Die Dominanz des Novak Djokovic

Wenn aus Wölfen Schoßhunde werden

Sonntag, 31.01.2016 | 17:33 Uhr
Djokovic jubelt mit seinem Team. Mittendrin: die deutsche Tennis-Legende Boris Becker
© getty
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Mit seinem elften Grand-Slam-Titel hat Novak Djokovic seine Ausnahmestellung auf der ATP-Tour bestätigt. Sein Dreisatzsieg gegen Andy Murray zeigte, warum dem Serben derzeit nicht beizukommen ist: Zu gut, zu reif, zu ausbalanciert. Ein X-Faktor könnte dem Schotten allerdings helfen, die Lücke zu verkleinern - denn sonst drohen auf unbestimmte Zeit die "Djoker-Festspiele".

Wahrscheinlich hatte Andy Murray das Finale in der Rod Laver Arena zu Melbourne schon verloren, bevor überhaupt die erste Filzkugel über das Netz flog. Der Schotte hatte zwei wahrhaft grauenhafte Wochen hinter sich. Ständig in Sorge um seine hochschwangere Frau Kim, bereit, beim Einsetzen der Wehen sofort in den Flieger zu steigen. Selbst im Finale, das hatte er zuvor bereits unmissverständlich klar gemacht.

Damit nicht genug. Sein Schwiegervater Nigel Sears, Trainer von Ana Ivanovic, kollabierte im Drittrundenmatch seiner Spielerin und musste ins Krankenhaus gebracht werden. Er konnte zwar wenige Tage später die Heimreise antreten, dennoch zerrte seine Gesundheit am schon ausgedünnten Nervenkostüm von Murray.

Harte, kraftraubende Matches gegen David Ferrer und vor allem Milos Raonic kamen noch dazu: 243 Minuten lang kämpfte er den Kanadier nieder, da war Djokovic nach seinem Match gegen Federer tags zuvor schon wieder auf Regeneration bedacht. Und dann musste ja auch noch der eigene Bruder im Doppelfinale angefeuert werden. Der einzige Lichtblick.

"Ich will einfach nur nach Hause"

So war es kein Wunder, dass Murray auf dem Court schnell gereizt wirkte, müde und unwirsch. Und zwar mehr als sonst - der 28-Jährige ist ja nicht gerade für sein sonniges Gemüt bekannt. Maulige Selbstgespräche wurden zu wilden und teils unmotivierten Schwüngen, insgesamt 65 leichte Fehler waren die Folge. "Es war hart" bekannte er auf nach dem Match auf der heruntergespulten Pressekonferenz, bevor er schnurstracks zum Flughafen eilte. "Das waren schwierige Tage - selbst wenn ich in der dritten oder vierten Runde verloren hätte, wäre es angesichts der Umstände nicht leicht gewesen." Und: "Ich will einfach nur nach Hause."

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Es fehlten einfach ein paar Prozent, um dem Djoker ein wirkliches Match zu liefern. "Ich habe am Ende die Statistiken gesehen. Er hat 25 oder 26 Punkte mehr gemacht als ich. Ich hatte 25 oder 26 Unforced Errors mehr." 24 Punkte weniger bei 24 Fehlern mehr, um genau zu sein.

Melbourne = Djokovic

Ist das des Rätsels Lösung? Einfach die eigene Fehler auf das Level des Serben herunterschrauben und schon ist was drin? Wenn man bedenkt, dass Djokovic nun elf der letzten zwölf Duelle gegen seinen Kumpel Murray gewonnen hat (insgesamt steht er bei 22-9), dann wird jedoch klar, wie nahezu unmöglich es ist, dieses Rezept erfolgreich anzuwenden. Selbst ausgeschlafen und den Kopf nicht voller Sorgen um die Familie.

Denn Nole scheint sich seit nun über einem Jahr aus der Stratosphäre normalsterblicher Racket-Schwinger entfernt zu haben. Dem Weltranglistenersten ist einfach nicht beizukommen, schon gar nicht bei seinem Lieblingsturnier. Vor acht Jahren gewann er erstmals den Norman Brookes Challenge Cup, damals noch ein Ausreißer in der Ära Federer, den er im Halbfinale bezwang.

Mittlerweile könnte man den weißen "Melbourne"-Schriftzug hinter der Grundline genauso gut durch die eingebrannten Initialen des Seriensiegers ersetzen: Fünf der letzten sechs Titel gingen an ihn, ein Match verlor er - gegen Stanislas Wawrinka mit 7:9 im fünften Satz.

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Ein gutes Pferd...

