Vom Hinterradlutscher zum Toursieger

Von Torsten Adams
Das Podium der Tour de France 2011: Cadel Evans (M.), Andy Schleck (l.) und Fränk Schleck
© Getty
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Die Deutschen: Von alten Hunden und tapferen Schneiderlein

Sie waren mit unterschiedlichen Ambitionen nach Frankreich gereist. Manche haben ihre Ziele erreicht, für andere endete die Rundfahrt in einem Desaster. SPOX bewertet die zwölf deutschen Tourstarter.

Marcus Burghardt, BMC, der Evans-Held

Ja, wir haben auch einen Anteil am Gelben Trikot! Sein Traum von einem weiteren Etappensieg nach 2008 wurde nicht wahr. Aber dafür war der 28-Jährige auch nicht nach Frankreich gekommen. Als Evans-Helfer spielte Burghardt eine wichtige Rolle bei der Mission Gelb des Australiers. Unvergessen bleibt seine Meisterleistung auf der 4. Etappe, als er Evans nach dessen Defekt vorbei am kompletten Peloton wieder ins Feld zurückführte. Der Kommentar des Toursiegers: "Heute ist Burghardt mein Held!"

Beste Platzierung: Platz 86 - 17. Etappe
Fazit: Evans zu Gelb geführt, Mission accomplished! Da ist auch der viertletzte Platz in der Gesamtwertung nebensächlich.

 

Gerald Ciolek, Quick Step, der Unentschlossene

Ursprünglich als Anfahrer für Boonen auserkoren, durfte er nach dessen Aufgabe auf eigene Faust fahren. Sein Problem: Permanente Sitzbeschwerden. Und: Er ist schon lange kein reiner Sprinter mehr. In den Massensprints spielte er folglich keine Rolle. Für ihn gilt es, in Zukunft seinen Platz als Klassikerfahrer zu finden.

Beste Platzierung: Platz 7 - 15. Etappe
Fazit: Nach sportlich erfolglosen Jahren war die Tour-Nominierung für den Quick-Step-Profi schon ein Erfolg. Nach Boonens Ausfall war die Chance da, als Ersatzsprinter für Furore zu sorgen. In Erscheinung trat der 24-Jährige bei seiner vierten Teilnahme aber nicht.

 

Linus Gerdemann, Leopard-Trek, der verschwundene Bodyguard

War als Edelhelfer für die Schlecks ohne eigene Ambitionen angereist. Musste an den Bergen unerwartet früh abreißen lassen. War vor der Tour eigens als Bodyguard für Andy eingeteilt, um diesen auf den schwierigen Abfahrten sicher ins Tal zu geleiten. Als es auf der 16. Etappe drauf ankam, war vom 28-Jährigen allerdings nichts zu sehen.

Beste Platzierung: Platz 11 - 1. Etappe
Fazit: Wähnte sich vor der Tour in Topform, muss aber einsehen, dass er nicht mehr als die Helferrolle einnehmen kann.

 

Andre Greipel, Omega Pharma-Lotto, der Triumphator

Die Qualitäten für eine Tour-Teilnahme hatte er schon immer. Doch bei Highroad war Cavendish der Sprinter Nummer eins, der ihm den Platz wegschnappte. Bei Omega gebührt ihm die Rolle als Sprint-Kapitän. Und diese füllte er in Frankreich bestens aus. Sein Triumph auf der 10. Etappe bescherte Deutschland den ersten Tagessieg und ihm selbst die Erfüllung eines Traums.

Beste Platzierung: Platz 1 - 10. Etappe
Fazit: Wechsel zu Omega, Tourdebüt, Etappensieg. Alles richtig gemacht.

Danilo Hondo, Lampre, der Routinier

Seine Aufgabe war es, Petacchi die Sprints anzufahren. Hondo war immer da, wenn es zur Sache ging - allein die fehlende Endschnelligkeit von Petacchi verhinderte einen Lampre-Sieg.

Beste Platzierung: Platz 16 - 10. Etappe
Fazit: Hat wieder einmal bewiesen, dass er mit seiner Routine ein Rennen so gut lesen kann wie kaum ein anderer. Wird in den nächsten Jahren von sich reden machen, wenn ihm sein Vorhaben gelingt, ein deutsches Top-Team zu gründen.

 

Andreas Klöden, RadioShack, der Gebeutelte

War in absoluter Top-Form an den Start gegangen. Konnte sich in den ersten Tagen als einziger der RadioShacks aus Stürzen heraushalten. Doch dann begann auch sein persönliches Desaster. Die Stürze auf der 9. und 12. Etappe waren zu viel. Musste zu Beginn der 13. Etappe aussteigen. Die Schmerzen waren so groß, dass er nicht mal selbständig vom Rad steigen konnte:

Beste Platzierung: Platz 7 - 1. Etappe
Fazit: Wäre ohne Sturzpech ein Kandidat für das Podium gewesen. Kündigte via Twitter schon mal an, dass er es 2012 bei seiner 10. Teilnahme noch einmal versuchen will.

