Darts

Gabriel “Gaga” Clemens im Interview vor der Darts-WM: "Gary Anderson hat auch nur drei Pfeile"

Gabriel Clemens ist einer von vier deutschen Teilnehmern bei der Darts-WM.
© imago

Am Donnerstag startete die Darts-WM im Alexandra Palace zu London. Zum ersten Mal dabei ist mit Gabriel Clemens ein 35-jähriger Industriemechaniker, der in dieser Saison seinen Durchbruch feierte und dabei viele große Namen schlug.

Im SPOX-Interview spricht Clemens vor seinem Auftaktmatch am Sonntag gegen den Engländer Aden Kirk (13.30 Uhr live auf DAZN und im LIVETICKER) über seinen Weg von der Kneipe in den Ally Pally, die Entwicklung von Darts in Deutschland und den umstrittenen Gerwyn Price.

 

SPOX: Gabriel, erzählen Sie zum Start doch Ihre Geschichte, wie Sie zum Darts gekommen sind?

Gabriel Clemens: Erst einmal: Sie können gerne Gaga sagen. Eigentlich sagen fast alle Gaga. Das habe ich meinem Bruder zu verdanken, der Gabriel nicht aussprechen konnte, als er klein war. Meine Geschichte ist ähnlich zu vielen anderen. Irgendwann habe ich angefangen, mit Freunden in der Kneipe Darts zu spielen. Es hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich mich einer Mannschaft angeschlossen habe. Und dann ging es immer höher und höher. Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass ich wohl etwas Talent besitze und habe begonnen, Turniere zu spielen.

SPOX: Dennoch verlief Ihr Karriereweg nicht stringent. Sie haben eine ganze Weile sogar keine größeren Turniere gespielt und sich auf die Vereinsebene konzentriert. Mit dem DV Kaiserslautern sind Sie Deutscher Meister geworden. Warum haben Sie Ihre Karriere nicht früher forciert?

Clemens: Es war einfach schwierig mit der Arbeit zu koordinieren. Zumal auch mit den Reisen zu Turnieren ein finanzieller Aspekt hinzukommt, der nicht zu unterschätzen ist. Das waren für mich die Hauptgründe, aber ich habe diesen Weg in die Spitze damals auch einfach gar nicht so klar vor mir gesehen. Mein Aha-Moment war dann das World Masters 2017 bei der BDO, als ich das Halbfinale erreichte. Da habe ich gemerkt, dass ich mithalten kann. Dass ich es vor allem auch auf der großen Bühne vor TV-Kameras draufhabe. Vorher hatte ich auch schon European-Tour-Events gespielt, aber da habe ich auf der Bühne nur schlecht gespielt.

SPOX: Ihren Durchbruch haben Sie in diesem Jahr gefeiert. Sie erspielten sich gleich zu Beginn des Jahres die heißbegehrte Tour Card auf der Qualifying School.

Clemens: Das war eine ganz witzige Geschichte. Eigentlich habe ich die Q-School nur gespielt, damit ich generell auf der European Tour spielen kann. Große Ambitionen hatte ich nicht. Auf der anderen Seite wollte ich mich aber natürlich auch nicht abschlachten lassen, also habe ich ein bisschen trainiert. Am ersten Tag ging es bis ins Halbfinale, danach war an den folgenden Tagen aber jeweils in Runde eins sofort Schluss. Aber als ich mich dann am Samstagabend für die Darts Super League qualifizierte, gab mir das einen Kick. Ich weiß noch, wie ich aus Spaß sagte: "Und morgen hole ich mir das Ding auch." Und ich habe am nächsten Tag tastsächlich das Turnier gewonnen. Das lief ganz gut. (lacht)

SPOX: Aber das sollte ja nur der Anfang zu einem starken Jahr werden. Sie spielten sich mit Siegen über Peter Wright oder James Wade bei einem Players Championship Event bis ins Halbfinale, Mitte Mai standen Sie sogar bei einem weiteren Event im Finale. Gegen Gary Anderson.

