Tennis

Eine würdige Nummer 2

Angelique Kerber (r.) zog gegen Serena Williams in zwei Sätzen den Kürzeren
© getty

Serena Williams ist Wimbledon-Champion 2016, mit ihrem siebten Triumph in London zieht die Amerikanerin nach Grand-Slam-Siegen mit Steffi Graf gleich. Angelique Kerber hatte Williams in einem packenden Finale trotz starker Leistung nicht genug entgegenzusetzen - und dennoch verlässt die Kielerin London ebenfalls erhobenen Hauptes.

"Ich werde rausgehen wie in Australien und versuchen, ihr zu zeigen: Okay, hier bin ich, ich will das Match auch gewinnen", hatte Angelique Kerber im Vorfeld angekündigt. Es war mitnichten ein Anfall von Hybris, vielmehr Ausdruck ihres wieder gewonnenen Selbstbewusstseins. Wie um sicher zu gehen machte Kerber mit Blick auf ihre Finalgegnerin auch dem Letzten klar: "Wenn sie in ihrer Komfortzone steht, schlägt sie alle 6:1 und 6:1."

Genau das hatte im Halbfinale Williams' Gegnerin Elena Vesnina zu spüren bekommen: Ganze 48 Minuten brauchte die Weltranglistenerste, um ihr Finalticket zu buchen, es war das kürzeste Halbfinale seitdem in Wimbledon die Zeit gemessen wird. "Ich werde versuchen, mein Spiel zu spielen, und versuchen, dass sie Fehler macht. Ich will es aber auch genießen", hatte Kerber weiter betont. Sie sollte Wort halten.

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Dass es im Endspiel für Williams deutlich härter werden würde als in der Vorschlussrunde, wurde schnell klar: Kerber ackerte, Kerber rannte, Kerber kämpfte und blieb so trotz des wieder einmal dominanten Aufschlags ihrer Kontrahentin stets im Spiel.

Mehr noch als das: Sie verlangte Williams alles ab und machte aus dem Finale zur Begeisterung der Zuschauer einen offenen Schlagabtausch, insbesondere wenn sie längere, oftmals spektakuläre Ballwechsel von der Grundlinie initiieren und Williams so in Bedrängnis bringen konnte.

"Angie hat sich nichts vorzuwerfen"

Darüber hinaus bewahrte Kerber stets kühlen Kopf und ließ sich auch von Williams' Angriffslust nicht aus der Ruhe bringen. Wie schon über die kompletten vergangenen zwei Wochen war keine Spur mehr von den Problemen der French Open zu sehen und so bilanzierte auch Bundestrainerin Barbara Rittner: "Angie hat sich nichts vorzuwerfen, sie hat nichts falsch gemacht. Sie hat heute gegen eine bessere Aufschlägerin verloren."

Auf einen Satz reduziert fasst diese Aussage das Match perfekt zusammen. Dabei genügt ein Blick auf Williams' 13 Asse, während Kerber ohne eigenes Ass blieb, nicht: Die Zeitpunkte ihrer nahezu unmöglich zu verteidigenden Aufschläge waren die bestimmende Geschichte des Duells. Wann immer Kerber an einer Break-Chance schnupperte - ihre erste und einzige tatsächliche Break-Chance hatte sie erst nach 1:12 Stunden im zweiten Satz - konnte sich Williams auf ihren Aufschlag verlassen.

Kerber, die nach dem Sieg in Australien und dem Debakel bei den French Open bis dahin ein beeindruckendes Wimbledon-Turnier ohne Satzverlust auf den Heiligen Rasen gezaubert hatte, brachte ihren starken Return an, wann immer es ging. Oder anders gesagt: Wann immer Williams es zuließ. Lediglich Probleme beim eigenen Aufschlag konnte sich Kerber vorwerfen. Zu häufig musste sie über den zweiten Aufschlag gehen, was Williams in die Karten spielte. Trotzdem lieferte auch die Kielerin ein Weltklasse-Match ab.

