Dienstag, 17.09.2013

Legenden-Serie: "Pistol Pete" Maravich

Von Androiden und Besessenheit

Pete Maravich zelebrierte als einer der ersten die Finessen des Basketballs. Sein Vater wollte ihn zum perfekten Spieler trimmen, am College stellte er einen Rekord für die Ewigkeit auf. Trotz fehlender Meisterschaften zählt "Pistol Pete" zu den besten Spielern der Geschichte - und kämpfte dennoch jahrelang gegen Dämonen an. Bis zu seinem tragischen Tod.

Pete Maravich begann seine NBA-Karriere bei den Atlanta Hawks
© getty
Pete Maravich begann seine NBA-Karriere bei den Atlanta Hawks

Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts war Basketball nicht das, was wir heute unter dem Spiel verstehen. Er war nicht athletisch, er war nicht schnell, er war auch nicht spektakulär. Einzig der Faktor Größe spielte eine nicht unwesentliche Rolle. "You can't teach height" galt damals wie heute. Wenn Größe schon nicht zu trainieren ist, so sollten doch wenigstens einige Facetten zu erlernen sein, die einen von den übrigen "Ballkünstlern", die in ihrer Spielweise häufig an das Schwarz-Weiß der TV-Bilder erinnerten, abheben.

So oder so ähnlich muss Press Maravich gedacht haben. Seit er 1929 erstmals mit dem orangefarbenen Leder in Berührung gekommen war, war der Sohn serbischer Einwanderer wie besessen. Besessen vom Spiel. Zur erfolgreichen Profikarriere reichte es jedoch nie. Kurz bevor sein Sohn Peter das Licht der Kleinstadt Aliquippa in Pennsylvania erblickte, beendete Press seine aktive Laufbahn.

Der Traum vom Basketball-Androiden

Doch wie so häufig war es damit nicht getan. Maravich war nicht bereit, seinen Traum zu begraben. Er sollte weiterleben. Weiterleben durch seinen Sohn. Mehr noch: Aus dem kleinen Pete sollte der ultimative Spieler werden, ein Basketball-Android.

Dazu kreierte Maravich senior an die 40 spezielle Übungen, die Pete vom siebten Lebensjahr an sechs bis zehn Stunden pro Tag trainierte. Er dribbelte aus einem fahrenden Auto heraus. Im Kino setzte er sich immer an den Gang, um auch während der Vorstellung am Ballhandling arbeiten zu können.

"Ich nahm den Ball sogar mit ins Bett", erzählte Maravich einst. "Nachdem mich meine Mutter zugedeckt und mir gesagt hatte, dass sie mich liebt, habe ich nur drei Dinge gesagt. 'Fingerspitzen, Backspin und Follow-Through'. Ich war besessen von Basketball."

Seiner Zeit voraus

Und genau diese Besessenheit machte aus Pete etwas Besonderes, machte aus seinem Spiel etwas Spezielles. Auf dem Court veranstaltete er Dinge, die so damals schlicht nicht zu sehen waren. Er dribbelte hinter dem Rücken, spielte No-Look-Pässe, fand die unmöglichsten Passwinkel und zudem immer wieder einen Weg zu scoren.

Maravich konnte aus beinahe jeder Position auf dem Court punkten. Trotz, vielleicht auch wegen seiner speziellen Wurfbewegung, die einen Journalisten während Maravichs Highschoolzeit so sehr an das Ziehen einer Pistole erinnerte, dass er ihm direkt einen neuen Spitznamen verpasste. "Pistol Pete" war geboren.

Auch deshalb wurde der schmächtige Junge mit den traurigen Augen zusehends zum nationalen Ereignis, dem sich spätestens mit Maravichs Wechsel an die Louisiana State University niemand mehr entziehen konnte - oder wollte. Als er während seiner ersten Saison gemäß den damaligen Statuten noch nicht für die erste Mannschaft auflaufen durfte, waren Spiele seines Freshman-Teams besser besucht, als jene des Division-1-Teams der Tigers.

Pete Maravich auf dem Basketball-Court zuzusehen, glich einem Blick in die Glaskugel. "Er dribbelte hinter dem Rücken oder durch die Beine, ehe irgendjemand anders das getan hat", erzählt sein ehemaliger Gegenspieler John Mengelt. "Er war so unterhaltsam, dass du dich als Gegenspieler manchmal sogar dabei erwischt hast, wie du ihm einfach zusahst."