 

Christian Knees, Sky, das tapfere Schneiderlein

Rutschte als Helfer in sein extrem starkes Sky-Team. War bei den Briten das tapfere Schneiderlein, das die Löcher stopfte, wie sie auch nur aufgingen. Ackerte für Thomas und Uran, die im Weißen Trikot fuhren, und bolzte Tempo für Boasson Hagen und Swift, die in den Sprints reinhielten.

Beste Platzierung: Platz 28 - 19. Etappe
Fazit: Uneigennützig, zuverlässig, tempohart. Machte genau das, wofür er bezahlt und nominiert wurde.

 

Sebastian Lang, Omega Pharma-Lotto, der Unauffällige

Ein Helfer, wie er im Buch steht. Arbeitete unauffällig, aber effektiv. War für Greipel nicht nur als Tempobolzer in der Sprintvorbereitung wichtig, sondern auch als deutschsprachiger Ansprechpartner im belgischen Team.

Beste Platzierung: Platz 30 - 11. Etappe
Fazit: Erfolgreiche siebte und letzte Tour-Teilnahme mit drei Etappensiegen für das Team. Verabschiedet sich nach der Saison vom Profiradsport.

Tony Martin, HTC-Highroad, der Zwiegespaltene

Schlecht: Sein vorgegebenes Ziel, ein Platz in den Top Ten, rückte schon am ersten Berg in weite Ferne. Rang 44 im Klassement ist eine Ohrfeige, auch wenn er zwischendurch erkrankt war. Gut: Der fantastische Tagessieg beim Zeitfahren. Zudem beeindruckte Martin stets durch seine exzellente Tempoarbeit in der Sprint-Vorbereitung für Cavendish. Doch um tatsächlich Chancen auf eine Top-Platzierung bei der Tour zu haben, muss er zu einem Team wechseln, in dem alle Fahrer für ihn arbeiten. Bei HTC dagegen arbeiten alle für Cavendish.

Beste Platzierung: Platz 1 - 20. Etappe
Fazit: Starkes Zeitfahren. Als Erfolg wird er die Tour jedoch nicht verbuchen: "Sportlich gesehen wäre mir ein achter Platz im Gesamtklassement lieber gewesen", so Martin.

 

Grischa Niermann, Rabobank, der Legionär

Seit Jahren eine feste Größe bei Rabobank. War auch bei seiner neunten Teilnahme ein loyaler Helfer seiner Kapitäne. Schade für ihn, dass Robert Gesink früh stürzte und anschließend keine Rolle mehr im Klassement spielte.

Beste Platzierung: Platz 38 - 7. Etappe
Fazit: Hielt wieder einmal die deutsche Fahne im Oranje-Team hoch. Stets ein Vorbild an Kampfgeist und Einsatzbereitschaft. Wird auch 2012 im Alter von 36 Jahren bei der Tour wieder seinen Mann stehen.

 

Marcel Sieberg, Omega Pharma-Lotto, der Gorilla-Kumpel

Hatte seinen Höhepunkt beim Etappensieg von Kumpel Greipel. Wurde von Omega als Anfahrer für den "Gorilla" verpflichtet und brachte ihn dorthin, wo er hin muss, um Cavendish in die Knie zu zwingen. Ließ sich auch durch einen frühen Sturz nicht beirren, als er sich an einer Verkehrsinsel aufhing.

Beste Platzierung: Platz 51 - 11. Etappe
Fazit: Loyal, uneigennützig und zuverlässig erledigte er seinen Job als Anfahrer von Greipel. Hat sich bei seinen Sportlichen Leitern für eine weitere Tour-Teilnahme empfohlen.

 

Jens Voigt, Leopard-Trek, der "alte Hund"

"Ich habe mich ausgetobt. Meine Aufgabe wird es sein, die Arbeit zu machen", hatte Voigt vor der Tour im SPOX-Interview gesagt. Und so kam es auch. Kein Ausreißversuch, sondern wichtige Führungsarbeit in den Bergen stand auf dem Plan. Unfassbar stark, wie er fast den kompletten Tourmalet von vorne fuhr. Im "alten Hund", wie er sich selbst nannte, ist tatsächlich noch Leben drin. Deshalb hat er bei Leopard auch schon den Einjahresvertrag bis Ende 2012 unterschrieben.

Beste Platzierung: Platz 55 - 17. Etappe
Fazit: Sein persönliches Twitter-Fazit lässt keine Fragen offen: "Ich bin so stolz, Teil dieses fantastischen Teams zu sein. Es waren drei wundervolle Wochen und ich genoss jeden Moment - naja, außer meine Stürze..." Wir hoffen, dich 2012 wieder in Frankreich zu sehen!

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