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NFL

Phillips und seine Pferdchen

Von Roman Brandt
Die Broncos gehen mit einer veränderten Defense in die kommende Saison
© getty

Die Broncos-Defense gehörte im letzten Jahr bereits zu den besten Verteidigungen der Liga. Dennoch wurde mit Wade Phillips ein neuer Defensive Coordinator verpflichtet. Durch ein neues System soll der 67-Jährige das Team weiter verbessern. Das Personal dafür ist vorhanden, doch es gibt auch noch Fragezeichen.

5,3 erlaubte Yards pro Spielzug über die Luft (ligaweit Platz eins) und eine Success Rate von 62,9 Prozent gegen den Lauf (Platz drei). Trotzdem war man in Colorado mit der Abwehrleistung der Wildpferde nicht gänzlich zufrieden. Defensive Coordinator Jack Del Rio wurde ohne viel Gegenwehr zum Kontrahenten aus Oakland ziehen gelassen. Warum?

Weil A) die Defensive beim peinlichen Playoff-Aus gegen die Colts die Niederlage nicht verhindern konnte und B) Denver nach den Akquisitionen von Ware, Talib und Ward eine mit Stars gespickte Defensive aufwies, die noch weitaus dominanter hätte auftreten können. Die risikoarme Taktik von Del Rio wurde dabei oft moniert. Trotz der Sack-Spezialisten Ware und Von Miller lief Denver bei der adjusted Sack Rate an der Ziellinie der regulären Saison ligaweit nur auf Rang 23 (6,3 Prozent) ein. Auch beim Playoff-Aus konnte man zu selten Druck auf Colts-Quarterback Andrew Luck entfachen.

Ein Vorwurf, den sich der neue Defensive Coordinator Wade Phillips selten gefallen lassen musste. Was wird sich unter dem 68-Jährigen in Denver ändern? Was zeichnet den Broncos-Rückkehrer und seine Defensiven überhaupt aus?

Entering...Wade Phillips

Es klingt wie eine Plattitüde, aber das Coaching wurde Wade Phillips in die Wiege gelegt. Sein Vater Andrew "Bum" Phillips (Phillips Twitter-Handle lautet deswegen @sunofbum) war unter anderem Head Coach der New Orleans Saints, zuvor war er sowohl bei den San Diego Chargers als auch Houston Oilers als Defensive Coordinator tätig. Diese Leidenschaft gab der Senior an seinen Sohnemann weiter.

Nachdem Phillips 1969 an der University of Houston unter Bill Yeoman als Assistent und anschließend in Oklahoma und Kansas erste Erfahrungen am College sammeln darf, wechselt er 1976 (Fun Fact: Das Jahr von Peyton Mannings Geburt) als Defensive Line Coach zu den Houston Oilers. Nach Stationen bei den Saints und Eagles landet er 1989 das erste Mal bei den Denver Broncos - und das mit vollem Erfolg.

Bereits im ersten Jahr verbessert sich die Abwehr der Broncos in allen Bereichen massiv (u.a. Yards allowed von Platz 22 auf 3, Yards per Play von 18 auf 3, Sack Rate von 14 auf 4). Dabei profitiert Phillips auch von elitären Spielern wie Steve Atwater oder Dennis Smith auf der Safety-Position oder dem OLB-Duo Karl Mecklenburg und Simon Fletcher.

Verbessert in allen Bereichen

"Verbesserung" ist generell ein Attribut, das man Phillips zuschreiben darf. In seinen acht Stationen als Defensive Coordinator oder Head Coach verbesserte sich die von ihm betreute Abwehr z.B. im Schnitt um über 10 Plätze bei den erlaubten Yards pro Spielzug oder über 9 Positionen bei der Sack Rate. Er ist es auch, der die Houston Texans Defense in seinem ersten Jahr von einer der schlechtesten Abwehrreihen der Liga in eine der besseren verwandelte. Er profitiert dabei selbstredend vom massiven Talent eines J.J. Watts, andererseits implementiert er für Watt bei den Texans ein perfektes System, in dem dieser erfolgreich agieren kann.

Es wird spannend zu sehen sein, ob ihm ein ähnliches Unterfangen auch bei der bereits sehr guten Abwehr der Broncos gelingen wird. Bei kaum einer anderen Station konnte Phillips ein solches Potpourri an Weltklasse-Spielern (Ware, Von Miller, Talib, Harris, Ward wurden letztes Jahr in den Pro Bowl berufen) wie nun in Denver vorfinden.

Können Ware und Von Miller unter dem neuen DC das unaufhaltbare Sack-Duo werden, welches den Fans bereits im Vorfeld der letzten Spielzeit versprochen wurde? Und wie funktioniert eine Wade Phillips Abwehr in der Regel?

