Handball-EM: Deutschland - Slowenien 34:34

Mit Willen geht fast alles

SID
Mittwoch, 20.01.2010 | 21:22 Uhr
Lars Kaufmann fand gegen Slowenien schwer ins Spiel, steigerte sich aber und machte sechs Tore
© Getty
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Die deutsche Nationalmannschaft hat nach der bitteren Auftaktpleite gegen Polen bei der EM in Österreich Wiedergutmachung betrieben und im zweiten Vorrundenspiel gegen Slowenien ein 34:34 (11:16) erkämpft. Bester Werfer in einer in der zweiten Hälfte entfesselt aufspielenden Mannschaft war Kreisläufer Christoph Theuerkauf mit sieben Toren. Bei den Slowenen trafen Vid Kavticnik und David Spiler (beide 7) am besten.

Na also, es geht doch. Das Team von Bundestrainer Heiner Brand zeigte gegen Slowenien eindrucksvoll, was Kampfgeist ausmachen kann.

Mit dem Rücken zur Wand stehend hielt die DHB-Auswahl dem enormen Druck stand und verdiente sich das Remis mit einer ungeheuren Energieleistung in der zweiten Halbzeit. Zuvor hatte das Team allerdings erneut eklatante Schwächen offenbart und war mit bis zu sieben Toren in Rückstand geraten.

"Es war teilweise schlimm, was wir in der ersten Halbzeit gemacht haben. Das war unglaublich. Es ist ein kleines Wunder, dass wir noch ein Unentschieden geschafft haben", sagte etwa Heiner Brand.

Die DHB-Auswahl trifft nun am Freitag im letzten Vorrundenspiel auf Schweden und kann mit einem Unentschieden oder einem Sieg den Einzug in die Hauptrunde perfekt machen.

Die Chancen auf das Halbfinale sind nach der Niederlage von Schweden gegen Polen aber selbst dann fast nur theoretischer Natur, da Deutschland mit 1:3-Punkten in die Hauptrunde starten würde. Bei einer Niederlage im "Endspiel" gegen die Tre Kronor ist das Turnier für Deutschland nach der Vorrunde beendet.

Der SPOX-Spielfilm

Vor dem Anpfiff: Diesmal keine Überraschungen. Kapitän Michael Kraus beginnt auf Rückraum Mitte, Manuel Späth am Kreis und Christian Sprenger auf Rechtsaußen. Johannes Bitter steht erneut zwischen den Pfosten.

3.: Slowenien kommt blitzschnell zu leichten Treffern und liegt schon vorne. Kaufmann, der gestern schon zu viele Versuche brauchte, wirkt auch hier in den ersten Minuten übermotiviert. Noch kein Tor für den DHB.

9.: Was für ein Fehlpass von Glandorf! Meterweit verpasst er den Jansen da auf der rechten Seite. Slowenien legt einen Treffer nach - Brand nimmt eine Auszeit.

10.: Da ist das Ding! Glandorf erzielt Deutschlands erstes Tor, und die Freude zeigt, wie wichtig das war. Aber Slowenien bleibt am Drücker und legt gleich nach.

18.: Eine Sequenz, die wir hier in der ersten Hälfte schon mehrfach gesehen haben: Tor Slowenien, Fehlwurf Deutschland, Kontertor Slowenien.

28.: Auszeit Slowenien. Deutschland hält den Abstand jetzt zumindest konstant bei fünf bis sechs Toren. Das ist sicher nicht gut genug, aber ein Fortschritt. Müller mit dem nächsten Tor.

35.: Hinten gelingt es einfach nicht, mal ein oder zwei Angriffe der Slowenen unbeschadet zu überstehen. Jedes Tor wird sofort mit einem Gegentreffer beantwortet.

44.: Deutschland hat offensiv richtig Feuer gefangen. Theuerkauf, immer wieder Theuerkauf, macht hier die Tore für den DHB.

53.: Glandorf hat Glück, sein Wurf ist abgefälscht, aber der Linkshänder hat jetzt drei der letzten vier deutschen Tore gemacht.

57.: Oha, da muss Bitter jetzt aufpassen, sonst geht er vom Feld. Die Schiedsrichter geben hier einen Siebenmeter, den man niemals geben darf, und der deutsche Goalie flippt völlig aus. Gelbe Karte, Kavticnik trifft.

58.: Kaufmann trifft, Slowenien vergibt, Deutschland kann ausgleichen. Jawoll, Theuerkauf macht's! Alles wieder offen!

Slowenien - Deutschland: Das Spiel im Re-Live zum Nachlesen

Der Star des Spiels: Christoph Theuerkauf. Heiner Brand musste sich vor der EM zwischen dem offensivstarken Theuerkauf und dem defensivstarken Flohr entscheiden - er entschied sich für Theuerkauf. Welch weise Wahl. Theuerkauf (7/8) bewies eindrucksvoll, warum er offensiv Deutschlands mit Abstand bester Kreisläufer ist. Riss das Team mit seinen Toren und seinem Spirit mit. Vielleicht seine internationale Coming-out-Party.

Die Gurke des Spiels: Michael Kraus. Der deutsche Kapitän wollte es gegen Slowenien unbedingt erzwingen. War sichtlich bemüht, das Spiel zu lenken und selbst dynamisch zum Torabschluss zu kommen. Aber egal, was er auch versuchte, es gelang nichts. Beim Gang auf die Bank war ihm seine Verzweiflung ins Gesicht schrieben. Die DHB-Auswahl kam in der zweiten Hälfte mit Michael Haaß zurück ins Spiel. Nicht mit Kraus (1/6), auch wenn er in der Schlussphase wenigstens einen wichtigen Treffer beisteuern konnte.

Die Lehren des Spiels: Nach nicht einmal drei Minuten 0:3 in Rückstand, nach 8:22 Minuten musste Heiner Brand beim Stand von 0:4 schon die erste Auszeit nehmen. Das erste deutsche Tor warf Holger Glandorf erst nach über neun Minuten. Unfassbar. Hätte die DHB-Auswahl nicht einen erneut starken Johannes Bitter im Kasten gehabt, es wäre schon ganz früh zappenduster geworden.

Das deutsche Team knüpfte nahtlos an die katastrophale Angriffsleistung aus dem Polen-Spiel an. Übermotiviert, überhastet, hektisch, ohne Ruhe und Geduld - das Team wurde mit der enormen Drucksituation in den ersten 15 Minuten überhaupt nicht fertig und beging zig leichte Fehler. Die Abwehr ließ zudem viele einfache Tore der Slowenen zu. Auch eine Abwehrumstellung - Theuerkauf oder Gensheimer als vorgezogener Mann gegen Sloweniens Spielmacher Uros Zorman - brachte nur bedingt etwas.

"Wir haben wieder zwei Gesichter gezeigt", erklärte Oliver Roggisch nach Spielschluss. "Nach einer wirklich schlechten ersten Halbzeit haben wir aber immerhin Moral gezeigt." In der Tat: Wie sich die deutsche Mannschaft mit purem Willen zum Remis und fast noch zum Sieg fightete, war groß. 23 Tore in den zweiten 30 Minuten sprechen für sich.

"Bei der Tour de France gibt es ein Trikot für den kämpferischsten Fahrer - das hätten wir hier verdient", sagte Johannes Bitter. Der nicht zerstörbare Wille der Mannschaft macht Mut, dass der Punktgewinn bei der EM die Wende zum Guten eingeleitet hat. Das Spiel gegen Schweden wird es zeigen.

Die deutsche Gruppe C im Überblick

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