Paderborns Trainer Roger Schmidt im Interview

Schmidt: "Der Barcelona-Spruch stimmt"

Von Interview: Kevin Bublitz / Mark Heinemann
Freitag, 18.11.2011 | 12:22 Uhr
Roger Schmidt ist seit Saisonbeginn Cheftrainer beim SC Paderborn 07
© Getty
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Neben Fortuna Düsseldorf kommt die Überraschungsmannschaft der 2. Liga aus Paderborn. Trainer Roger Schmidt führte den SCP in seinem ersten Jahr in die oberen Tabellenregionen. Im Interview spricht er über die Gründe für den Aufschwung, sein Training und die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen des Vereins.

SPOX: Herr Schmidt, vor der Saison galt der SC Paderborn 07 als Abstiegskandidat Nummer eins. Wie oft haben Sie sich schon genüsslich mit einem Glas Wein zurückgelehnt und auf die vermeintlichen Experten angestoßen?

Roger Schmidt: Das mache ich regelmäßig mit meiner Frau (lacht). Nach einem Spiel brauche ich etwas Zeit, um runterzukommen. Es ist gut, wenn man dann noch einmal alles bespricht und verarbeitet. In einer erfolgreichen Phase macht es natürlich besonders Spaß.

SPOX: Können Sie das Wort "Aufstieg" überhaupt noch hören?

Schmidt: Es ist doch normal, dass ich jetzt immer wieder danach gefragt werde. Jeder hofft, dass ich eine Aussage raushaue, die man dann später ausschlachten kann. Borussia Dortmund hatte in der letzten Saison gefühlte 60 Punkte Vorsprung und wollte nur die Champions-League-Qualifikation erreichen.

SPOX: Aber ein wenig beschäftigen Sie sich schon mit dem Thema, oder?

Schmidt: Wir sollten realistisch bleiben. Dass wir nach 14 Spieltagen auf diesem Niveau spielen und punkten ist fantastisch. Unwahrscheinlich ist, dass es jetzt noch bis zum 34. Spieltag so bleibt.

SPOX: Ihre Spieler scheinen zumindest Realisten zu sein.

Schmidt: Derzeit machen sie es richtig. Wir sind mit der Vorgabe in die Saison gegangen, dass wir in jedem Spiel 90 Minuten Zeit haben, besser zu sein, als der Gegner. Wir müssen auch in den kommenden Wochen genauso viel investieren und arbeiten. Als Barcelona Champions-League-Sieger wurde, stand auf ihren Shirts: 'Der Fußball gibt Dir das wieder, was Du investierst'. Darüber haben wir auch gesprochen. Wir erleben derzeit, dass der Barcelona-Spruch stimmt.

SPOX: Sie sagen, Ihre Spieler sollen auf dem Platz auf die ständig wechselnden Spielsituationen selbständig reagieren. Wie drückt sich das in Ihren Trainingseinheiten aus?

Schmidt: Ich lasse nicht immer wieder eingeschliffene Passformen einstudieren. Wir machen ein Training, in dem die Spieler ihre eigenen Entscheidungen treffen müssen. Man kann ein Spiel vorher nicht in der Kabine auf der Taktiktafel komplett durchplanen. Wenn ich meinen Spielern ein Schema mitgebe, das dann auf dem Platz nicht funktioniert, scheitern sie vielleicht, weil sie sich nicht umstellen und anpassen können. Ich möchte Spieler auf den Rasen schicken, die im Kopf frei bleiben und nicht nach Schema F laufen.

SPOX: Das scheint mit dem aktuellen Kader besonders gut zu finktionieren. Bis auf Nick Proschwitz kamen die Neuzugänge aus den unteren Ligen. Warum gab es keine Anlaufschwierigkeiten?

Schmidt: Das Team hat eine sehr gute Mentalität und einen sehr guten Charakter. Wir haben keine Spieler, die seit Jahren durch Deutschland tingeln und mal hier und mal dort kicken. Die meisten bei uns sind schon seit drei oder vier Jahren im Verein. Dazu kamen Neuzugänge, die im Moment einfach von der Liga begeistert sind. Sie sind unheimlich motiviert, weil sie aktuell in den schönsten Stadien Deutschlands spielen können. Das ist eine andere Welt als die Regionalliga.

Der Kader des SC Paderborn 07 im Überblick

SPOX: Wie schafft es der Verein mit seinen geringen finanziellen Mitteln, die Leistungsträger immer wieder zu halten?

Schmidt: Die Perspektive und die wirtschaftlichen Bedingungen sind entscheidend. Die Spieler wissen, was sie hier haben. Ich denke, dass man sich in Paderborn sehr wohl fühlen kann. Dazu kommt die sportliche Perspektive. Unser aktueller Lauf ist sehr wichtig. Die Spieler merken, dass man auch in Paderborn im Rampenlicht stehen kann und nicht immer gegen den Abstieg spielt. Doch das ist auch ein schmaler Grat. Die Leistungen wecken Begehrlichkeiten. Wenn ein Top-Klub oder Erstligist anfragt, wird es sicherlich schwer für uns.

