"Wenn sie schießen, halte ich die Luft an"

Von Interview: Bärbel Mees
Samstag, 13.02.2010 | 15:27 Uhr
Sven Fischer gewann in seiner Karriere vier Olympische Goldmedaillen
© Getty
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Sven Fischer nahm als Aktiver an vier Olympischen Winterspielen teil und gewann insgesamt acht Medaillen. In Vancouver wird Fischer erstmals als Reporter die Spiele verfolgen. Im SPOX-Interview spricht der 38-Jährige über die deutschen Medaillenchancen, olympische Erlebnisse und erklärt, wie nahe der Reporter Fischer noch an die Mannschaft herankommt.

 

 

SPOX: In Ruhpolding und Antholz ging die Leistungskurve der Deutschen bergauf. Was trauen Sie dem Team bei Olympia zu?

Sven Fischer: Ich denke schon, dass die Frauen mindestens drei Einzelmedaillen holen werden. Kati Wilhelm und Andrea Henkel haben die Erwartungen immer wieder erfüllt. Sie haben das Potenzial, um auf das Podium zu laufen. Aber auch Simone Hauswald hat sich zu einer stabilen Weltklasse-Athletin entwickelt. Und die Männer sind ebenfalls nicht chancenlos.

SPOX: Eine Frau haben Sie nicht erwähnt. Was ist mit Magdalena Neuner?

Fischer: Sie hat mehr Rennen auf dem Podium beendet, als dass sie Ergebnisse um Platz 15 abgeliefert hat. Aber sie musste einige Rennen auslassen. Das bringt eine gewisse Unruhe und Unsicherheit. Mal startet sie, mal nicht. Aber wenn sie startet, dann landet sie ganz vorne. Gerade die zwei Siege in Antholz waren wichtig für sie.

SPOX: Wer sind die schärfsten Konkurrenten der Deutschen?

Fischer: Daria Domracheva ist sehr stark. Auch sie kann Richtung Podium marschieren. Aber die Schwedinnen dominieren mit Helena Jonsson und Anna Carin Olofsson absolut. Die Russinnen haben eine starke Anna Bulygina. Aber auch die Finnin Kaisa Mäkkäräinen ist sehr schnell, wobei sie noch Defizite im Schießen hat. Bei den Norwegerinnen sehe ich nur Tora Berger.

SPOX: Wer sind Ihre Favoriten bei den Herren?

Fischer: International ist Emil Hegle Svendsen für mich der Topmann dieses Winters. Letzte Saison wurde er etwas unter Wert geschlagen. Wer ihm auf alle Fälle Paroli bieten will, ist Ole Einar Björndalen. Er hat es immer geschafft, sich zusammenzureißen, wenn es Richtung Olympia geht. Aber ich freue mich, dass Tim Burke in Gelb gelaufen ist und somit international für Farbklekse und Stimmung gesorgt hat. Auch Jewgeny Ustyugow ist sehr konstant in dieser Saison durchgelaufen. Eingreifen werden aber auch die Österreicher.

SPOX: Sie sind selbst viermaliger Olympiasieger. Was haben Ihnen diese Siege bedeutet?

Fischer: Ein Olympiasieg ist die Krönung. Ihn gewinnst du nur für dich. Das ist eine Kopfsache, eine Genugtuung, mit der du dich belohnst. Wenn man das nicht für sich verinnerlicht hat, läuft man Gefahr, dass man diesem Traum hinterher rennt und vielleicht auch bereit ist, mit allen Mitteln zu arbeiten. Damit nimmt man sich selbst die Freude. Aber ein Olympiasieg - besonders der von Turin im Sprint -  ist eben auch eine Verkettung von günstigen Umständen und das berühmte Quäntchen Glück darf auch nicht fehlen.

SPOX: Sie waren viermal bei Olympia dabei. Welche Erinnerungen haben Sie?

Fischer: Die ersten Olympischen Spiele brennen sich natürlich besonders ins Gedächtnis ein. Aber die Spiele in Lillehammer waren von der Stimmung her auch wirklich die besten. Es gab einen riesigen Speisesaal, in dem alle Nationen, alle Stars, die Teilnehmer aller Sportarten saßen. Da spürte ich ein richtiges Wir-Gefühl und war stolz, dazuzugehören. Lustig war es auch in Turin: Wir haben direkt in San Sicario in Hütten gewohnt und hatten eine totale Bruchbude. Ich glaube nicht, dass es in Deutschland eine Gefängniszelle gibt, die so aussieht wie das Zimmer von Ricco Groß und Michael Greis damals.

SPOX: Ist das Ihr Geheimrezept für Olympia: Alles mit Humor zu nehmen und nicht zu lange den Kopf hängen zu lassen?

Fischer: Definitiv. Wichtig ist, dass man für den Sport eine Passion hat und dass man gewillt ist, das Beste zu geben, jeden Tag, auch im Training. Oft ist man aber auch übermotiviert und muss den Kopf wieder frei kriegen. Es ist immer wieder wichtig, über den Tellerrand hinauszuschauen. Wir geben alles dafür, aber trotzdem gibt es noch was anderes neben dem Sport. Das relativiert einiges.

