Leichtathletik-WM

Berliner Problembär nach WM-Gold handzahm

SID
Donnerstag, 20.08.2009 | 14:52 Uhr
Nach seinem sensationellen Gold-Erfolg beim Diskus genießt Robert Harting das Bad in der Menge
© Getty
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Nach seiner Gold-Sensation beim Diskus zeigt sich Robert Harting einsichtig. Zuvor hatte er mit einer Verbalattacke gegen eine Dopingopfer-Kampagne für Schlagzeilen gesorgt.

Nach durchzechter Nacht mit Disco, Wodka, Freundin Kay und einigen Dutzend Freunden war der Berliner Problembär handzahm.

Robert Harting, der nach seinem phantastischen Schlussakkord von 69,43 m im Diskusring den WM-Triumph die ganze Nacht durchgefeiert und nicht geschlafen hatte, entschuldigte sich bei der Pressekonferenz artig für seine verbalen Entgleisungen gegen die Dopingopfer: "Es war wenig überdacht, aber auch menschlich. Ich hoffe, es gibt keine Bestrafung."

Harting muss mit Konsequenzen rechnen

Konsequenzen wird es laut Clemens Prokop, Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), trotzdem geben für den Mann, der den knappsten WM-Triumph der Geschichte im Diskusring mit 28 Zentimetern Vorsprung gegenüber dem polnischen Olympiazweiten Piotr Malachowski (69,15) schaffte.

Obwohl Prokop erst einmal lobte. "Toll, wie Harting es im letzten Versuch verstanden hat, das Ding noch umzubiegen", sagte der Präsident nach dem 50. deutschen WM-Gold der Geschichte.

Klärungsbedarf nach der WM

Doch Prokop machte deutlich: "Wir sind noch nicht zufrieden gestellt. Im Vorfeld hat es von Robert Aussagen gegeben, die nicht nur problematisch sind, sondern auch im Widerspruch zur Position des Verbandes stehen. Wir werden nach der WM noch einiges zu klären haben."

Gemeint war Hartings Entgleisung am Dienstag nach seiner Final-Qualifikation. Vor Journalisten sagte er: "Wenn der Diskus aufkommt, soll er gleich gegen eine der Brillen springen, die die Dopingopfer hier verteilt haben - damit sie wirklich nichts mehr sehen."

Verbal, tapsiger Berliner Bär

Harting zielte mit seiner Attacke darauf ab, dass Dopingopfer Gerd Jacobs angeblich gefordert hatte ("das hat man mir erzählt"), er habe beim DLV den Ausschluss des Berliners aus der Nationalmannschaft gefordert. Jacobs und sein Mitstreiter Uwe Trömer dementierten.

Am Donnerstag erklärte der Verein der Dopingopferhilfe, man werde wegen Hartings Entleistung keine juristischen Schritte unternehmen.

Bei der Pressekonferenz am Morgen nach dem goldenen Wurf schob Harting erst Teilen der Medien die Schuld an der Eskalation seiner Worte zu, doch dann dämmerte dem verbal meist tapsigen Bären, der die Konkurrenz im Diskusring so gekonnt auszutanzen verstand, dass er die Wirkung seiner Worte oft nicht so recht einzuschätzen vermag.

"Ich kann kein Deutsch"

"Ich kann kein Deutsch", räumte der gebürtige Cottbuser etwas verschämt und überzogen ein. Er animierte damit gleichzeitig Eike Emrich, den rethorisch hochkarätigen DLV-Vizepräsidenten, sich vor den 2,01-m-Mann zu stellen. Der Soziologieprofessor aus Saarbrücken zeigte viel Verständnis dafür "dass ein Athlet in der Anspannung vor dem Wettkampf nicht immer als Diplomat im Trainingsanzug auftreten kann" und nannte Hartings Aussagen "überschießend".

Man dürfe nicht erwarten, dass ein Sportler in einer Extremsituation immer und überall affekt-kontrolliert reagiere. Emrich meinte in Kontrast zu Prokop: "Warum sollte ich einen jungen Menschen bestrafen, der sich noch entwickelt?" Auch hinsichtlich seiner Vorbildfunktion werde Harting noch "jene Größe erreichen, die er im Diskus-Ring schon hat".

Dietzsch stellt sich hinter Harting

Franka Dietzsch, die schon dreimal Weltmeisterin war im Diskusring, stellte sich wie Emrich hinter den Hünen: "Er ist ein hochsensibler junger Mann, der nach außen wirkt wie ein Klotz. Aber innerlich ist er das Gegenteil."

"In den letzten drei Tagen war ich kein Vorbild", räumte Harting ein, doch im Diskusring leistete er Vorbildliches. Er war der Einzige, der sich von Malachowskis 68,77 m zum Auftakt nicht wirklich schocken ließ.

Die Gesetze des letzten Wurfs

"Von Gerd Kanter ist bekannt, dass er nicht kontern kann, wenn er einen vorgesetzt bekommt, und auch mein Vorbild Virgilijus Alekna hatte keine Antwort", stellte Harting im Falle der beiden Olympiasieger aus dem Baltikum fest. Allein der WM-Zweite von Osaka 2007, der bei Olympia ohne Medaille geblieben war, packte im letzten Versuch noch einmal alles aus.

"Der Letzte hat immer besondere Gesetze. Da kann ich noch einmal alles mobilisieren. Und es ärgerte mich, dass dieser Pole vor mir war. Ich hätte im Urlaub nicht am Strand entspannen können, wenn ich hier verloren hätte. Ich habe dann einen Gewaltwurf gemacht, auf meine Technik konnte ich mich verlassen."

Am Ende fast zusammengebrochen

Dann riss Harting ("wie in Osaka") vor den 32.000 lautstark applaudierenden Zuschauern sein Trikot in Fetzen, schnappte sich das Maskottchen Berlino, vollführte mit freiem Oberkörper einen wilden Tanz vor seinen Fans in der Kurve, und startete mit der Deutschland-Fahne eine Ehrenrunde.

Doch bei der Hälfte brach er ab: "Kreislaufprobleme - ich wäre am Ende fast zusammengebrochen." Am anderen Morgen nannte er künftige Ziele: "Die 70 Meter müssen mal fallen, ich war noch nie Europameister und Olympiasieger."

Doch erst einmal will er eine Wohnung finden, sich Zeit zum Malen nehmen und ab Oktober an der Akademie der Künste Gesellschafts- und Wirtschaftswissenschaften studieren.

Harting im Goldrausch!

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