Mittwoch, 20.01.2010

Handball-EM: Deutschland enorm unter Druck

Das handballerische Problem

Nach der ernüchternden 25:27-Niederlage gegen Polen steht die deutsche Nationalmannschaft nach nur einem Spiel schon mit dem Rücken zur Wand. Kann sich das Team von Bundestrainer Heiner Brand gegen Slowenien (18.15 Uhr im LIVE-TICKER) steigern, oder ist einfach nicht mehr drin?

Heiner Brand bewies bei seiner Aufstellung gegen Polen kein allzu glückliches Händchen
© Getty
Heiner Brand bewies bei seiner Aufstellung gegen Polen kein allzu glückliches Händchen

Es waren noch 45 Minuten bis zum Anwurf in der Olympiahalle von Innsbruck, da war die polnische Mannschaft bereits komplett auf dem Spielfeld. Kreis bilden, noch mal heiß machen - man kennt das ja.

Von der deutschen Mannschaft war zu diesem Zeitpunkt noch nichts zu sehen. Das wäre auch nicht weiter schlimm gewesen, wenn man sich über zwei Stunden später nicht immer noch verwundert die Augen gerieben und sich gefragt hätte, wo eigentlich die deutsche Mannschaft abgeblieben ist.

Wer war das, der da in den deutschen Trikots steckte und auf sonderbare Weise einen extremen Drang zum völlig planlosen Torabschluss verspürte, als wolle er die Leichtigkeit des Ballerns erforschen?

Deutschland - Polen in der SPOX-Analyse

Ellenlange Mängelliste

Bundestrainer Heiner Brand hätte nur zu gerne eine Erklärung gefunden. Die relativ ausgeprägte Jugendlichkeit seines Teams wollte er nicht als Entschuldigung gelten lassen, wie er gegenüber SPOX klarmachte: "Solche Spiele hat es auch mit einer älteren Mannschaft schon gegeben, auch wenn es vielleicht nicht ganz so krass war. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass wir gegen den WM-Dritten gespielt und nicht gegen irgendjemanden verloren haben. Man muss auch Respekt vor dem Gegner haben."

Bei allem Respekt vor den ohne Zweifel starken Polen, bleibt dennoch in erster Linie festzuhalten, dass die Art und Weise der Niederlage erschreckend war. Die Mängelliste: Das Gegenteil von dem machen, was angesagt wurde. In Unterzahl wild nach vorne rennen, als stünde man unter Zeitdruck. Tempowechsel komplett verweigern. Ohne Vorbereitung nach nur einem Pass aufs Tor hämmern. Gerne auch mitten aufs Tor.

