Olympia

"Das ist nichts für Männer"

Von Interview: Alexander Mey
Stephan Keppler wurde im Laufe seiner Karriere bereits dreimal Deutscher Meister
© Getty

Stephan Keppler hat es geschafft. Mit seinem 14. Platz im Super-G von Kitzbühel hat er sich als erster deutscher Abfahrer seit Markus Wasmeier und Hans-Jörg Tauscher vor 16 Jahren regulär für Olympia qualifiziert. Eine große Erleichterung nach Kreuzbandriss im März 2008 und danach jeder Menge Häme wegen schlechter Leistungen. Im SPOX-Interview rechnet Keppler mit seinen Kritikern ab, erklärt, warum ihm die Abfahrt in Whistler nicht liegt, und sagt, wer Gold gewinnen wird.

SPOX: Wie hoch fliegen Sie mental, seit Sie die Olympia-Quali in der Tasche haben?

Stephan Keppler: Jetzt passt gerade alles. Das tut gut, nachdem ich in den letzten Jahren doch mit viel Kritik umgehen musste. Endlich müssen die Kritiker mal ein bisschen Ruhe geben.

SPOX: War es so schlimm mit der Kritik, teilweise sogar der Häme gegenüber dem deutschen Herren-Team?

Keppler: Gegen sachliche Kritik habe ich gar nichts, die ist völlig okay. Aber oftmals wurde man auch persönlich angegriffen und es wurden Sachen behauptet, die einfach nicht gestimmt haben.

SPOX: Zum Beispiel?

Keppler: Es wurde nach meinem schweren Sturz und dem Kreuzbandriss oft behauptet, ich hätte jetzt Angst und könnte mich nicht mehr überwinden. Das war aber totaler Blödsinn.

SPOX: Die Ergebnisse waren aber lange Zeit unbestritten schlecht. Woran hat es denn gelegen?

Keppler: Speziell in dieser Saison hatte ich sehr große Probleme mit meinem Schuh. Da hat die Abstimmung auf die Skier einfach nicht gepasst. Seitdem ich die Schuhe gewechselt habe, läuft es deutlich besser. Warum es aber in den Jahren zuvor so schlecht gelaufen ist, kann ich mir auch nicht immer erklären. Ich bin oft gar nicht so schlecht Ski gefahren, habe aber immer wieder einen Fehler eingebaut, der mir den ganzen Lauf kaputt gemacht hat. Mir hat immer die Konstanz gefehlt. Mittlerweile habe ich die Erfahrung, auch mal einen Lauf runter zu bringen.

SPOX: Kommen jetzt, da es wieder läuft, die Medien alle wieder aus ihren Löchern gekrochen und wollen etwas von Ihnen?

Keppler: (lacht) Das stimmt absolut. Ich hatte das vor drei Jahren schon mal, als es bei mir ganz gut lief. Damals wurde ich herum gereicht. Jeden Tag hat irgendwer angerufen und wollte irgendwas. Dann, als es zwei Jahre lang nicht mehr lief, wollte keiner mehr etwas von mir wissen. Ab und zu gab es mal ein TV-Interview im Zielraum, das wurde dann aber nicht ausgestrahlt. Das hatte aber auch sein Gutes. Man hat gesehen, wer von den Schulterklopfern schnell wieder weg ist, wenn es mal nicht mehr so gut läuft.

SPOX: Dann gleich mal weiter mit dem Schulterklopfen. Ist Ihnen klar, dass sich seit 16 Jahren kein deutscher Abfahrer mehr direkt für Olympia qualifiziert hat? Sagen Ihnen die Namen Markus Wasmeier und Hans-Jörg Tauscher noch etwas?

Keppler: Klar tun sie das. Wasmeier sowieso, und Tauscher war sogar einmal mein Trainer.

SPOX: Tauscher wurde 1989 sensationell Weltmeister in der Abfahrt. Auch bei Olympia gewinnen meistens Nobodys wie Jean-Luc Cretier oder Tommy Moe Gold in der Abfahrt. Gibt es dafür eine Erklärung?

Keppler: Das ist das berühmte Favoritensterben bei Olympia. Genau weiß ich es auch nicht, aber es liegt wohl an dem unglaublichen Druck. Österreich erwartet Goldmedaillen, die Schweiz erwartet Goldmedaillen. Damit muss man erst einmal fertig werden.

SPOX: Wäre Stephan Keppler nicht der perfekte Überraschungsmann für Whistler 2010?

Keppler: (lacht) Ich zähle mich nicht unbedingt zu denen, die auf dieser Strecke eine Überraschung schaffen können. Diese leichte Abfahrt, wie es sie bei Olympia leider oft gibt, liegt mir gar nicht. Da kann man Frauenrennen drauf machen, aber für Männer ist das nichts. Es geht eine Minute lang flach dahin, bis endlich mal ein paar Kurven kommen. Das ist eine reine Gleiter-Abfahrt.

