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Die neue Identität der Atlanta Hawks

Beton statt Ballett

Mittwoch, 20.04.2016 | 15:20 Uhr
Kein Durchkommen: Marcus Smart (M.) gegen Paul Millsap (r.) und Mike Scott
© getty
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Nach einem dominanten Auftritt daheim führen die Atlanta Hawks in der Playoff-Serie gegen die Boston Celtics mit 2-0. Während ein dezimiertes Boston verzweifelt nach Lösungen sucht, fühlt sich das Team von Coach Mike Budenholzer in seiner neuen Haut sichtlich wohl: Wo vor einem Jahr noch die Offense gelobt wurde, verbreitet nun die Verteidigung Angst und Schrecken. Aber: Wie schwer wiegt ein Ausfall von Dennis Schröder?

Vielleicht hatte Brad Stevens das Unheil vor dem Beginn der Postseason bereits kommen sehen. Ein Duell mit den "gleichstarken" Hawks (ebenfalls 48 Siege in der Regular Season) stand an, ein Duell, in dem viele Experten den Celtics trotz fehlenden Heimvorteils einen Sieg zutrauten.

Schließlich war Boston, dieses junge, aufstrebende Team mit einem jungen, aufstrebenden Coach, irgendwo auch ein "sexy Pick". Keine Superstars, dafür aber eine gut eingestellte Truppe, die zuletzt sogar bei den Warriors gewonnen hatte. Die Hawks dagegen hatten nach ihren 60 Siegen in der Vorsaison und dem demütigenden Sweep durch die Cavaliers einen Schritt zurück gemacht. Solide, klar. Gut gecoacht ebenfalls. Aber doch wieder eine graue Maus, ohne Hoffnung auf den großen Durchbruch.

Aber Stevens wusste, was seinem Team blühte. "Im letzten Jahr haben alle über ihre Offense gesprochen. Atlantas Offense war in aller Munde, aber ihre Defense war in den letzten beiden Jahren auch gut, und sie ist in diesem Jahr sogar noch besser geworden." Vielseitig, schnell, aggressiv gegen das Pick-and-Roll, dazu schnelle Hände, diszipliniert, viele Switches.

"Wir müssen irgendwas ändern"

Zwei Spiele später wünscht er sich wohl, er hätte nicht Recht behalten. Nach einem extrem engen Spiel 1 legten die Hawks in der zweiten Partie vor eigenem Publikum die Daumenschrauben an und schalteten ein zugegebenermaßen ersatzgeschwächtes Boston über fast die kompletten 48 Minuten aus. 3 Punkte in den ersten sechs Minuten, nur 7 Zähler im ersten Viertel. Negativrekord in den Playoffs für die stolze Franchise aus Beantown.

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Beim Stand von 24:3 war das Spiel gelaufen, das Offensivspiel der Celtics erinnerte frappierend an die Niederlage der Mavs ein paar Tage zuvor. Isaiah Thomas? Jae Crowder? Marcus Smart? Allesamt komplett abgemeldet. An die Kette gelegt. Kalt gestellt. "Ich weiß nicht, was", so ein verzweifelter Crowder nach der Partie, "aber wir müssen irgendwas ändern".

Man kann ihm nur viel Glück wünschen. Geschenke verteilen werden die Hawks nicht.

Top-Defense trotz aller Widerstände

Ball Movement, offene Dreier von Korver, eine rasante Siegesserie: Die "Spurs des Ostens" wurden im vergangenen Jahr über den grünen Klee gelobt. Bevor dann in der Serie gegen LeBron und Co. plötzlich alle anders wurde. In der Offseason packte dann mit DeMarre Carroll auch noch der beste Flügelverteidiger des Teams seine Sachen und floh über die Grenze gen Kanada.

In dieser Saison lief dann irgendwie alles nicht mehr so rund. Die Dreier von Korver fielen nicht mehr (von 49 Prozent auf knapp unter 40), die Offense machte einen Schritt zurück, um Point Guard Jeff Teague gab es bis zur letzten Sekunde Trade-Gerüchte, weil ihm die Franchise angeblich nicht vollständig vertrauen würde. Machte unter dem Strich zwölf Siege weniger, unter den Top-Teams des Ostens nur noch Mittelmaß.

Aber gleichzeitig reifte unter der sicheren Hand von Spurs-Jünger Mike Budenholzer eine famose Defense heran. Zwar nicht unbemerkt, aber auch nicht gerade sonderlich beachtet. "Spurs des Ostens"? Wenn es offensiv nicht mehr passt, kann man die Texaner ja immer noch defensiv kopieren.

Besser als die Spurs?

Im System gelang das nicht vollständig, schließlich haben die Hawks keinen Rim Protector der Marke Tim Duncan zur Hand. Aber im Ergebnis funktionierte es wunderbar. Die Defense, im vergangenen Jahr noch auf Platz sechs, schoss in dieser Saison mit nur 101,4 zugelassenen Punkten pro 100 Possessions auf Platz zwei. Im Kalenderjahr 2016 liegt man sogar noch vor den Spurs.

