Legenden wider Willen

Von Maximilian Schmeckel
Die 1980er-Jahre waren die dominanten Zeiten von Matt Biondi und Michael Groß
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Beide zeigten, dass ihre Stärken unterschiedlicher Natur sind und es das große Duell nicht in der von den Medien beschriebenen Form geben wird. Biondi war der stärkere Sprinter, der vom Start weg ein höllisches Tempo anzog, das in seiner Kraft und rhythmischen Ästhetik ein Alleinstellungsmerkmal inne hatte. Er gilt als einer der besten 100-Meter-Schwimmer aller Zeiten und holte acht Goldmedaillen bei Olympia, was ihn zum dritterfolgreichsten Schwimmer aller Zeiten macht.

Groß dagegen war der Spezialist der 200-Meter-Disziplinen und verwies den US-Boy in Madrid im Freistil auf den Bronze-Rang. Mit seiner Spannweite hatte er zwar weniger Tempo nach dem Start, war aber vor allem auf der dritten und vierten Bahn in seiner Übersetzung und konstanten Geschwindigkeit nahezu unschlagbar. Gemeinsam hatten sie trotz oder gerade wegen ihrer Klasse ein fast schon romantisierend anmutendes Charakteristikum: "Wir wollten einfach nur schwimmen" (Biondi, 1998).

Strategen des Wassers

Was die beiden eint ist die Herangehensweise an ihren Sport und vor allem das strategische Geschick. "Schwimmen und Mathematik, bei beidem geht es um das Lösen von Rätseln, darum, Lösungen durch Logik und Vernunft zu finden", sagte Biondi über seinen Sport. So hatten beide bei Wettkämpfen einen Plan. Am Fernsehbildschirm sah es so aus, als würden sie einfach nur mit voller Kraft vom Start bis ins Ziel schwimmen.

In Wirklichkeit wussten sie genau, wann sie eine Nuance schneller werden würden und wann sie ihre Atmung anpassen mussten. "Es ist wie beim Schach. Sie belauern sich, bis es zum Showdown kommt", schrieb die französische Zeitung Le Monde, die zudem Namensgeber für Groß' Albatros-Spitznamen war. Im Wasser duellierten sie sich wie zwei Schachspieler, auf dem Trockenen waren sie Pioniere.

Geteilte Pionierarbeit

"Ich bin sehr stolz, dass wir zu den ersten Schwimmer gehörten, die den Grundstein für die beruflichen Möglichkeiten der heutigen Schwimmer legten", erklärte Biondi später. Dabei teilten sich die Ausnahmesportler den Anteil untereinander auf. Groß setzte mit seinem Trainer Hartmut Oekeler neue Maßstäbe im Training. Die perfekte Balance zwischen Belastung und Regeneration, die heute elementarer Teil des Leistungssports ist, brachte Groß Vorteile gegenüber einigen diversen Athleten ein, die zu Übertraining neigten. Er war nie länger als zweimal 90 Minuten täglich im Wasser. Zudem streute er vielseitige Kraftübungen ein und quälte sich auf dem Rennrad, um konditionell ans Maximum gehen zu können. Was heute als selbstverständlich gilt, war es damals keineswegs. Talent schien um ein Vielfaches wichtiger zu sein als Training und noch 1986 schrieb der Spiegel, dass "der Schwimmsport ein Kindersport bleibt."

Biondis Pionierarbeit dagegen liegt vor allem in seinem Innovations-Willen begründet. Er drängte darauf, den Amateur-Sportler-Status abzulegen und endlich eine umfassende Professionalisierung durchzuführen. "Wir drängten auf Veränderung, aber die Führungskräfte des Schwimmens in den USA zierten sich", beschreibt der Amerikaner den Machtkampf. Zwar wurde der Amateur-Paragraph, der Profis nicht erlaubte an Olympia teilzunehmen, 1981 abgeschafft, geringe Preisgelder, fehlende Vernetzung und Vermarktung blieben jedoch. Dies änderte sich in den Neunzigern durch die Aufstockung des Sporthilfe-Budgets, eine bessere Zusammenarbeit der Verbände untereinander und eine drastische Erhöhung der Preisgelder.

Nach der Karriere ist vor der Karriere

Dennoch verdienen Schwimmer bis heute extrem wenig Geld, nur die Besten schöpfen das große Geld aus dem Pool der Preisgelder ab. "Du bist mit der falschen Einstellung schnell ein Sozialfall, sobald du mit dem Schwimmen aufhörst", bestätigte Ex-Schwimmer Mark Warnecke 2010 in der SZ. Strategischer Weitblick im Schwimmbecken und strategischer Weitblick im Leben - beide, Groß und Biondi, waren mit diesem Über-den-Horizont-hinaus-schauen ausgestattet und zementierten ihren Status als ganz besondere Sportler dadurch.

Groß promovierte in Philologie über das Thema "Ästhetik und Öffentlichkeit: Die Publizistik der Weimarer Klassik" und arbeitet heute als Autor und Unternehmer. Biondi ist nach seinem Bachelor in politischer Ökonomie seiner Liebe für Logik und Zahlen nachgegangen und Mathelehrer auf Hawaii, wo er auch das Schwimmteam trainiert und für alle "einfach nur Mr. Biondi ist, Vater, Mathelehrer und Trainer" und nicht die Sportlegende, die er zwar ist, aber nie sein wollte.

Legenden wider Willen

Michael Groß und Matt Biondi - zwei Schwimmlegenden und die Besten ihrer Generation. Sie prägten ihren Sport jeder auf seine Weise nachhaltig und waren zwei Strategen im Wasser, die das Spiel der Medien, die einen Jahrhundertkampf im Becken herauf beschwören wollten, nie so Recht mitspielten. Beide wussten, wann es Zeit war, aufzuhören und beide schwammen, einfach nur um zu schwimmen und nicht primär der Titel oder des Geldes wegen. "Der größte Fehler ist es, zu versuchen, keine Fehler zu machen", bringt Groß seine Antipathie gegen den erbarmungslosen Druck in allen Sportarten, in denen es Rekorde zu erringen gibt, zum Ausdruck. Der Deutsche ist immer er selbst geblieben, er ist verheiratet, hat zwei Kinder und ist heute "froh, nicht alle Ziele erreicht zu haben".

Und auch Biondi erlag der Verlockung des Ruhmes nie und sagt, "dass es Liebe nur in der Familie geben kann und nie im Sport". Exemplarisch zog es ihn bereits 1991 wieder zum Wasserball und weg vom Schwimmen, denn "beim Wasserball geht es nicht immer nur um Rekorde, sondern um Spaß, Kombinationen und Teamspirit", wie er seinerseits sein Unverständnis gegenüber den nimmersatten und nach Rekorden lechzenden Schwimm-Fans beschrieb.

Und genau das ist das Besondere am ungleichen Duo: In die Geschichtsbüchern sind sie als Albatros und Kondor, als Legenden des Schwimmens eingegangen, dabei wollten sie einfach immer nur abspringen, eintauchen, die dumpfe Stille unter Wasser mit allen Sinnen spüren - und losschwimmen.

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