SPOX: Wie wichtig ist Präsident Wilfried Finke in solch einer Situation und generell für den Klub?

Schmidt: Ohne Wilfried Finke gäbe es in Paderborn keinen Zweitligafußball. Das ist Fakt. Er hat viel Fußballsachverstand, trifft aber auch mal polarisierende Aussagen. Doch die Vergangenheit hat gezeigt, dass er mit seinen Visionen in den meisten Fällen richtig gelegen hat.

SPOX: Dann spielen Sie also in zwei bis drei Jahren in der 1. Bundesliga?

Schmidt: (lacht) Das habe ich nicht gesagt. Man sollte aber viele Dinge ernst nehmen, die der Präsident sagt. Wir haben das Image der grauen Maus aus der Provinz. Wenn man aber außergewöhnliche Aussagen sportlich bestätigt, bekommt man eine andere Wertschätzung und Aufmerksamkeit. Das bezweckt er damit und das ist gut.

SPOX: Wäre die Infrastruktur für die 1. Bundesliga eigentlich da?

Schmidt: Es gibt noch Dinge, die sich entwickeln müssen. Wir wünschen uns natürlich, dass viele Spieler aus der eigenen Jugend den Sprung in den Profikader schaffen. Das ist in letzter Zeit weniger geworden. Ein wesentlicher Faktor wäre da natürlich eine sportliche Heimat, in der sich die Jugend und die erste Mannschaft permanent über den Weg laufen. Derzeit sind unsere Teams über 27 Stationen im gesamten Kreis verteilt. So kann kein Vereinsleben entstehen und ich habe automatisch weniger Kontakt zu den Jugendtrainern. Hier wäre eine gemeinsame Entwicklung mit der Stadt ein Riesenschritt. Wir haben den kleinsten Etat und die schlechtesten Bedingungen. Das kann auf Dauer nicht funktionieren.

SPOX: Deshalb ist Ihr Vorgänger Andre Schubert gegangen. Wieso haben Sie die Perspektive gesehen?

Schmidt: Es ist mit dem Etat grenzwertig, Zweitligafußball zu garantieren - das stimmt. Die Kaderzusammenstellung vor der Saison muss einfach passen. Sonst kann man so gut trainieren wie man möchte, der Erfolg stellt sich nicht ein. Trotzdem muss sich auch der Verein in Sachen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen weiterentwickeln, damit eben nicht alles nur an einem großen Sponsor hängt. Ich hoffe, dass der sportliche Erfolg jetzt hilft.

Blog von mySPOX-User heninho85: Der SCP im Porträt

SPOX: Sportlicher Erfolg heißt aber auch Druck. Ein Thema, das eine immer größere Öffentlichkeit bekommt. Wie nehmen Sie es wahr?

Schmidt: Das ist ein ganz schweres Thema, weil es typenspezifisch ist. Wie weit lässt man den Druck und die täglichen öffentlichen Beurteilungen der Arbeit durch Außenstehende an sich heran? Ich denke, dass es extrem hilft, wenn das Umfeld funktioniert. Wenn die Familie passt und eine andere Lebensqualität neben dem Sport da ist, in die man sich zurückziehen kann. Es sollte nicht so sein, dass alles davon abhängt, ob der Ball nun an den Innenpfosten und reingegangen ist oder ob er eben von dort rausgesprungen ist.

SPOX: Fiel Ihnen der Umgang mit dem gestiegenen Medieninteresse schwer?

Schmidt: Nein, das gehört zum Fußball dazu. Was mich aber stark stört, ist die Tatsache, dass mittlerweile fast ungefiltert Dinge übernommen werden, die irgendjemand ohne Hintergrundwissen und dann auch noch anonym in ein Internetforum geschrieben hat. Das ist eine Entwicklung, die sehr bedenklich ist. Da sind aus meiner Sicht Grenzen überschritten worden.

SPOX: Muss sich die Medienlandschaft ändern?

Schmidt: Ändern kann man das nicht mehr. Das muss jedem klar sein, der diesen Beruf ausübt. Es geht mir auch nicht um eine Änderung der Medienlandschaft. Ich finde, dass die zweite Liga sensationell vermarktet wird. In welchem Land gibt es sonst noch solch ein Interesse an einer zweiten Liga? Mir geht es darum, dass Medien und auch viele Fans erst einmal wieder anerkennen müssen, dass Trainer und Spieler alles dafür tun, um erfolgreich zu sein. Wenn es dann nicht funktioniert, muss man natürlich nachfragen, warum das so ist. Aber der Grundrespekt untereinander ist nicht mehr da. Und das ist schlimm.

Roger Schmidt im Steckbrief

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