EM: Die besten Bilder vom deutschen Team
Deutschland - Schweden 30:29: Das deutsche Team startete furios, besonders Michael Kraus hatte sich viel vorgenommen. Der Kapitän machte eine starke Partie
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Deutschland - Schweden 30:29: Das deutsche Team startete furios, besonders Michael Kraus hatte sich viel vorgenommen. Der Kapitän machte eine starke Partie
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Christoph Theuerkauf dagegen kam nicht so gut rein. Gegen den physischen Mittelblock der Schweden markierte der Kreisläufer nur zwei Treffer, blieb aber ohne Fehlversuch
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Christoph Theuerkauf dagegen kam nicht so gut rein. Gegen den physischen Mittelblock der Schweden markierte der Kreisläufer nur zwei Treffer, blieb aber ohne Fehlversuch
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In der zweiten Hälfte wurde aus einem Offensivspektakel eine Abwehrschlacht, in der beide Teams über die Strenge schlugen. Die Trainer klärten jeden Disput aber sportlich fair
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In der zweiten Hälfte wurde aus einem Offensivspektakel eine Abwehrschlacht, in der beide Teams über die Strenge schlugen. Die Trainer klärten jeden Disput aber sportlich fair
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Nur Oliver Roggisch ging zu weit: Seine dritte Zeitstrafe hatte automatsich die Rote Karte zur Folge. Der Abwehrchef musste vorzeitig von der Platte
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Nur Oliver Roggisch ging zu weit: Seine dritte Zeitstrafe hatte automatsich die Rote Karte zur Folge. Der Abwehrchef musste vorzeitig von der Platte
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Die Lücken, die sich dadurch defensiv auftaten, schloss vor allem Torwart Silvio Heinevetter. Der Freund von Simone Thomalla parierte 12 von 28 Würfen
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Die Lücken, die sich dadurch defensiv auftaten, schloss vor allem Torwart Silvio Heinevetter. Der Freund von Simone Thomalla parierte 12 von 28 Würfen
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Im Angriff sorgte Holger Glandorf (r.) für die entscheidenden Nadelstiche. Mit acht Treffern war er der Mann des Spiels und schickte sein Team in die Hauptrunde
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Im Angriff sorgte Holger Glandorf (r.) für die entscheidenden Nadelstiche. Mit acht Treffern war er der Mann des Spiels und schickte sein Team in die Hauptrunde
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Slowenien - Deutschland 34:34: Was für ein bitterer Auftakt! Nach neun Minuten hatte das deutsche Team (im Bild: Holger Glandorf) immer noch kein Tor erzielt.
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Slowenien - Deutschland 34:34: Was für ein bitterer Auftakt! Nach neun Minuten hatte das deutsche Team (im Bild: Holger Glandorf) immer noch kein Tor erzielt.
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Auch Rückraumspieler Lars Kaufmann, gegen Polen schon mit schwacher Quote, fand keine Lücken im slowenischen Abwehrbollwerk
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Heiner Brand hatte schnell die Schnauze voll. Nach dem Spiel sagte der Bundestrainer: "Schlimmer als in den ersten zehn Minuten konnte es nicht mehr werden."
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Heiner Brand hatte schnell die Schnauze voll. Nach dem Spiel sagte der Bundestrainer: "Schlimmer als in den ersten zehn Minuten konnte es nicht mehr werden."
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Ganz im Gegenteil: Dank Christoph Theuerkauf (7 Tore) wurde es sehr viel besser. In der zweiten Hälfte drehte der Kreisläufer auf und pushte sein Team
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Ganz im Gegenteil: Dank Christoph Theuerkauf (7 Tore) wurde es sehr viel besser. In der zweiten Hälfte drehte der Kreisläufer auf und pushte sein Team
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Hinten hielt Johannes Bitter einmal mehr, was zu halten war. Und der eine oder andere Unhaltbare war auch dabei
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Mit einer geschlossenen Teamleistung und großem Kampfgeist erarbeitete sich der DHB einen Punkt und hat weiter alle Chancen aufs Weiterkommen
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Mit einer geschlossenen Teamleistung und großem Kampfgeist erarbeitete sich der DHB einen Punkt und hat weiter alle Chancen aufs Weiterkommen
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Deutschland - Polen 25:27: Lars Kaufmann (M.) in seinem Element. Hier wird er von Mariusz Jurkiewicz (r.) gestört
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Deutschland - Polen 25:27: Lars Kaufmann (M.) in seinem Element. Hier wird er von Mariusz Jurkiewicz (r.) gestört
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Es ging ordentlich zur Sache: Holger Glandorf (M.) wird von Tomasz Tluczynski (l.) und Bartlomiej Jaszka (r.) in die Zange genommen
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Polens Coach Bogdan Wenta ging an der Seitenlinie wieder ab wie ein Zäpfchen. Das sieht hier ganz anders aus...
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Michael Müller (l.) und Christian Sprenger versuchen Polens Mateusz Jachlewski (M.) am Wurf zu hindern
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Kaufmann lässt gewähren, Bartosz Jurecki (M.) nimmt einen Wurf und trifft
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Kaufmann lässt gewähren, Bartosz Jurecki (M.) nimmt einen Wurf und trifft
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Bundestrainer Heiner Brand hatte vor allem an der Offensivleistung in der ersten Halbzeit einiges auszusetzen
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Bielecki erteilt Anschauungsunterricht

Manch einer möchte nun vielleicht mangelndes Selbstvertrauen in Folge einer schwierigen Vorbereitungsphase für die deutsche Planlosigkeit im Angriff geltend machen, aber auch Brand kann bei diesem Ansatz nur mit dem Kopf schütteln. Wer kein Selbstvertrauen hat, der müsse ja theoretisch erst Recht mit mehr Ruhe und Geduld spielen. Klingt logisch.