Clemens: Und ich hatte zwei Matchdarts...

SPOX: Sie verloren 5:6, aber Sie hatten keinen Geringeren als Gary Anderson am Rande der Niederlage.

Clemens: Mich hat das ehrlich gesagt nicht besonders tangiert, dass es gegen Gary Anderson ging. Natürlich ist er ein absoluter Superstar der Szene, aber im Endeffekt will er das Match gewinnen und ich will es gewinnen. Ich sage es mal so: Gary Anderson hat auch nur drei Pfeile. (lacht) Mehr als diese einzelnen Erfolge bedeutet es mir, dass ich in diesem Jahr relativ konstant spiele. Ich spiele normalerweise einen guten Average, es gibt keine großen Ausreißer nach unten, das ist mir wichtiger.

SPOX: Diese Players Championship Events haben ja schon einen besonderen Flair, oder? Bzw. eben keinen Flair...

Clemens: Das stimmt. Teilweise ist es so leise, dass man sprichwörtlich die Stecknadel fallen hört. Es ist echt extrem, wenn man es mit der Atmosphäre bei den anderen Turnieren vergleicht. Aber auch dort in so einem Umfeld seine Leistung zu bringen, ist eine Herausforderung.

SPOX: Am anderen Ende des Spektrums haben Sie in diesem Jahr beim German Darts Masters auch in der Arena auf Schalke gespielt.

Clemens: Ja, wobei das Stadion einen Tick zu groß war, als dass die Stimmung total überkochen konnte. Es war eine gute Atmosphäre, aber in Göttingen geht zum Beispiel mehr die Post ab. Dort ist es lauter.

SPOX: Was vielleicht nicht alle wissen: Sie sind nach wie vor ganz normal berufstätig. Wie sieht Ihr Leben aktuell aus?

Clemens: Anfang des Jahres habe ich noch in Vollzeit als Industriemechaniker gearbeitet, seit März habe ich es auf drei Tage pro Woche reduzieren können. Ein normaler Tag sieht so aus, dass ich in die Arbeit gehe und abends eine Stunde lang trainiere. Mehr schaffe ich nicht. Mein Leben besteht aus Darts und der Arbeit - und nebenbei versuche ich, meine Freundin nicht zu vernachlässigen. (lacht)

SPOX: Es gibt Menschen, die sagen, dass Sie ein ganz Großer werden könnten, wenn Sie richtig trainieren würden...

Clemens: Ich weiß. Aber früher habe ich gar nicht trainiert. (lacht) Mittlerweile stecke ich so viele Stunden in Darts, wie es eben geht. Ich überlege natürlich auch, voll auf die Karte Darts zu setzen, aber ich arbeite im Öffentlichen Dienst und habe einen sehr sicheren Job. Diesen mit 35 Jahren aufzugeben? Es ist keine einfache Entscheidung. Vielleicht klappt es mal, dass ich für ein Jahr freigestellt werde, aber im Moment mache ich mir darüber keine großen Gedanken. Ich will jetzt einfach eine gute Leistung bei der WM zeigen und wenn ich es schaffe, Ende von 2019 in den Top 64 zu stehen, um meine Tourkarte zu behalten, bin ich glücklich.

SPOX: Bei der WM-Generalprobe bei den Players Championship Finals führten Sie im Achtelfinale schon 5:0 gegen Steve Lennon, ehe Sie noch verloren. Was lief schief?

Clemens: Ich habe Lehrgeld bezahlt, ganz einfach. Natürlich muss ich das normalerweise nach Hause bringen, wobei er dann auch einfach besser gespielt hat als ich. An ein mögliches Viertelfinale gegen MvG habe ich gar nicht gedacht, ich mache mir wirklich nie Gedanken über Spiele, die noch nicht feststehen. Es war eine bittere Niederlage, aber ich kann es trotzdem als weitere gute Erfahrung abhaken.

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