Samstag, 01.09.2012

Markus Rehm: "Warum sollten acht Meter unrealistisch sein?"

Auf dem Sprung zum deutschen Pistorius

Was für ein Sprung! Ein überraschtes Raunen ging durch das ausverkaufte Olympiastadion von London und selbst Markus Rehm konnte nicht fassen, was er da gerade abgeliefert hatte.

Markus Rehm sprang bei den Paralympischen Spielen in London unglaubliche 7,35 Meter
© spox
Markus Rehm sprang bei den Paralympischen Spielen in London unglaubliche 7,35 Meter

"Ich hätte nicht im Traum gedacht, dass ich so weit springen würde. Es war der perfekte Tag und der perfekte Sprung", sagte der unterschenkelamputierte Weitspringer, nachdem er am Freitagabend seinen eigenen Weltrekord um ganze 26 Zentimeter auf 7,35 Meter verbessert hatte.

Vor dem 23 Jahre alten Überflieger zog sogar der Goldmedaillengewinner von Athen und Peking beeindruckt seinen Hut: "Ich kann mir gut vorstellen, dass er demnächst auch bei den nichtbehinderten Sportlern mit springt - zum Beispiel bei der Deutschen Meisterschaft", sagte Wojtek Czyz, der mit weitem Abstand auf Platz zwei landete.

Gar nicht so unrealistisch, nur 15 Zentimeter müsste Rehm drauflegen, um sich für die Meisterschaften zu qualifizieren und damit endgültig in die Geschichtsbücher des deutschen Sports einzugehen: "Selbst wenn ich außer Konkurrenz springen sollte, hätte das eine tolle Signalwirkung", sagte der Leverkusener der Nachrichtenagentur dapd und wagte sogar den Blick nach ganz weit vorne.

"Vor drei oder vier Jahren hätte sich auch noch niemand vorstellen können, dass ein amputierter Sportler deutlich über sieben Meter springt. Warum sollten acht Meter unrealistisch sein", fragte sich Rehm mit Blick auf die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro. Deutschlands Oscar Pistorius also?

"Welches Mädchen will mich noch?"

Nicht ganz, denn während dem südafrikanischen "Bladerunner" bereits als elfmonatiges Kleinkind beide Unterschenkel amputiert wurden, versetzte das Schicksal dem deutschen Weitspringer erst als Teenager einen schweren Schlag. Rehm, Wakeboarder aus Leidenschaft, verpasste auf dem Main eine Welle.

Er ließ die Leine los, stürzte, wurde von einem Boot übersehen, das rechte Bein geriet in die Schiffsschraube. Noch drei Tage im Krankenhaus versuchten die Ärzte das Bein zu retten, dann musste ihm der Unterschenkel wegen einer Blutvergiftung amputiert werden.

Für den damals Vierzehnjährigen ein Schock. "Mein erster Gedanke war: 'Welches Mädchen will mich noch?' Klar musste ich mit der neuen Situation erst zurechtkommen, aber ich habe eine tolle Familie, die mir sehr geholfen hat", sagt Rehm. Freunde brachten ihm in die Klinik schon Wakeboard-Videos mit. Er wollte sich von der Behinderung nicht behindern lassen.

Nur ein Jahr später wird Markus Rehm Zweiter bei den Deutschen Jugendmeisterschaften. Mit wasserfester Prothese. Den ersten Überschlag schaffte er sogar erst nach seinem Unfall. Eher zufällig machte er 2008 bei einem Leichtathletik-Probetraining mit und wurde als Weitspringer in Leverkusen entdeckt.

Der Rest ist Geschichte - und wer Markus Rehm kennt, weiß, dass sie noch lange nicht zu Ende geschrieben ist.

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