"Sie spielen ihren Stiefel herunter", hatte Stevens nach Spiel 2 erkannt. "Sie fliegen förmlich umher, sind bei Cuts sehr körperbetont. Sie gehen oft unter den Pick, zwingen uns zu Jumpern, verstopfen bei Drives die Zone und verteidigen am Ring." Genauso wie sie es schon in den letzten Wochen und Monaten gemacht hatten.

Horford und Millsap

Dabei beginnt die Hawks-Defense wie so viele andere auch mit den Big Men. Aber mit Al Horford und Paul Millsap stellt man keine Türme über sieben Fuß, und sie glänzen auch nicht durch übermenschliche Athletik. Dafür sind sie enorm intelligent, immer in der richtigen Position, nie aus der Ruhe zu bringen. Horford glänzt mit seiner Spannweite, Millsap bringt es auf 1,7 Blocks und 1,8 Steals - und den fünften Platz bei der Wahl zum Defensive Player of the Year.

Was sie ganz besonders auszeichnet: Bei Switches können beide auch gegen Guards ihren Mann stehen und sowohl den Drive, als auch den Jumper verteidigen - wie die Celtics am Dienstag feststellen mussten. Gibt der Guard nach dem Pick-and-Roll und dem Switch den Ball ab, sind beide flink und verständig genug, das Matchup zu wechseln, ohne dabei aber dem Roll-Man zu viel Platz zu lassen.

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Dazu kommen mit Kent Bazemore und Thabo Sefolosha zwei Forwards, die defensiv ebenfalls mit allen Wassern gewaschen sind. Korver macht fehlende Physis durch Einsatz und Spielverständnis wett, und die Aufbauspieler Teague und Dennis Schröder sind schnell, nervig, eine Pest für jeden Point Guard.

"...so lange sich unsere Defense treu bleibt"

Bis auf Millsap ist wohl keiner der Stammkräfte ein "Elite-Defender". Aber im Verbund, mit Disziplin und einem cleveren Gameplan von Budenholzer, springen so die Top 5 in den Kategorien Field-Goal-Defense, Turnover (bei Punkten nach Turnover stehen sie mit fast 19 Punkten auf Platz zwei in der Liga) und Free Throw Rate heraus. Und in der Restricted Area direkt unter dem Ring verteidigt kein Team derart erfolgreich wie Atlanta - 56,7 Prozent sind NBA-Bestwert.

Die Celtics haben ein Team gegen sich, das stolz auf die eigene Verteidigung ist - mindestens so stolz wie auf die fließende Offense vom letzten Jahr. "Wenn wir keine 105 Punkte machen, 40 Prozent von der Dreierlinie oder 50 Prozent aus dem Feld treffen, dann ist das eben so", betonte Bazemore. "Wenn wir 17 Prozent aus dem Feld treffen und gewinnen, sind wir zufrieden - so lange sich unsere Defense treu bleibt." 25 Prozent werfen die Celtics in der Serie von Downtown, verfehlten am Dienstag 50 ihrer 82 Würfe. Bislang ist diese Mission geglückt.

Boston wird es ohne Avery Bradley und Kelly Olynyk schwer haben, auch im heimischen Garden. "Im Logo, in den Jerseys und in der Geschichte der Celtics steckt eine Menge Stolz", warnte Kyle Korver zwar, "sie werden im nächsten Spiel alles in die Waagschale werfen und wir müssen dafür bereit sein." Aber der Favoritenstatus in diesem Matchup ist mittlerweile klar, auch ohne Auswärtssieg.

Wie schwer wiegt ein Ausfall von Schröder?

Könnte die Defense auch in der zweiten Runde derart auftrumpfen, vielleicht im Rematch gegen die Cavaliers? Der große Vorteil der Hawks ist, dass die ebenfalls eher klein aufgestellten Celtics ihre Reboundschwäche, die so ziemlich einzige frappierende Schwachstelle (47,5 Prozent Rebound Rate, Platz 28 in der Liga) überhaupt, nicht wirklich ausnutzen können. Gegen einen Frontcourt mit LeBron, Mozgov, Love und Thompson könnte das anders aussehen.

Erst einmal muss der Champion von 2008 gestoppt werden. Und das womöglich ohne Dennis Schröder, der am Ende von Spiel zwei umknickte und ohne Schuh aus der Halle humpelte. Gebrochen ist zwar nichts, dennoch ist ein Ausfall in Spiel 3 am Freitag im TD Garden und womöglich sogar darüber hinaus bislang nicht auszuschließen. Kirk Hinrich ist war ein cleverer Veteran, dem Deutschen aber in Sachen Speed und Defense klar unterlegen. Gut, dass Teague seit dem All-Star Break noch einmal aufgedreht hat (16,7 Punkte pro Spiel, 40 Prozent 3FG).

Budenholzer dürfte in einem solchen Fall sein Defensivsystem noch einmal anpassen. Derzeit machen es ihm seine Schützlinge aber auch leicht. Sein knappes Fazit nach Spiel 2: "Zufrieden mit der Defense, unserem Einsatz in der Zone, um den Korb, überall."

Der Spielplan im Überblick

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