Kerber, das war auch Sekunden nach der Niederlage in ihrem Gesicht klar erkennbar, verlässt Wimbledon erhobenen Hauptes und folgerichtig stellte sie klar: "Ich habe das Match heute nicht verloren. Serena hat es gewonnen. Das macht es angenehmer. Ich bin natürlich enttäuscht, aber auch stolz. Ich habe so gut gespielt wie ich konnte. Sie hat unglaublich gespielt."

Williams' wilde Entschlossenheit

Tatsächlich waren der unbedingte Siegeswille und die Power bei der Amerikanerin ab dem ersten Aufschlag zu spüren. Williams machte den Punkt in 88 Prozent der Fälle, wenn ihr erster Service kam. Sie spielte mit wilder Entschlossenheit und sie verdiente sich die Bestmarke von Steffi Graf: Mit 22 Grand-Slam-Titeln schloss Williams in den Rekordbüchern zu der Deutschen auf, zwei Trophäen trennen sie noch von der großen Margaret Smith Court.

"Ich war jetzt einige Male kurz davor. Aber zum Start von Wimbledon habe ich den Druck etwas von meinen eigenen Schultern genommen. Ich habe keinen Druck verspürt. Ich hatte eher das Gefühl, dass ich einfach gewinnen muss - dass es gar keine andere Option gibt", erklärte die 34-Jährige bei der BBC: "Bei den US Open, bei den Australian Open und bei den French Open habe ich mich selbst so sehr unter Druck gesetzt, es gab einfach keinen Druck mehr, den ich noch oben drauf hätte packen können."

Lediglich früh im ersten Satz zeigte Williams einige Male Nerven, als sie Kerber mit mehreren Unforced Errors den Einstieg ins Match merklich erleichterte. Umso bezeichnender war es, dass sie Kerbers einzige Break-Chance eiskalt per Ass abwehrte.

Als die Deutsche schwächelte war Williams schließlich da: Bei 6:5-Führung im ersten Satz nahm sie Kerber das Aufschlagspiel zum Satzgewinn ab, ihr daran anschließender Jubelschrei verdeutlichte die Intensität des Duells. Und dann wieder im zweiten Satz, als man zum ersten Mal den Eindruck hatte, dass Kerber leicht Nerven zeigt. Williams reichte wieder ein Break, zum 5:3, um dann nochmals ihren eigenen Aufschlag zum Match-Gewinn zu zelebrieren.

Kerbers Kampfansage

Und während sie in den vergangenen Tagen nicht müde wurde zu betonen, dass sie nicht an Grafs Rekord denkt, gab Williams unmittelbar nach ihrem Triumph bei ESPN dann doch zu: "Ich hatte definitiv einige schlaflose Nächte, wenn ich ehrlich bin. Immer wieder so knapp davor zu sein und es dann doch nicht ganz zu schaffen. Aber das macht den Sieg nur noch süßer: Zu wissen, wie hart ich dafür gearbeitet habe."

Jene harte Arbeit blieb ihr im Finale am allerwenigsten erspart. "Ich spiele wirklich gerne gegen Angelique, sie ist ein unglaublich starker Gegner und ich muss gegen sie immer mein bestes Tennis spielen. Sie hat immer ein Lächeln im Gesicht, es macht immer Spaß", adelte Williams ihre Kontrahentin, die mit ihrem Sieg über Venus Williams im Halbfinale das Schwester-Endspiel verhindert hatte - was ihr im Guardian auch mit Blick auf ihren Sieg über Serena in Australien den Ruf als "Spaßbremse, was die Williams-Familie betrifft" einbrachte.

Es ist ein Ruf, mit dem Kerber sicher gut leben kann. Ab der kommenden Woche wird sie in der Weltrangliste auf Position zwei geführt und schon vor dem Endspiel hatte sie sich laut der Zeit angriffslustig gegeben: "Ich weiß jetzt, dass ich das Spiel habe, um die großen Turniere zu gewinnen. Und ich habe auf jeden Fall das Potenzial dazu, die Nummer eins zu werden." Mit Auftritten wie in ihrem ersten Wimbledon-Finale dürfte daran kaum jemand zweifeln. Bis dahin bleibt sie eine würdige Nummer 2.

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