Feel the Rush

Soft - diesen Vorwurf musste sich Jack Del Rio bei der abschließenden Leistungsbewertung gefallen lassen. Trotz der beiden herausragenden Man to Man-Coverage Cornerbacks Aqib Talib und Chris Harris Jr. ließ JDR oft den nötigen Druck vermissen. Beide Defensive Backs sollten meist in der Zone verteidigen, Blitzes wurden zu selten eingesetzt.

Das wird sich unter dem neuen DC ändern. Chris Harris ließ bereits verlauten, dass er sich freut, gegnerische Wide Receiver auf seiner Insel begrüßen zu dürfen. Das Eins-gegen-Eins-Duell (meist ohne Hilfe der Safeties) wird in der neuen Spielzeit wieder vermehrt zu bestaunen sein - etwas das Denver noch vom zukünftigen Hall of Famer Champ Bailey gewohnt ist.

Dabei wird Denvers Abwehr nicht gänzlich anders aussehen. Auch J. Del Rio ließ in Base Downs die Defense in einem 4-3 under (Nose Tackle ist auf der Seite des gegnerischen Tight Ends aufgestellt, der 3-technique DT beginnt dagegen in Richtung des "freien" Feldes; die unten stehende Grafik zeigt des Weiteren die Ähnlichkeit zu einer 3-4 Defense) agieren.

One-Gap-System unter Phillips

Die hybride Front und die Aufgabe der Spieler werden im Vergleich zur Vorsaison somit nicht drastisch anders aussehen. Trotzdem wird Denvers Defensive anno 2015 abweichend auftreten. Die traditionelle 3-4 Defense ist ein Konstrukt aus 3 D-Line Spielern, die je 2 Gaps beackern und 4 Linebackern, die die jeweilige Spielsituation lesen und darauf reagieren müssen.

Phillips lässt hingegen ein One-Gap-System (typisch für eine 4-3 Defense) laufen. Der Unterschied? Im One Gap-Scheme muss der Down Lineman laut Aufgabenstellung nicht reagieren. Nachdem der Spielzug angesagt wurde, darf der Verteidiger nämlich "proaktiv" handeln. Er muss nicht erst abwarten, was die Situation auf dem Feld hergibt. Er weiß im Vorfeld genau, welche Lücke er bearbeiten bzw. attackieren soll - ein Vorteil gegenüber dem Gegenspieler. Das schafft mehr Verunsicherung und erschwert die Arbeit für die gegnerische Offensive.

Für den Angriff ist nicht sofort ersichtlich aus welcher Richtung der Druck kommt oder wie viele Spieler sich auf die Jagd auf den Quarterback machen. Aufgrund dessen muss die Offense immer genügend Blocker auf dem Feld zur Verfügung stellen. Diese Anpassung ermöglicht Phillips' Abwehrreihen 5 oder gar 6 Spieler auf den gegnerischen Spielführer loszulassen - und das ohne die Secondary zu opfern.

Vier Erfolgsfaktoren

Etwas was den Trainer Phillips des Weiteren ausmacht, ist die Tatsache, dass er die Qualitäten seiner Spieler nicht blind in sein System presst, sondern sein Scheme stets an das vorhandene Personal adjustiert.

Phillips' Erfolgsfaktoren lauten dabei: Aufgabenzuteilung (Assignment), Ausführung (Alignment) und Technik/Verantwortung (Technique/Responsibility).

Er erklärt seine Art der Spielerführung (siehe Video) anhand der Positionsbeschreibung des Strongside-Linebackers: Der SAM erhält als Aufgabe die Lücke auf der äußeren Seite des Tight Ends. Als Technik soll der Linebacker dann je nach Situation entweder gegen den Lauf oder gegen den Pass verteidigen.

Kein Watt - kein Problem?

Die Art dieser Verteidigung hängt jedoch stark vom jeweiligen Spieler und seinen Qualitäten ab. Ein agiler und sehr athletischer SAM kann etwa weiter weg vom TE beginnen, um so mit mehr Geschwindigkeit den Gegner angehen zu können. So wird jeder Spieler in die für ihn bestmögliche Spielsituation manövriert. Kein Abwehrspieler muss Aufgaben auf dem Feld erledigen, die er nicht gut beherrscht.

Man denke nur an den sich immer der Defensive Line entlang bewegenden J.J. Watt aus dem letzten Jahr, der auf diese Weise kontinuierlich Mismatches kreiert und dadurch Chaos bei Gegner generiert. Einen Watt sucht man in Denver vergebens, doch auch in Mile High gibt es Qualität...

Seite 1: Das System des Wade Phillips

Seite 2: Wie wird Denvers Defense aussehen?

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