorgegeben: "Wir wollen nicht, dass John sich ändert. Er ist elitär. Wir wollen ihm nicht sein Pick'n'Roll nehmen. Wir wollen ihm nicht seinen Speed von Coast zu Coast nehmen. Aber die anderen Spieler werden weiter gut spielen und wachsen."

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