Zum 110. Geburtstag von Max Schmeling

Der legendäre Gladiator

Von Maximilian Schmeckel
Dienstag, 29.09.2015 | 11:19 Uhr
Max Schmeling (r.) gilt als einer der größten deutschen Sportler aller Zeiten
© getty
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Max Schmeling ist einer der größten Sportler aller Zeiten. Er war Schwergewichtsweltmeister, besiegte als einer von nur drei Männern den großen Joe Louis und war auch in den Staaten eine Ikone. Das NS-Regime wollte ihn zum Helden aufbauen. Doch Schmeling widersetzte sich und stand eine ganze Reihe an schweren Schicksalsschläge durch, getreu seines Mottos: "Niemals am Boden bleiben. Steh auf und mach weiter!" Am Montag wäre er 110 Jahre alt geworden.

Selbst im Moment seines größten Sieges wahrte Max Schmeling die Menschlichkeit. So eben hatte er das New Yorker Yankee Stadium und seine 100.000 Insassen zum Erbeben gebracht, indem er Joe Louis mit einer kräftigen Rechten auf die Bretter geschickt hatte. K.o. und Sieg - eine echte Sensation, hatte Louis doch bis dato nicht einen einzigen Kampf verloren. Schmeling riss die Arme nach oben, nachdem der legendäre Ringrichter Arthur Donovan den Kampf resolut für beendet erklärt hatte. Die Menge kochte.

Schmeling eilte zu Louis und half seinem Rivalen auf die Beine, bevor er sich feiern ließ. "Ich habe mich immer so verhalten als ob es einen Gott gibt", lautete Schmelings Credo. Er wollte immer etwas zurückgeben, rief die Max-Schmeling-Stiftung ins Leben, spendete seinem Heimatort Hollenstedt Geld. Und auch dem Mann, der ihn berühmt gemacht hatte. Joe Louis, half er, als dieser unter der Last von Geld- und Drogenproblemen zusammenzubrechen drohte. Als Louis 1981 starb, finanzierte Schmeling, auf Anordnung von Ronald Reagan, das pompöse Begräbnis mit.

Zentraler Moral-Kodex

Der vielleicht international am meisten geschätzte deutsche Sportler erblickte 1905 in Klein Luckow das Licht der Welt. Vater Max lehrte seinen Söhne Max und Rudolf Gehorsam und Anstand und sich streng an einen Moral-Kodex zu halten - eine Schule, die Schmeling nachhaltig prägte und nach der er sein Leben ausrichtete.

1921 sah Schmeling einen Boxfilm und war sofort fasziniert. Das Katzenhafte, die Mixtur aus Taktik und Dynamik faszinierte ihn. Der Boxsport boomte, in den USA zogen Kämpfe Tausende an und auch in Deutschland war der Zweikampf zweier Fäuste schwingender Männer, die als Waffe nur die eigene Kraft hatten, auf der Popularitäts-Skala sogar noch vor dem Fußball einzuordnen. Den modernen Gladiatoren wurde zugejubelt. Um als solch ein behandschuhter Gladiator die Gunst der Massen zu gewinnen, zog er 1922 ins Rheinland, das damalige Zentrum des deutschen Boxsports.

Modelliert in der Kölner Schule

Zunächst arbeitete Schmeling bei einer Düsseldorfer Brunnenfirma, ehe er nach Köln-Mühlheim versetzt wurde, wo er dem Amateur-Verein SC Colonia 06 beitrat. Mitgründer Josef Bruckmann und Cheftrainer Ludwig Neecke versammelten die deutsche Boxelite in Köln. Bis zu 80 Boxer trainierten in den Hallen des Sportklubs.

Modernste Traingsmethodik traf auf das Talent der gescouteten Athleten - eine Kombination, die eine ganze Reihe an erfolgreichen Boxern hervorbrachte: Neben Schmeling wurden unter anderem die Europameister Jakob Domgörgen, Hein Müller, Franz Dübbers und Josef Besselmann in der Kölner Schule zu Ausnahmeboxern modelliert.

Europameister mit 21

Niemand aber kam an Schmeling heran. "Er hatte dieses angeborene Talent. Während wir in schweißtreibenden Übungen stundenlang an der Beinarbeit feilten, war Max' Fußstellung von Beginn an perfekt", sagte Besselmann kurz vor seinem Tod 1983. Am 2. August 1924 bestritt der 18-Jährige Schmeling in Düsseldorf gegen Johann Czapp seinen ersten Profikampf. In der sechsten Runde schlug er ihn K.o.