SPOX: Wie entspannt man denn zwischen den Wettkämpfen? Heutzutage wird viel Playstation gespielt, was haben Sie früher gemacht?

Fischer: Wir haben viel Karten gespielt. Vielleicht sollte man die Playstation in eine Kombi umtauschen, um miteinander spielen zu können. Wir sind ab und zu zusammen in die Disco gegangen und haben uns frei getanzt. Manchmal bin ich auch mal alleine in den Wald, mit Langlaufskiern und Fotoapparat und habe fotografiert, um meine Ruhe und den Seelenfrieden wieder zu finden.

SPOX: Hat man noch Zeit und Nerven, sich Wettkämpfe von anderen Sportlern anzuschauen?

Fischer: Für mich war es immer wichtig, die Damenrennen zu sehen. Da kann man bereits Tendenzen für sein eigenes Rennen erkennen. Ansonsten schielt man nur auf den Bildschirm zu den anderen Sportarten rüber. Denn man gibt das ganze Jahr über alles für eine relativ kurze Saison von etwa vier Monaten. Da muss man einfach absolut fokussiert sein.

SPOX: Wie interessant ist es denn, als Reporter auf der anderen Seite zu stehen?

Fischer: Als Athlet habe ich früher gedacht: "Was labern die denn da für einen Mist?" Ich werde nie vergessen, als ich einmal krank im Fernsehen die Rennen verfolgt habe. Ich war nach kurzer Zeit so geladen, dass ich den Ton ausgeschalten habe. Jetzt, wo ich selbst nach Worten suchen muss, sehe ich, wie schwierig das ist. Schließlich spricht das Fernsehen nicht den Top-Athleten an, der krank vom Sofa aus das Rennen verfolgt, sondern ein Millionenpublikum, von dem einige eben auch neu dabei sind. Für mich als Sportler war das natürlich gähnend langweilig, aber mir macht es jetzt Spaß, den Zuschauern mit "Erklärstücken" die Materie näher zu bringen.

SPOX: Packt es Sie, wenn Sie zuschauen oder sind Sie der nüchterne Reporter?

Fischer: Es packt mich natürlich. Manche Sportler leben die Passion nach ihrem Karriere-Ende nicht mehr weiter und manche hören erfolgreich auf, behalten aber ihren Spaß an ihrem Sport. Ich gehöre zu Letzteren, bin deshalb als Reporter dabei und fiebere natürlich auch mit den Jungs mit. Ich kenne sie und ich gönne es ihnen. Den Deutschen natürlich noch ein Stück mehr als den anderen Athleten.

SPOX: Das heißt, Sie drehen beim Schießen gedanklich immer den Diopter mit?

Fischer: Das Kuriose ist: Wenn sie schießen, halte ich die Luft an. Und mein Finger bewegt sich auch, wenn sie abziehen. Da habe ich mich ertappt.

SPOX: Mit wem von der aktuellen Mannschaft verstehen Sie sich denn besonders gut?

Fischer: Natürlich habe ich zu denen eine sehr gute Verbindung, mit denen ich noch länger zusammen gelaufen bin. Auch mit Michael Greis ist der Draht noch da. Obwohl ich im Fernsehen lobe und kritisiere, akzeptiert man mich und ich darf auch noch in die Wachskabine rein (lacht). Aber jetzt kommen auch junge Leute nach wie Simon Schempp, mit dem ich nicht gelaufen bin und mit dem ich wenig zu tun hatte.

SPOX: Fragen die Youngster wie Arnd Peiffer oder Simon Schempp Sie um Rat?

Fischer: Es ehrt mich immer, wenn die Jugend kommt und mich fragt. Ich gebe meine Erfahrungswerte auch gerne weiter. Oft entstehen die Fragen aber erst in der jeweiligen Situation und ich bin nicht immer vor Ort. Irgendwie ist das ein zweischneidiges Schwert: Auf der einen Seite will ich aus der Mannschaft raus und auch andere Aufgaben übernehmen, andererseits will ich dazugehören und helfen.

SPOX: Letzte Frage: Das Doping-Thema wird man auch im Biathlon nie ganz los. Spricht man in der Mannschaft offen über Doping?

Fischer: Dadurch, dass die Dopingkontrollen bei unseren deutschen Athleten fast jede Woche Alltag sind und man sich jeden Tag abmelden muss, spricht man notwendigerweise auch darüber. Aber in meiner aktiven Zeit war es unter uns Sportlern nie, ich betone nie, ein Thema, dass man etwas einnimmt oder einnehmen sollte. Ich hoffe, dass bei allen Nationen diese Ehrlichkeit Einzug hält. Olga Pyleva oder Jewgeni Jaroschenko sind Negativ-Beispiele, die mich überrascht haben. Aber da haben die Kontrollen gegriffen.

Magdalena Neuner im Interview: "Manchmal schalte ich das Hirn aus"

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