Fussball

Jonas Boldt vom Hamburger SV im Interview: "Ich trete nicht an, um das Image des HSV zu verändern"

Jonas Boldt ist seit der Saison 2019/20 Sportvorstand beim HSV.
© getty

Jonas Boldt arbeitete zwölf Jahre lang in verschiedenen Funktionen bei Bayer Leverkusen, ehe er den Verein im Dezember 2018 als Sportdirektor überraschend verließ. Seit der neuen Saison ist der 37-Jährige Sportvorstand beim Hamburger SV.

Im Interview mit SPOX und Goal spricht Boldt ausführlich über Meinungsverschiedenheiten in Leverkusen, Gespräche mit dem FC Schalke 04, die Gründe für die Entscheidung zugunsten des Hamburger SV und sein Bild von HSV-Investor Klaus-Michael Kühne.

Herr Boldt, Sie begannen 2007, für Bayer Leverkusen zu arbeiten und haben dort nach und nach immer weitere Stufen der Karriereleiter erklommen. Am 1. Juli 2018 haben Sie Ihren Vertrag verlängert und wurden zum Sportdirektor ernannt. Rund ein halbes Jahr später verließen Sie den Verein jedoch überraschend. Das hätten Sie sich so sicher auch nicht träumen lassen, oder?

Jonas Boldt: Ich träume eigentlich ohnehin selten. (lacht) Aber nein, damit war nicht zu rechnen. Bayer hatte sich im letzten Jahr sehr stark bemüht, mir eine Perspektive aufzuzeigen. Ich habe auch immer das nötige Vertrauen gespürt. Der genaue Titel war für mich absolut nicht entscheidend, sondern vielmehr, was man inhaltlich umsetzen kann. Dazu hatten wir mit Julian Brandt, Jonathan Tah und Lars Bender verlängert, so dass nicht nur für mich, sondern auch für die Spieler klar war: Ich kann hier jetzt nicht gehen, der Weg ist noch nicht zu Ende.

Bereits im Dezember war dies dann aber dennoch der Fall. Was ist in der Zwischenzeit geschehen?

Boldt: Im Sommer ist einiges passiert und wir sind dann auch schlecht in die Saison gestartet. Irgendwann kam ich zu dem Punkt, dass ich meine Ideen nicht mehr so umsetzen konnte, wie wir es zum Zeitpunkt meiner Verlängerung besprochen hatten. Und dann gibt es eben zwei Möglichkeiten: Das Ganze aussitzen und sich der Verantwortung entziehen oder die Dinge offen ansprechen.

Sie haben sich für Letzteres entschieden.

Boldt: Ich habe daraufhin meinen Weg noch einmal klar gekennzeichnet. Ich bin nicht der Typ, der die Schuld auf andere schiebt oder sich wegduckt. Wenn eine solche Situation entsteht, hat jeder seinen Teil dazu beigetragen. Ich habe einige offene Gespräche mit Rudi Völler und Werner Wenning geführt. Wir hatten uns das alle anders vorgestellt. Danach war aber klar, dass es in eine andere Richtung gehen soll und es daher sinnvoller für alle Beteiligten ist, wenn ich etwas anderes mache.

Wie haben Sie denn genau gemerkt, dass sich etwas verändert hatte?

Boldt: Es hatte mit der schwierigen sportlichen Situation zu tun. Meiner Meinung nach gab es dafür Gründe, die ich intern auch immer klar geäußert habe. Da kam es auch mal zu Meinungsverschiedenheiten, was ja aber völlig legitim ist. Ich war jedoch von meiner Meinung überzeugt und habe nichts einfach so dahergesagt.

Waren Sie überrascht, dass Ihre Meinung keine Unterstützung fand?

Boldt: Ich respektiere natürlich auch andere Ansichten. Wenn ich Verantwortung trage und von meiner Ansicht überzeugt bin, dann möchte ich sie durchsetzen und keine internen Querelen anfangen. Der Verein steht immer über allem. In dem Moment gab es für mich einfach keine zwei Meinungen - und deshalb habe ich daraus die Konsequenzen gezogen.

Wie sehr hat denn Rudi Völler als Ihr langjähriger Förderer mit Ihrer Entscheidung gerungen?

Boldt: Sehr stark, er wollte mich nicht verlieren. Wir hatten sicherlich auch einige Reibungen, das kam im Laufe der Jahre aber immer mal wieder vor. Es wurde in dieser Situation etwas extremer, möglicherweise auch von mir unbewusst provoziert. Er hat letztlich über einen langen Zeitraum alles versucht, um mich von seiner Meinung zu überzeugen. Er kennt mich aber natürlich auch und merkte, dass ihm das nicht gelingen wird.