Es war viel mehr eine fehlende Bereitschaft, für ein Tor zu arbeiten, die der DHB-Auswahl das Genick brach. Die Polen auf der anderen Seite standen häufig kurz vor dem Zeitspiel, bis sie einen Angriff doch noch erfolgreich abschlossen. Vor allem durch Bielecki.

Der Star der Rhein-Neckar Löwen nützte kurz vor der Pause eine Tiefschlafphase der deutschen Abwehr mit drei typischen Bielecki-Raketen gnadenlos aus und brachte sein Team so auf die Siegerstraße.

Fragwürdige Personalentscheidungen

Wenn es überhaupt etwas Positives an der deutschen Pleite gab, war es die bewundernswerte kämpferische Leistung, die das Team fast noch zum Ausgleich getrieben hätte. "Andere Mannschaften wären sicherlich eingebrochen, aber die Jungs haben gefightet. Sie wollten sehr viel, das hat man gemerkt. Wir hatten einfach ein handballerisches Problem", sagte Brand.

Der Erfolgscoach muss sich die Frage gefallen lassen, ob er sich mit seinen überraschenden Personalentscheidungen einen Gefallen getan und nicht vielleicht zum Problem beigetragen hat. Weil Brand den im Vergleich zu Manuel Späth beweglicheren Mann im Mittelblock haben und außerdem nicht mehr als einmal zwischen Angriff und Abwehr (Theuerkauf/Roggisch) wechseln wollte, erhielt Michael Haaß den Vorzug vor Kapitän Michael Kraus.

Fast genauso fragwürdig war die Entscheidung, Stefan Schröder an Stelle von Christian Sprenger auf der Rechtsaußen-Position spielen zu lassen. Brand begründete sie mit seiner bemerkenswerten Einschätzung, dass "beide leistungstechnisch auf einem Niveau" seien. Kann man so sehen, tun viele aber nicht.

Da die EM für Schröder nach einem Trommelfellriss im linken Ohr vorzeitig zu Ende ist, wird es nun an Sprenger liegen, zu zeigen, was er drauf hat. Für Schröder wurde inzwischen der Göppinger Christian Schöne nachnominiert. Kurios: Schon im letzten Jahr bei der WM in Kroatien rückte Schöne nach nur einem Spiel ins Team. Damals hatte sich Sprenger verletzt.

Nicht gut genug fürs Halbfinale

Für die deutsche Mannschaft gilt es nun, alle Konzentration auf das Spiel gegen Slowenien zu richten. "Wir müssen den Kopf oben behalten. Es gehört dazu, dass man mit so einer Situation, wie wir sie jetzt haben, umgehen kann. Slowenien ist für uns ein weiteres Endspiel, das wir unbedingt gewinnen wollen", meinte Kraus im Gespräch mit SPOX.

Dass ein Sieg im zweiten Vorrundenspiel alles andere als leicht wird, zeigte die Pleite der hoch eingeschätzten Schweden gegen die von Star-Coach Noka Serdarusic gecoachten Slowenen. Überhaupt zeigte der erste Spieltag bereits die Unberechenbarkeit des Handballs. Slowenien gewinnt nach großem Rückstand gegen Schweden, Frankreich verliert fast gegen Ungarn - Handball ist und bleibt verrückt.

So verrückt, dass Deutschland trotz Auftaktniederlage noch ins Halbfinale kommen kann aber wohl kaum. Dafür scheint das aktuelle Team einfach nicht gut genug.

Ein letzter Strohhalm

"Wir müssen zusehen, dass wir jetzt mal ein Spiel gewinnen. Ans Halbfinale denke ich nicht. Ich habe vor dem Turnier gesagt, dass es angesichts unserer Gruppe nicht seriös ist, vom Halbfinale zu sprechen. Das hat das Spiel ja wohl eindeutig bewiesen", befand Brand.

Einen ganz kleinen Hoffnungsschimmer gibt es aber noch. 2004 verlor Deutschland bei der EM in Slowenien auch das Eröffnungsspiel. Gegen Serbien und Montenegro setzte es eine 26:28-Niederlage. Im Anschluss wurde Deutschland Europameister. An irgendetwas muss sich ja geklammert werden...

Die deutsche Gruppe C im Überblick


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