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Hall of Famer Isiah Thomas im Porträt

Der Antichrist des Basketballs

Von Philipp Dornhegge
Donnerstag, 19.08.2010 | 10:36 Uhr
In seiner NBA-Karriere spielte Isiah Thomas für kein anderes Team als die Detroit Pistons
© Getty
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Als Spieler bei den Pistons war Isiah Thomas das Idol einer ganzen Generation, als Manager zerstörte er sein Denkmal. Erst als College-Coach gelang der Neuanfang. Doch schon wieder verbreitet Zeke in New York Angst und Schrecken.

Es gibt wohl keinen Fan der New York Knicks, der Ende der letzten Woche nicht erleichtert aufatmete, nachdem er tagelang entsetzt nach Luft rang. Die Nachricht, dass Isiah Thomas als Berater zu dem zweimaligen Meister zurückkehren würde, schlug ein wie eine Bombe, die Anhänger gingen in Scharen auf die Barrikaden.

Umso erfreuter war man im Big Apple, als der 49-Jährige den Deal doch noch absagte. Es verstoße gegen die Auflagen der NBA, dass er gleichzeitig als College-Coach tätig sei, begründete Thomas. Doch der blanke Hass, der von allen Seiten auf den Hall of Famer einprasselte, dürfte mindestens genauso viel zu der Entscheidung beigetragen haben.

Dass der ehemalige Point Guard zu den unbeliebtesten Menschen in der Stadt, die niemals schläft, gehört, hat er sich selbst zuzuschreiben.

Denn was Thomas zwischen 2003 und 2008 zunächst als Sportdirektor und später auch noch als Trainer mit den Knickerbockers veranstaltete, spottet jeder Beschreibung: Er versprach der Stadt und dem Team eine Meisterschaft, Ruhm und Ehre - geblieben ist aus seiner Zeit aber nur Frust.

Thomas bei den Knicks: Missmanagement und Sex-Skandal

Thomas krempelte das Team von damals komplett um, holte mit etlichen Trades aber nur gescheiterte Existenzen, die von Beginn an nicht zusammen passten und so nie zu einem Team wurden.

Darüber hinaus gab er mittelmäßigen Spielern langfristige und hochdotierte Verträge, die die Knicks auch finanziell in eine Sackgasse führten.

Erst nach Thomas' Rauswurf, der Verpflichtung vom erfahrenen Managerfuchs Donnie Walsh und einem weiteren radikalen Umbruch bessert sich langsam die Lage. Viel schlimmer als sein miserables Management war allerdings der Imageschaden, den Thomas den Knicks zufügte.

Das Team galt plötzlich als Franchise ohne Perspektive, Free Agents wollten überall spielen, nur nicht in New York. Der Skandal um die sexuelle Belästigung der Marketingchefin Anucha Browne Sanders im Oktober 2006 tat sein Übriges.

Idol einer ganzen Generation

Dabei hatten Isiah Thomas' Leben und seine Karriere anfangs noch so gar nichts Skandalöses. Er war vielmehr ein strahlendes Vorbild für eine ganze Generation armer Schwarzer, weil er es als jüngstes von neun Kindern einer alleinerziehenden Mutter aus dem Elend schaffte.

Sein Ehrgeiz etwas aus sich zu machen, trieb den jungen Isiah jeden Morgen um 5 Uhr aus dem Bett und auf eine immer wieder abenteuerliche Reise zu seiner Schule. Schon an der Highschool in Illinois wurde sein Basketball-Talent offenkundig.

Als College-Spieler war er einer der größten Stars des Landes und schaffte 1981 das, was Larry Bird kurz zuvor verwehrt geblieben war: Er brachte die NCAA-Meisterschaft nach Indiana und wurde zum Most Outstanding Player des Turniers gewählt. In der Heimat des Basketballs machte sich der damals 20-Jährige damit über Nacht unsterblich.

Als zweiter Pick des NBA Drafts heuerte er noch im gleichen Jahr bei den Pistons an und machte aus einem Team, das seit dem Umzug von Fort Wayne nach Detroit 1957 chronisch erfolglos war, einen ständigen Meisterschaftskandidaten.

Gehasst als Anführer der Bad Boys

Gemeinsam mit Center Bill Laimbeer, Shooter Joe Dumars und den Männern für die Drecksarbeit Rick Mahorn und Dennis Rodman bildete er die Bad Boys, eine ligaweit gefürchtete Truppe, die den bis heute härtesten, aggressivsten und nach Meinung vieler auch unsaubersten Basketball der NBA-Geschichte spielte.

Aber der Spielstil passte perfekt zur Arbeiterstadt Detroit. 1989 und 1990 holte Thomas mit den Pistons den Titel nach Motown. Die Nummer 11 verbrachte seine gesamte aktive Karriere in Detroit, in der er 12 All-Star-Nominierungen erhielt, eine Finals-MVP-Trophäe gewann und es dreimal ins NBA-First-Team schaffte.

Noch heute gilt "Zeke" als der vielleicht beste Ballhandler aller Zeiten, der zu jeder Zeit und aus jeder Situation spielend zum Korb ziehen oder sich aus der Bedrängnis befreien konnte.

Immer noch bekommt man in Detroit die Geschichte vom legendären Spiel 6 der Finals 1988 erzählt, als sich Thomas böse den Knöchel verstauchte, aber dennoch auf das Spielfeld zurückkehrte und humpelnd 25 Punkte im letzten Viertel erzielte. Dass die Pistons die Partie und letztlich auch die Finals knapp verloren, ist nur ein kleiner Schönheitsfehler an diesem Heldenepos.