Der Abschied dürfte Ihnen nach all den Jahren dennoch schwergefallen sein, oder?

Boldt: Definitiv. Es war keine Nacht-und-Nebel-Entscheidung, sondern über einen langen Zeitraum sehr gut überlegt. Ich habe gemerkt, dass ich aufgrund der Situation in eine Rolle geraten bin, in der ich mir selbst nicht gefallen habe. Ich habe mit Sicherheit auch Fehler und nicht alles richtig gemacht. Letztlich möchte ich aber in den Spiegel gucken können und sagen: Ich stehe für etwas und verstelle mich nicht. Ich wusste allerdings, dass das in dieser Konstellation irgendwann nicht mehr der Fall sein wird.

Dennoch standen Sie dem Verein noch bis Saisonende in beratender Funktion zur Verfügung.

Boldt: Das war eine bewusste Entscheidung von mir und das hat mit sehr vielen Menschen wunderbar geklappt. Unter anderem auch mit dem neuen Trainerteam um Peter Bosz, mit dem ich schon zu einem früheren Zeitpunkt Kontakt gehabt hatte. Man hat bei Peter ja auch deutlich gesehen, dass er sehr gut zu dieser Mannschaft passt. Für mich stand zu diesem Zeitpunkt über allem, dass wir das Ziel Champions League erreichen. Ich habe diese Mannschaft schließlich zusammengebaut und diesen Trainer für sie in Erwägung gezogen. Es gab in der Rückrunde intern wie extern zwar zwischenzeitliche Zweifel am Erreichen der Champions League, aber es hat sich gelohnt, dafür zu kämpfen. Nach dem letzten Spieltag war es ein schönes Gefühl, dass es geklappt hat.

Es hieß, Sie haben auch Ihren Nachfolger Simon Rolfes noch eingearbeitet.

Boldt: Nein, das ist medial mal falsch dargestellt worden. Das war so auch gar nicht besprochen. Ich habe gesagt, dass ich allen im Klub beratend zur Verfügung stehe, natürlich auch Simon. Jeder hat das für sich so genutzt, wie er es für richtig hielt.

Es wurde kolportiert, dass Sie mit dem ebenfalls zum 1. Juli angestellten neuen Geschäftsführer Fernando Carro über Kreuz lagen. Wussten Sie von dessen Anstellung, als Sie Ihren Vertrag damals verlängert haben?

Boldt: Nein. Es stand fest, dass ein Nachfolger von Michael Schade kommen würde. Wer das sein würde, war mir damals aber noch nicht klar.

Carro war 24 Jahre in verschiedenen Funktionen bei Bertelsmann und zuvor noch nie in der Fußballbranche tätig. Was für eine Art Typ ist er?

Boldt: Das muss jeder, der ihn kennenlernt, für sich selbst entscheiden.

Sie dagegen waren zwölf Jahre in Leverkusen. Konnten Sie sich anfangs denn davon lösen?

Boldt: Wenn man so lange in einem Verein ist, hat man einen guten Draht zu vielen Menschen. Es ist mir erst im Nachhinein klar geworden, wie viele das sind. Auch insbesondere aufgrund der Vision, die ich für diesen Klub hatte. Mir ist es schwer gefallen, mich sofort zu lösen. Die Leute haben es mir nicht leicht gemacht, weil sie den Kontakt zu mir suchten.

Sie haben bei Bayer lange daran gearbeitet, mit den bereits angesprochenen Spielern wie Brandt, Tah oder Bender zu verlängern. Kaum sind Sie nun aus Leverkusen weg, wechselt Brandt zum BVB. Ärgert das einen auch im Nachhinein noch?

Boldt: Nein, das hätte schließlich auch mit mir passieren können. Es ging damals darum, dass er mindestens die vergangene Saison noch bleibt. Das haben wir geschafft, auch wenn es nicht einfach war - wie man ja jetzt an seinem Wechsel sieht. Denn er ist nun trotzdem gegangen, obwohl sich Bayer für die Champions League qualifiziert hat. Wir konnten immerhin seine Ausstiegsklausel signifikant erhöhen und somit einen Mehrwert schaffen. Der Verein profitiert auch aktuell davon, dass uns das bei Spielern wie Bailey, Havertz oder Tah ebenfalls gelang. Auch deshalb konnte ich Bayer meiner Ansicht nach erhobenen Hauptes verlassen.

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