Dienstag, 31.08.2010

Svetislav Pesic im Interview

Pesic: "Jagla? Varejao ist nicht besser!"

Das DBB-Team wandelt bei der WM zwischen den Extremen. Trainer-Legende Svetislav Pesic, der die deutsche Basketball-Nationalmannschaft 1993 sensationell zum EM-Titel geführt hat, vor dem Angola-Spiel (17.45 Uhr im LIVE-TICKER) über das Beckenbauer-Nowitzki-Dilemma und die Vorzüge seines Schwiegersohns Jan Jagla.

Als Minimalziel hat Bundestrainer Dirk Bauermann das Achtelfinale ausgegeben
© Imago
Als Minimalziel hat Bundestrainer Dirk Bauermann das Achtelfinale ausgegeben


SPOX: Aus Sicht eines Trainers: Wie ist eine derartige Klatsche wie die der Deutschen gegen Australien erklärbar?

Svetislav Pesic: Das ist eine Kombination aus mehreren Faktoren: Zum einen die Erschöpfung nach den beiden anstrengenden Spielen gegen Argentinien und Serbien, zum anderen fehlte auch unabhängig von der Kondition die letzte Konzentration. Australien wurde bestimmt nicht unterschätzt, aber deren Spieler haben nun mal nicht die großen Namen wie bei den Argentiniern und Serben. Das kann unterbewusst mit eine Rolle spielen.

SPOX: Woran muss die deutsche Mannschaft arbeiten?

Pesic: Taktisch sollte man nicht mehr viel ändern, dass schadet nur dem Gesamtkonzept, dass bereits weit vor der WM entwickelt wurde. Wenn irgendetwas grundlegend umgestellt wird, geht es auf Kosten der Eingespieltheit.  Was ich mir wünschen würde, ist etwas mehr Ruhe und Abgeklärtheit in den entscheidenden Situationen oder wenn es für einige Minuten nicht so läuft. Speziell gegen Australien hat mir nicht so gut gefallen, wie schnell das Spiel verloren gegeben wurde, obwohl ein Sieg so wichtig für den zweiten Gruppenplatz gewesen wäre. Die Überzeugung, dass im Basketball auch ein 20 Punkte Rückstand gedreht werden kann, hat mir gefehlt.

Der WM-Spielplan: Alle Spiele, alle Gruppen, alle Topscorer!

Svetislav Pesic führte Deutschland 1993 zum EM-Titel
Svetislav Pesic führte Deutschland 1993 zum EM-Titel
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SPOX: Im Australien-Spiel über weite Strecken geschont wurde der gegen Serbien überragende Jan Jagla, der in diesem Sommer Ihre Tochter geheiratet hat. Was beurteilen Sie die Leistungen Ihres Schwiegersohns?

Pesic: Mich hat die Leistung gegen Serbien nicht wirklich überrascht, weil ich weiß, welche Qualitäten er mitbringt. Nicht nur basketballerisch, sondern auch charakterlich. Die meisten wissen gar nicht, wie viel Jan in den Sport investiert, um besser zu werden. Mittlerweile ist er ein Forward europäischer Spitzenklasse und hilft seiner Mannschaft nicht nur mit Punkten, sondern auch mit Rebounds und Assists.

SPOX: Was auffällt: Auf dem Parkett wirkt er gereift.

Pesic: Ich habe ihn schon als Jugendspieler in Lichterfelde und Berlin betreut, bevor er in die USA ans College ging. Im Vergleich zu damals ist er viel ruhiger geworden. Er kann mit seinen Emotionen besser umgehen und wird nicht so schnell ungeduldig, wenn es bei ihm nicht so läuft.  Derzeit profitiert er vor allem davon, dass Dirk Nowitzki nicht dabei ist, der bis 2008 ja völlig zu Recht immer gespielt hat. Jan hatte dadurch aber nie die Chance bekommen, sich auszuprobieren und auch mal Fehler zu begehen. Jetzt hat er die Sicherheit - und dies merkt man seinen guten Leistungen an. Dazu ist er auch gezwungen, denn er gehört mittlerweile zu meiner Familie. Und wer ein Pesic ist, muss auch wie ein Pesic spielen. (lacht)

SPOX: Jagla durchlebte Anfang seiner Karriere ähnliche Formschwankungen wie bei der WM die deutschen Top-Talente Tibor Pleiß, Robin Benzing und Elias Harris. Sind sie tatsächlich überschätzt, wie einige Kritiker behaupten?

Pesic: Ganz im Gegenteil: Deutschland hatte noch nie so viele hochbegabte Spieler auf einmal. Tibor, Robin und Elias gehören im Weltbasketball zu den Besten in ihrem Jahrgang und müssen sich vor keinem verstecken. In Deutschland macht die Öffentlichkeit den Fehler, dass sie jeden mit Nowitzki vergleicht. Aber das ist genauso unsinnig, wie wenn sich junge Fußballer mit Franz Beckenbauer messen müssten. Der deutsche Basketball sollte sich glücklich schätzen, solche Hoffnungsträger zu haben.

Die WM-Statistiken: Die Besten

SPOX: Was zeichnet abgesehen von den zahlreichen Talenten das DBB-Team aus?

Pesic: Die Begeisterung und der Kampfwille.

SPOX: Begeisterung und Kampfwille reichen aber nicht aus, um in einem möglichen WM-Achtelfinale zu bestehen.

Pesic: Warum nicht? Wenn es Deutschland gelingt, in der Gruppe den vierten Platz und damit ein Aufeinandertreffen im Achtelfinale mit den USA zu vermeiden, ist auch das Viertelfinale gut möglich.

SPOX: Die weiteren möglichen Gegner heißen aber Brasilien, Slowenien und Kroatien.

Pesic: Deutschland kann gegen alle drei Mannschaften gewinnen. Sie haben zwar die bekannteren Spieler, aber über so große Stars verfügen sie wiederum auch nicht. Es gibt keinen Grund, Angst vor ihnen zu haben. Nur ein Beispiel: Ich habe Brasiliens Anderson Varejao beim FC Barcelona trainiert, bevor ihm in der NBA bei den Cleveland Cavaliers der Durchbruch gelang. Ich sehe aber nicht, warum er besser sein sollte als Jagla. Ich glaube mehr an die Mannschaft als an einzelne Spieler - und die Begeisterung, der Teamgeist sowie der Hunger nach Erfolg sprechen eindeutig für Deutschland. Ich bin beeindruckt.

SPOX: Ungewohnt zwar, aber auch das Team USA tritt mannschaftlich geschlossen auf. Wie gut sind die Amerikaner?

Pesic: Über die individuelle Qualität, vor allem im Fastbreak, müssen wir nicht sprechen. Ich habe ihren deutlichen Sieg gegen Griechenland in der WM-Vorbereitung gesehen. Wenn sie ins Rollen kommen, sind sie schwer zu stoppen. Sie sind deswegen mit Spanien die großen Gold-Favoriten. Aber: Wer sich den Kader der Amerikaner anschaut, wird sehen, dass die meisten Spieler in ihrer Karriere noch nicht viele Titel gewonnen haben. Bei einem WM-Turnier ist es jedoch von entscheidender Bedeutung, dass man weiß, worauf es ankommt. Welche Mentalität nötig ist, um zu gewinnen. Von daher bin ich sehr gespannt.

Pleite gegen Australien: "Wir waren mental blockiert"

Interview: Haruka Gruber
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