SPOX: Also völlig aussichtslos?

Keppler: Naja, mal sehen. Wenn ich einen richtig schnellen Ski habe, kann ich auch einmal im Flachen schnell sein.

SPOX: Als Tourist fahren Sie also nicht nach Whistler, oder?

Keppler: Auf keinen Fall! Ich will ein gutes Ergebnis erzielen. Gut ist für mich allerdings etwas anderes als für die Medien. Für die zählt nur eine Medaille, für mich wäre schon ein Top-Ten-Ergebnis gut. Das visiere ich an. Und wer weiß? Vielleicht spielen ja die Bedingungen verrückt, dann ist alles möglich. In einem fairen Rennen werde ich aber eher geringe Chancen haben.

SPOX: Leichte Gleiter-Abfahrten sind also nicht Ihr Ding. Wo fahren Sie denn am liebsten?

Keppler: Kitzbühel, Bormio und die alte Abfahrt in Garmisch. Wie die neue sein wird, weiß ich noch nicht. So viele Abfahrten habe ich leider nicht, die mir zusagen.

SPOX: Welche ist die brutalste?

Keppler: Kitzbühel, ganz klar.

SPOX: Obwohl Wengen deutlich länger ist?

Keppler: Lang ist sie schon, aber Wengen ist bis auf zwei, drei Kurven recht leicht zu fahren. Da wird es zum Ende allerdings konditionell sehr anstrengend. Wir trainieren so, dass wir zwei Minuten voll durchfahren können. Da tun die letzten 30 Sekunden in Wengen richtig weh.

SPOX: Wie irre muss man eigentlich sein, um sich so einen Hang wie die Streif mit vollem Tempo herunterzustürzen?

Keppler: (lacht) Da gibt es tatsächlich in Kitzbühel einen Unterschied zu allen anderen Abfahrten. Normalerweise wird bis kurz vor dem Start herumgeblödelt. In Kitzbühel ist es dagegen totenstill, da sagt kein Mensch etwas. Wenn man dort die Mausefalle runter blickt, flößt einem das schon gehörig Respekt ein. Als ich das erste Mal dort oben stand, das war schon krass. Ich habe mir nur gedacht: Das kann nicht wahr sein!

SPOX: Wie überwindet man sich trotzdem?

Keppler: Ich sage mir immer: Wenn die anderen das können, kann ich das auch. Wenn man es dann einmal gemacht hat, geht es.

SPOX: Ihr deutschen Läufer habt aufgrund Eurer hohen Startnummern oft viel Zeit, bevor es losgeht. Was macht Ihr solange?

Keppler: Wenn wir alle da sind, spielen wir Karten. Schafkopfen ist angesagt (lacht). Aber natürlich schauen wir den Besten auch am Fernseher zu.

SPOX: Wünschen Sie sich auch mal eine niedrige Startnummer und dadurch eine frische Piste?

Keppler: Ja, manchmal. Es kam schon vor, dass ich eigentlich eine ganz gute Fahrt hatte, die Piste aber nicht mehr als Platz 30 zugelassen hat. Der Knackpunkt ist, ob man gerade noch in die Top 30 hereinrutscht und vielleicht sogar die Nummer 1 zugelost bekommt, oder ob man knapp draußen ist und mit Nummer 35 starten muss.

SPOX: Wenn Sie ins Ziel kommen, sind die anderen schon bei der Siegerehrung.

Keppler: Beim einen oder anderen Rennen kann es schon mal passieren, dass nicht mehr viele Zuschauer da sind.

SPOX: Haben Sie schon mal davon geträumt, mit Nummer 40 Bestzeit zu fahren und allen schon feiernden Gegnern die Party zu verderben?

Keppler: Na klar! Erst schön alle Siegerfotos machen, und dann komme ich und sage: War wohl nix (lacht).

SPOX: Welcher Fahrer beeindruckt Sie am meisten?

Keppler: Didier Cuche, weil er schon seit so vielen Jahren top ist. Wir nehmen auch jede seiner Fahrten auf, um zu analysieren, was er anders macht als wir. Er bildet das technische Leitbild. Wenn man so fährt wie er, dann ist man schnell. Spektakulär ist es natürlich auch, wenn Bode Miller mal einen Traumlauf raus lässt. Das kann aber keiner nachmachen.

SPOX: Wer ist denn Ihr Favorit auf Olympia-Gold in der Abfahrt?

Keppler: Ganz klar Manuel Osborne-Paradis, sogar noch vor Cuche. Der Kanadier kennt den Hang in- und auswendig. Sein Team weiß genau, wie man bei welchem Wetter wachsen muss. Dazu kommt noch sein Selbstvertrauen nach zwei Siegen in dieser Saison. Ihn muss man erstmal schlagen.

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