Geduldet, aber nicht erwünscht?

SID
Samstag, 25.07.2015 | 13:13 Uhr
Markus Rehm sprang bei der DM die Höchstweite - den Titel hat er trotzdem nicht gewonnen
© getty
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Markus Rehm genoss die Aufmerksamkeit in vollen Zügen. "Das war ein saugeiler Wettkampf", sagte der Prothesenspringer, nachdem er den nichtbehinderten Weitspringern schon wieder die Show gestohlen hatte.

Eine Chance, seinen Titel bei den deutschen Meisterschaften im Weitsprung zu verteidigen, hatte Rehm nie - und stand gerade deshalb im Fokus des Interesses. Denn auf dem Hauptmarkt in Nürnberg segelte nicht der neue deutsche Meister Fabian Heinle (8,03 m/Tübingen) am weitesten, sondern Rehm mit 8,11 m. Ein Jahr nach seinem Titel-Triumph wurde der 26-Jährige aber getrennt gewertet.

"Im Moment kann ich mit der Regelung leben", sagte Rehm. Noch ist nicht zweifelsfrei bewiesen, ob der Leverkusener durch seine knapp 10.000 Euro teure Prothese einen Vorteil gegenüber nicht behinderten Athleten hat oder nicht. Der Deutsche Leichtathletik-Verband arbeitet an einer Art Prothesen-TÜV. Die Kosten für das wissenschaftliche Gutachten belaufen sich auf 200.000 bis 300.000 Euro. Wann mit stichhaltigen Ergebnissen zu rechnen ist, ist völlig offen.

"Die Kosten sind beträchtlich, so dass wir zunächst versuchen, diese abzudecken", sagte DLV-Präsident Clemens Prokop, "natürlich wäre eine möglichst schnelle Lösung erstrebenswert. Das Thema Inklusion wird bei uns großgeschrieben."

"Wünsche mir ehrliche Kommunikation"

Geduldet, aber nicht erwünscht? Der Fall Rehm sorgt wegen des schwebenden Verfahrens jedenfalls weiter für Wirbel. Die nichtbehinderten Athleten tun sich sichtlich schwer damit, dass plötzlich ein Prothesenspringer weiter in die Grube fliegt als sie. "Ich hoffe, dass wir Ungereimtheiten in Zukunft direkt und nicht über Dritte austragen", sagte Rehm: "Ein bisschen Rivalität ist gut, aber ich wünsche mir eine ehrliche Kommunikation." Ein Protest einiger Konkurrenten gegen die Wertung von Rehms Titel 2014 wurde mittlerweile vom DLV-Rechtsausschuss zurückgewiesen. "Markus Rehm war, ist und bleibt deutscher Meister 2014", sagte Prokop.

Besonders die fehlende Regelklarheit sorgt für Unsicherheit. "Wir werden allein gelassen und hängen in der Luft", sagte Rehms Vereinskollege Alyn Camara, der mit 7,97 m Zweiter wurde. Ob Wettkämpfe mit behinderten und nichtbehinderten Athleten sinnvoll sind? "Es ist sehr schwer, eine objektive Meinung zu äußern, weil die sofort zerpflückt wird", sagte Camara und erinnerte an einen "Shitstorm" gegen Ex-Europameister Sebastian Bayer, der sich im Vorjahr kritisch geäußert hatte. "Dürfen wir bei den Behinderten starten? Ist Inklusion eine Einbahnstraße?", fragte Camara: "Es wäre nett, wenn wir mal offen darüber sprächen." Heinle meinte: "Ich habe überhaupt kein Problem damit, dass er bei uns mitspringt."

Rehm wünscht sich Wettkämpfe mit behinderten und nichtbehinderten Athleten auch auf internationaler Bühne - der DLV will am Rande der Weltmeisterschaften in Peking (22. bis 30. August) über einen entsprechenden Antrag abstimmen lassen. "Das wäre natürlich fantastisch und würde das Thema Inklusion weiter vorantreiben", sagte Rehm und träumt von der ganz großen Bühne: "Warum macht man bei Olympia die Fackel aus und zwei Wochen später bei den Paralympics wieder an? Ich hoffe, wir rücken näher zusammen."

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