Wie soll diesem perfekt austrainierten, ohne Schwächen auftretenden Computerhirn beizukommen sein? Djokovic spielte an diesem Abend bei weitem nicht sein allerbestes Tennis, höchstens zeitweise. In Windeseile schnappte er sich den ersten Satz - und schien dann sein Spiel zu konservieren, abzuwarten, nicht mehr viel Risiko zu gehen. So schlug Murray insgesamt mehr Winner (40:31) - aber diese Winner kamen an diesem Abend eben deutlich seltener als etwa die verzogene Rückhand longline oder die Vorhand ins Netz.

"Ich wusste, dass ich gegen Andy geduldig sein und meine Punkte aufbauen muss", erklärte er anschließend. "Das war nicht immer möglich, weil er seine Taktik geändert hat und im Dritten besser gespielt hat, aber in den Big Points habe ich einen Weg gefunden."

Er scheint derzeit immer einen Weg zu finden, ob er nun sein Level hochschraubt, oder dem Gegenüber bei der Selbstzerstörung zuschaut. Er war in den kurzen Rallys überlegen, den mittleren und auch den langen Ballwechseln. Sein erster Aufschlag kam besser, er machte über diesen fast drei Viertel aller Punkte - und nahm Murray bei dessen Zweitem förmlich auseinander (65 Prozent aller Punkte). Bessere Quote bei Breakchancen, bessere Quote am Netz. Nicht immer sehr viel besser. Aber eben doch immer besser.

Familie als X-Faktor

Sinnbildlich war das Aufschlagspiel des Herausforderers bei 5:5 im zweiten Satz. Bei 40:0 Murray ging Djokovic mehr Risiko, diktierte plötzlich zwei Rallys und verkürzte auf 40:30. Dann drückte er im nächsten Ballwechsel kurz, nahm dann das Tempo wieder aus, lauerte auf den Fehler. Und Murray tat ihm irgendwann den Gefallen. Break, 2. Satz, Match entschieden. Sei es fehlende Spritzigkeit, fehlende Form oder fehlende Klasse - er konnte die Duelle von der Grundlinie irgendwann nicht mehr mitgehen.

So war nach 172 Minuten Schluss. Djokovic küsste den Boden, während sich Murray in Richtung Heimat verabschieden durfte. Und vom alten und neuen Titelträger die besten Wünsche auf den Weg bekam: "Ich hoffe, dass ihr ein noch nie gekanntes Glücksgefühl erfahren werdet, denn genauso war es bei mir und meiner Frau." Währenddessen schauten Ehefrau Jelena und Sohn Stefan vor dem Fernseher zu - seine Familie hat den Dominator noch stärker gemacht.

"Ich habe in den letzten Jahren gelernt, dass man das Berufliche und Private nicht trennen kann", führte er auf der Presskonferenz aus. "Das ist ein und dieselbe Person, deshalb muss man die Probleme und Sorgen des Privatlebens lösen, um das Maximum als Spieler herauszuholen." Kein Seitenhieb gegen Murray, dennoch eine wertvolle Lektion: Mental ist der zu oft auf einer Achterbahn unterwegs, während der Djoker auf der Erfolgswelle surft. Kann die Nummer Zwei der Welt aus seiner neuen Familie Kraft schöpfen und auf dem Court zu einer neuen, inneren Ruhe finden, dann wäre die aufgerissene Lücke zur Nummer Eins vielleicht wieder zu verkleinern.

Der Wolf ist immer noch hungrig

Denn sonst sieht es düster aus mit möglicher Konkurrenz für den elfmaligen Grand-Slam-Champion. Federer spielt ein für sein fortgeschrittenes Alter sensationelles Niveau, findet aber in Best-of-Five-Matches kein Mittel mehr. Nadal ist ein ewiges Fragezeichen, Wawrinka vermag nur selten Sternstunden zu bieten. Und danach? Die Big Four scheinen die Verfolger im letzten Jahr förmlich erstickt zu haben: Kein jüngerer Spieler als er hat auch nur einen Masters-1000-Titel vorzuweisen. Die 17 Majortitel von King Roger - nur mehr eine Frage der Zeit?

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Djokovic blieb angesichts dieses historischen Drucks gelassen und bescheiden. "Wenn man zu arrogant wird und sich für besser als den Rest hält, dann kann das Karma sehr schnell zurückschlagen. Das will ich vermeiden." Er weiß: Momentan steht er allein an der Spitze, aber die Verfolger werden kommen. "Der Wolf auf dem Weg zum Gipfel ist hungriger als der Wolf ganz oben. Ich muss doppelt so hart arbeiten wie die anderen, um meine Nummer Eins zu verteidigen."

Im letzten Jahr ist er nicht nur der Leitwolf, nein, er hat das Rudel hinter sich förmlich in Schoßhunde verwandelt. Fehlt eigentlich nur noch der Titel in Paris, oder? "Sehr hungrig" sei der Wolf in ihm, "aber bis Paris warten noch viele Mahlzeiten. Paris ist der Nachtisch."

Die Weltrangliste der Herren im Überblick

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