College-Rekord für die Ewigkeit

Maravichs unglaubliche Leistungen am College allein an den offenen Mündern der Konkurrenz festzumachen, würde der Sache allerdings bei weitem nicht gerecht. Natürlich ermöglichte ihm sein Coach, nicht ganz zufällig Vater Press, überdurchschnittlich viele Freiheiten. Natürlich lief Louisianas Offense beinahe ausschließlich über Maravich.

Was dieser damit anzufangen wusste, ist bis heute jedoch unerreicht - und wird es wohl auch bleiben. 44,2 Punkte erzielte er während seiner drei Jahre als Tiger. Im Schnitt! Zum Vergleich: Austin Carr legte als zweitbester College-Scorer aller Zeiten knapp zehn (!) Punkte weniger auf (34,6).

Bedenkt man nun, dass die Dreierlinie zwischen 1967 und 1970 vom Basketball in etwa so weit entfernt war wie Muggsy Bogues vom Slam Dunk Contest, erscheinen Maravichs Leistungen noch einmal in einem ganz anderen Licht.

Probleme in der NBA

Am College war er tatsächlich zu jenem Basketball-Androiden geworden, der seinem Vater immer vorgeschwebt war. Er dominierte so sehr, dass die NBA es überhaupt nicht erwarten konnte, bis sich der neue Heilsbringer endlich für den Draft anmeldete. Selbst die Harlem Globetrotters boten Maravich einen Vertrag in Millionenhöhe an. Einem weißen Jungen mit Wuschelhaaren und Ringelsocken.

Pete Maravich war ein Star, noch ehe er überhaupt ein Profispiel absolviert hatte. Sein Name war bereits so groß, dass ihn die Hawks 1970 mit einem mit 1,9 Millionen Dollar dotierten Rookie-Vertrag ausstatteten. Plötzlich war der Guard zum bestbezahlten Spieler der Liga aufgestiegen.

Das Problem: In Atlanta stieß Maravich zu einem mit Veteranen gespickten Team um Lou Hudson, das in der Vorsaison bereits 48 Siege eingefahren hatte und dessen Gehaltsstruktur eigentlich keine Ausstöße nach oben zuließ. Schon gar nicht durch einen Rookie.

"Habe für die Fans gespielt"

Hinzu kam, dass Maravichs Hochgeschwindigkeitsstil eigentlich nicht zu einer Mannschaft passte, die das Setplay bevorzugte. Auch das Show-Element wurde von den Teamkollegen nicht allzu positiv aufgenommen. "Ich habe für die Fans gespielt. Daran besteht kein Zweifel", erzählt Maravich rückblickend. "Manchmal hat das meinen Mitspielern nicht wirklich gefallen, weil meine Pässe sie mitunter im Gesicht trafen. Zu allererst habe ich jedoch gespielt, um zu gewinnen."

Gerade dieses nicht unwesentliche Detail wollte allerdings nie wirklich gelingen. Nach vier eher weniger erfolgreichen Spielzeiten in Atlanta wurde Maravich 1974 schließlich zur Expansion-Franchise nach New Orleans getradet. Doch auch im Big Easy fand diese Diskrepanz zwischen individueller Leistung und Teamerfolg ihre Fortsetzung.

Maravichs Anwesenheit allein sorgte für volle Hallen und lautstarkes Raunen, jedoch nicht für Siege und Meisterschaftsringe. Pistol Pete war fünf Mal All-Star, wurde zwei Mal ins NBA First Team gewählt, sicherte sich 1977 mit 31,1 Punkten im Schnitt den Scoringtitel, gewann als Leader jedoch nicht eine Playoff-Serie.

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Persönliche Probleme

Einen Beitrag leistete dazu sicher auch Maravichs enigmatisches Wesen. Sein Leben war bestimmt von der Suche nach dem Sinn. Maravich schloss sich verschiedenen Religionen an, glaubte an Aliens - um UFOs auf sich aufmerksam zu machen, schrieb er "Take Me" auf sein Dach - und verfiel schließlich dem Alkohol. Sogar wichtige Spiele soll er betrunken angegangen sein.

Als dann auch noch die Verletzungsprobleme zunahmen, Maravich wegen seiner maladen Knie immer häufiger zusehen musste, waivten die Jazz ihn schließlich kurz nach ihrem Umzug von New Orleans nach Salt Lake City.

