Michael Kraus, exklusiv, Teil 2

"Ich bin Handball-wahnsinnig"

Von Interview: Florian Regelmann
Dienstag, 11.11.2008 | 11:38 Uhr
Michael Kraus will mit der Nationalmannschaft den WM-Titel verteidigen
© Getty
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Im zweiten Teil des SPOX-Interviews spricht Michael Kraus über seine Denkpause im Nationalteam und den Umbruch in der DHB-Auswahl. Außerdem erklärt er, warum er wahnsinnig ist.

SPOX: Ich muss Sie noch einmal auf Ihre verordnete Denkpause nach der EM ansprechen. Sind Sie Heiner Brand im Nachhinein sogar dankbar dafür?

Kraus: Ich habe ja schon damals gesagt, dass ich dies keineswegs als Strafe gesehen habe. Ich habe die Denkpause als Wink mit dem Zaunpfahl empfunden und habe mir meine Gedanken gemacht. Das war das, was Heiner wollte, damit ich mich wieder voll und ganz auf den Sport konzentriere. Makaber, aber ja, es war die richtige Maßnahme von Heiner. Er scheint mich doch gut zu kennen (schmunzelt).

SPOX: Ist es denn so, dass Sie jetzt viel mehr für den Handball leben?

Kraus: Ich lebe schon mein ganzes Leben für den Handball. Das war während der Zeit kurz vor der EM nicht anders, nur hatte ich vor der EM einige Dinge im Kopf, die mich sehr belastet oder abgelenkt hatten. Zugegeben, bei Heiners Entscheidung musste ich erst einmal sehr schlucken. Aber sie hatte auch etwas sehr Gutes für sich! Heiner hat mir geholfen und die Augen geöffnet.

SPOX: Nach der Sensations-WM war ja auch ein Riesen-Rummel um Sie.

Kraus: Sicherlich hing es mit dem hohen Terminstress nach der WM zusammen. Ich hatte sehr viel Anfragen und musste erst mal lernen, auch nein sagen zu können. Das war einfach eine Lehrstunde für mich, die mich reifer gemacht hat. Aber das Thema ist abgehakt und ich möchte darauf auch nicht mehr rumhacken.

SPOX: Ihnen haftet immer so ein bisschen das Lebemann-Image an, ist das ungerecht?

Kraus: Ich würde eher sagen, "es haftete mir an". Jeder der mich kennt, weiß, dass ich immer Gas gebe und hart arbeite. Mein Motto lautet: Nichts wird Dir geschenkt. Man muss sich alles hart erarbeiten. Natürlich sollte man in seiner Freizeit nicht vergessen "zu leben". Das gehört einfach auch dazu. Wir sind schließlich keine Maschinen. Aber man muss immer wissen, wann, und das weiß jeder Profi-Sportler sehr genau.

SPOX: Sie sollen ein ganz schlechter Verlierer sein, stimmt das?

Kraus: Wer zählt schon gerne zu den Verlierern? Ich auf jeden Fall nicht. Manchmal fällt es mir schwer, dem Gegner nach einer Niederlage zu gratulieren, aber da muss man sich eben zusammenraufen und noch die nötige Klasse und Anstand aufbringen. Wie war das nochmal: Manchmal verliert man und manchmal gewinnen die anderen (lacht). Aber ich hoffe, dass das in Zukunft nicht mehr oft der Fall sein wird.

SPOX: Mit der Nationalmannschaft steht die WM-Titelverteidigung an im nächsten Jahr. Heiner Brand hat bereits gesagt, dass Deutschland nicht zu den Titelfavoriten zählt nach dem Umbruch. Wie sehen Sie das?

Kraus: Ich sehe das genauso wie der Trainer. Ich bin jedoch fest davon überzeugt, dass wir eine sehr gute und homogene Mannschaft stellen werden. Wir werden uns zu hundert Prozent auf dieses Turnier fokussieren und um jeden Ball kämpfen - wie man uns eben kennt. Und was mit Einstellung alles möglich ist, haben die Isländer bei Olympia gezeigt.

Wie geht es mit der Nationalmannschaft weiter? Jetzt auch unterwegs top-informiert sein! 

SPOX: Wenn Pascal Hens wieder zurück ist, ist nicht vielleicht doch mehr drin, als man denkt?

Kraus: Es ist nicht nur der Rückraum, der sich sehen lassen kann. Wir haben auf den Außenpositionen sicherlich ein Luxusproblem. Auf links stehen sehr gute Spieler hinter Toto Jansen und Dominik Klein Schlange. Auf der anderen Seite sieht es ähnlich aus. Hinzu kommt unser Abwehrchef Olli Roggisch, der mit Basti Preiß den Laden dicht hält. Wir sind gut aufgestellt, wir müssen dann nur noch den Kampf und den absoluten Willen entwickeln - unsere Tugenden eben!

SPOX: Was gefällt Ihnen so an der neuen Zusammensetzung der Truppe?

Kraus: Es ist einfach toll, wenn man sieht, wie wir im Training zur Sache gehen, jeder seine Chancen nutzt und alles gibt. Nur das bringt uns weiter. Und die Jungs sind alle schwer in Ordnung.

SPOX: Zum Schluss noch ein Wort zum Handball-Spielplan. Der ist doch Wahnsinn, oder?

Kraus: Wahnsinn? Ich bin Handball-wahnsinnig! Aber mal ehrlich: Der Spielplan ist schon ziemlich heftig und manch einer weiß nicht, was den Spielern zugemutet wird. Das ist schon mehr als eine Diskussion wert. Man sollte idealerweise eine Lösung finden, bei der der Handball nichts an seiner Popularität einbüßt. Zugegeben nicht ganz einfach.

SPOX: Was kann man tun?

Kraus: Wie gesagt, nicht so einfach. Es ist doch so, dass unser Sport gerade durch die vielen Wettbewerbe auch in aller Munde bleibt. Sicherlich wertet es einen EM- oder WM-Titel nicht unbedingt auf, wenn alle zwei Jahre ein neues Turnier stattfindet, aber momentan ist keine andere Lösung absehbar, die den Spielern Entlastung bringen würde.

SPOX: Wenn sich nichts ändert, müssen die Spieler reagieren.

Kraus: Richtig. Einige Top-Spieler der Bundesliga haben ja schon Konsequenzen gezogen und sich eine Auszeit gegönnt oder gar den Rücktritt aus der Nationalmannschaft bekannt gegeben, da der Tank einfach leer ist. In unserer Sportart steckt noch soviel Potenzial. Das könnte man auch ohne Hetzjagd auf Titel und Trophäen besser nützen.

Hier geht es zurück zum ersten Teil des SPOX-Interviews

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