Sein Aufstieg verlief in der Folge rasant: 1926 wurde er Deutscher Meister im Halbschwergewicht, 1927 Europameister. Die Presse feierte ihn als "Box-Hoffnung" und die Fachwelt war von seinen kräftigen Haken, seinem Timing und seiner, trotz der Körpergröße von 1,85 Metern, ästhetischen Geschmeidigkeit angetan. Dass er bald die USA als neues Kampf-Territorium erschloss, war daher nur logisch. In New York war die Bühne, auf die die ganze Welt schaute. Dort waren die Gegner, die Schmeling auch das Wasser reichen konnten und dort lagen die großen Scheine, die die Marketing-Maschinerie in den Zwanzigern im Boxsport ausspuckte.

Mit Jude Jacobs "die Welt erobern"

Schmeling und sein deutscher Manager Arthur Bülow gingen nach New York, "um die Welt zu erobern". Sie hielten Wort. Schmeling lernte den jüdischen Manager Yussel "Joe" Jacobs kennen, einen positiv Verrückten, der Jedermann zu kennen schien. "Er sprach ein Kauderwelsch aus Englisch und Ungarisch, als wäre er gerade vom Schiff gestiegen. Vom Boxen wusste er nichts, aber er wusste, wie man für seinen Mann das Beste aushandelt. Und er war so liebenswürdig wie clever", beschrieb Schmeling den Mann, der ihn zur Marke aufbaute.

Jacobs, immer mit Zigarre, die er nie rauchte, sondern kaute, im Mund anzutreffen, war ein Marketing-Profi. Er engagierte einen Fotografen, der Schmeling fortan ständig begleitete. "Wir brauchen Publicity. Du musst jeden Tag in der Zeitung stehen", sagte Jacobs und schleppte Schmeling zu Veranstaltungen, knüpfte Beziehungen und gab ihm den Kampfnamen "Der schwarze Ulan vom Rhein".

Bülow hatte Schmeling keinen prominenten Kampf organisieren können, Jacobs sorgte dafür, dass er 1928 sein US-Debüt im Madison Square Garden gab. Schmeling schlug Joe Monte K.o., genau so wie er es in Deutschland mit all seinen Gegnern gemacht hatte und bereits fünf Kämpfe später stand er im Yankee Stadium im Ring und kämpfte um den WM-Titel im Schwergewicht.

Weltmeister durch Disqualifikation

Am 12. Juni 1930 kämpfte er in seinem ersten WM-Fight gegen Jack Sharkey. Er bearbeitete den schwerfälligen Riesen litauischer Herkunft mit seinen gewohnt flüssigen Rechts-Links-Kombinationen. In der vierten Runde versetzte Sharkey ihm dann einen heftigen Tiefschlag. Die Fans pfiffen und beleidigten den US-Amerikaner aufs Übelste, Schmeling krümmte sich vor Schmerzen, er musste aufgeben.

Klappe zu, Auftritt Jacobs: Er sprang in den Ring, tobte und brüllte dem Ringrichter, geifernd vor Wut, immer wieder "Foul!" entgegen. Der Starredakteur des Imperiums von Medien-Tycoon William Randolph Hearst brüllte von seinem Platz: "Wenn Sharkey nicht disqualifiziert wird, mache ich das Boxen in Amerika tot!" Sharkey wurde disqualifiziert, Schmeling war Weltmeister.

Große Liebe Ondra

Im gleichen Jahr lernte er die Stummfilm-Ikone Anny Ondra kennen. Die österreich-tschechische Frau galt als Alfred Hitchcocks Liebling, ihr blondes wallendes Haar machte sie zu einem der größten Stars und zur ersten Schauspielerin, die synchronisiert wurde. Die anmutige Ondra und der maskuline Gladiator - die Presse stilisierte die beiden zum Traumpaar und Fotografen lauerten ihnen täglich in Restaurants auf, um die Titelseiten damit zu füllen.

Später zogen sich beide zurück, um dem Medien-Wahnsinn zu entgehen. Schmelings "große Liebe", die er 1934 heiratete, blieb bis zu ihrem Tod 1987 an seiner Seite. Heute liegen die Beiden nebeneinander auf dem Friedhof Hollenstedt begraben.

1932 verlor Schmeling seinen Titel wieder an Sharkey - in einem skandalösen Rückkampf. "Dass Schmeling diesen Kampf nach Punkten verliert, ist ein Skandal", schrieb der New York Mirror.

Seite 1: Schmelings Jugend und sein Aufstieg in den USA

Seite 2: Schmelings Wirken im NS-Regime und sein Karriereende

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