Rücktritt zum falschen Zeitpunkt?

Dennoch hätte Maravich seine Karriere beinahe gekrönt. Mit den Boston Celtics stand er 1980 als Bankspieler im Conference Final. Doch die Sixers um Julius Erving waren zu stark. Boston schied aus, Maravich beendete seine Karriere und fügte seiner Laufbahn damit ein weiteres bitteres Kapitel hinzu. Schließlich gewannen die Celtics im Jahr darauf die Meisterschaft, Pistol Pete blieb dagegen unvollendet.

Wohl kaum ein Wort reflektiert die Karriere Maravichs derart treffend. So schenkte er den Knicks um ihren Premiumdefender Walt Frazier unglaubliche 68 Punkte ein, nur um kurz vor dem Ende mit sechs, teils fragwürdigen Fouls vom Feld zu müssen. Seine 69-Punkte-Gala am College verloren die Tigers gegen Alabama mit 104:106. Nach diesem Schema lief es häufig ab. Immer wieder wurden großartige individuelle Leistungen durch äußere oder innere Umstände getrübt.

Und dennoch geht Peter Press Maravich als einer der besten Spieler, die die NBA je gesehen hat, in die Geschichte ein. Er wurde in den Kreis der 50 besten Spieler aller Zeiten und 1987 in die Hall of Fame aufgenommen.

Vorbild für die Showtime-Lakers

Nur wenige konnten oder können heiß laufen, wie Maravich es tat. Sein Ballhandling ist bis heute selten erreicht, sein Spielstil dient generationenübergreifend als Inspiration. "Pistol hatte großen Einfluss auf mich", erzählt beispielsweise Isiah Thomas. "Ich habe oft versucht, seine Moves nachzumachen. Er tat auf dem Court Dinge, die einige heute noch nicht können."

Magic Johnson, Anführer der Showtime Lakers, gab einst sogar zu, dass Maravich "die wahre Showtime" gewesen sei. Nicht auszudenken, was für Maravich möglich gewesen wäre, wäre die Dreierlinie nicht erst während seiner letzten Saison eingeführt worden.

Hatte er vorher bereits angedeutet, dass der Distanzwurf durchaus ein probates maravichsches Offensivstilmittel hätte werden können, so trat er den Beweis kurz vor Karriereende noch einmal an. 10 von 15 dieser damals neu eingeführten Dreier verwandelte er während der Saison 1979/80. Pistol Petes Karrierequote liegt damit bei 67 Prozent. Auf seinem sportlichen Zenit wäre er so wohl nicht zu verteidigen gewesen.

Tragischer Tod

Maravichs Leben glich einem Pendel, das jederzeit in eine Richtung ausschlagen konnte. Hochgefühl und Erfolg auf der einen, tiefe Trauer, Unsicherheit und Misserfolg auf der anderen Seite. Sogar die Ereignisse rund um seinen tragischen Tod liefen irgendwie nach diesem speziellen Schema ab.

Im Januar 1988, Pistol Pete hatte nach Jahren des Umherirrens endlich seinen inneren Frieden gefunden, nahm er an einem Pick-up-Game teil. "Ich fühle mich großartig", sagte er während einer Pause, brach wenig später zusammen und starb.

Posthum diagnostizierten die Ärzte einen Herzfehler. Maravich besaß nur eine Herzarteriere. Patienten mit einer solchen Diagnose erleben selten das zwanzigste Lebensjahr, Pistol Pete betrieb einen Großteil seines Lebens Hochleistungssport.

Pete Maravich war etwas Besonderes. Er war anders. In beinahe jeder Hinsicht. Fast perfekter Basketballer und zerbrechliches Enigma zugleich. Und er brachte Farbe in das triste Schwarz und Weiß des Basketballs der Sechziger.

Der Spielplan der Saison 2013/14

Max Marbeiter

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Max Marbeiter(Redaktion)

Max Marbeiter, Jahrgang 1984, ist seit 2012 bei SPOX.com. Während seines Anglistik- und Politikstudiums in Erlangen knapp 3 Jahre lang freier Mitarbeiter bei kicker.de und im Anschluss an ein Praktikum auch einige Monate in der Lokalsportredaktion der Süddeutschen Zeitung. Bei SPOX.com festes Mitglied im Basketball-Ressort. Neben Texten zur NBA zählt der europäische Basketball zum Hauptaufgabenbereich.

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