Offene Rivalität mit Michael Jordan

Mit seiner nicht ganz einfachen Art und seiner aggressiven Spielweise machte sich Thomas allerdings nicht nur Freunde. Mit Michael Jordan verbindet ihn bis heute eine offene Feindschaft, die bis zum All-Star Game 1985 zurückdatiert, als sich Thomas angeblich aus Neid mit seinen Teamkollegen gegen Jordan verbündete, weil der als Rookie zu viel öffentliche Aufmerksamkeit bekam.

Thomas bestreitet diese Vorwürfe bis heute, aber Fakt ist, dass Jordan bei seinem ersten All-Star Game so gut wie nie den Ball bekam. Sieben Jahre später war der Mann von den Chicago Bulls längst zum besten Spielern auf dem Planeten aufgestiegen und revanchierte sich bei Thomas, indem er verhinderte, dass sein Erzfeind ins Dream Team berufen wurde, das bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona einen riesigen Basketball-Boom auslöste und 2010 in die Hall of Fame aufgenommen wurde.

Nach Einschätzung des renommierten US-Journalisten Jack McCallum (Autor des Buches "Dream Team") war der Hauptgrund, warum er nicht ins Dream Team berufen wurde, allerdings eine Episode aus den Conference Finals 1987, als Larry Bird bei einem Thomas-Einwurf mit einem legendären Steal und Assist auf Dennis Johnson den Sieg in Spiel 5 sicherte. Anschließend bezeichnete Dennis Rodman Bird als "überschätzt", und Thomas erklärte: "Dem muss ich zustimmen." Ouch.

Für Thomas brach allerdings eine Welt zusammen, als er 2009 erfuhr, dass auch Lakers-Legende Magic Johnson an dem Dream-Team-Komplott gegen ihn beteiligt war: "Ich wünschte, er hätte damals den Mut gehabt, mir ins Gesicht zu sagen, dass er mich nicht im Team haben wollte, anstatt immer nur Jordan die Schuld zu geben."

Buch zerstört die Freundschaft mit Magic Johnson

Bis dahin war Johnson einer seiner besten Freunde. Aber mit dem Buch "When The Game Was Ours", das Johnson gemeinsam mit Larry Bird schrieb, wurde diese Freundschaft jäh beendet.

Denn darin beschuldigt Johnson Thomas außerdem, Gerüchte über seine angebliche Homosexualität gestreut zu haben, nachdem Johnson seine HIV-Erkrankung 1991 öffentlich gemacht hatte.

"Wir waren so eng befreundet, dass ich mit solchen Gerüchten nicht nur seine, sondern auch meine eigene sexuelle Orientierung angezweifelt hätte", war Thomas nach der Erscheinung des Buches entsetzt. "Die Leute wissen offenbar nicht, dass mein Bruder einige Jahre zuvor schon an Aids gestorben war. Es kann also keiner behaupten, dass ich nichts über diese Krankheit wüsste."

Erfolglos in Toronto und Indiana

So holprig Thomas' erste Karriere 1994 endete, so holprig verlief auch sein Start in die zweite: Er wurde Teilhaber der Toronto Raptors, beendete vier Jahre später aber sein Engagement in Kanada, weil er sich mit dem Management zerstritt.

Von 2000 bis 2003 coachte er mit mäßigem Erfolg die Indiana Pacers, bei denen er von seinem erbitterten Feind Bird entlassen wurde. Und dann folgte eben die katastrophale Zeit in New York.

Als Thomas im Oktober 2008 mit einer Überdosis an Schlaftabletten ins Krankenhaus eingeliefert werden musste, schien er nicht nur beruflich, sondern auch psychisch am Ende. Bis heute ist nicht abschließend geklärt, ob sich Thomas tatsächlich das Leben nehmen wollte.

Fakt ist jedoch, dass ihm einige Monate später ein Anruf neue Hoffnung machte. Die Florida International University meldete sich und bot ihm den Trainerjob bei den Golden Panthers an.

Thomas' Traum bleibt eine Rückkehr zu den Knicks

Die einzige Fähigkeit, die Thomas während seiner Zeit als Manager oder Trainer unter Beweis gestellt hatte, war nämlich sein Auge für Talent. In Toronto wurden dank ihm Damon Stoudamire, Marcus Camby und Tracy McGrady gedraftet, in New York schnappte er sich mit niedrigen Picks Leute wie Wilson Chandler oder David Lee.

Und so genoss Thomas auch in seinen dunkelsten Stunden auf dem College-Level einen ausgezeichneten Ruf. An der kleinen Uni in Miami hat er zwar keine Aussichten auf das große Rampenlicht, aber vielleicht ist genau dies das Richtige für Thomas: Ein Ort, wo er nicht unter Druck steht, wo er respektiert wird und wo er unentdeckten Talenten helfen kann.

Thomas freilich sieht das anders. Er träumt weiter von einer Rückkehr nach New York. Auf einen Freund wird sich Thomas dabei wohl immer verlassen können: James Dolan.

Der Knicks-Besitzer sagte erst letzte Woche: "Er ist einer guter Freund von mir und der Knicks-Organisation, und ich werde ihn weiter um Rat bei wichtigen Entscheidungen fragen. Zwischen ihm, dem Team und mir wird es immer eine enge Bindung geben." Keine Worte, die bei den Knicks-Fans Begeisterung auslösen.

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