Fussball

Hazard nach der WM 2018 im Fokus von Real Madrid: Vom Garten ins Königreich

Von Jonas Rütten
Eden Hazard soll nach seiner starken WM mehr denn je bei den Königlichen im Fokus stehen.
© getty

Seit Wochen bahnt sich ein Wechsel von Eden Hazard zu Real Madrid an. Dort ist nach dem Abschied von Cristiano Ronaldo ein potenzieller Stammplatz frei geworden. Hazard, der selbst immer wieder die Gerüchteküche befeuert, bestätigte seine Weltklasse mit starken Auftritten bei der WM. Doch einiges spricht auch aus seiner Sicht gegen einen Wechsel zu den Königlichen.

Wenn Hazard darüber spricht, was in seinem Kopf vorgeht, wenn er beim FC Chelsea gegen die großen Konkurrenten in der Premier League aufläuft, antwortet er immer etwas zurückhaltend. "Ich denke nicht viel nach. Ich fühle mich einfach frei. Ich stelle mir vor, dass ich einfach in meinem Garten mit Freunden oder meinen Brüdern spiele", sagt er dann.

Der Garten von Eden. Seit der vergangenen Saison wird Hazard von den Fans der Blues mit einem eigenen Banner, auf dem eben jenes beliebte Wortspiel mit dem biblischen Paradies bemüht wird, an der Stamford Bridge geehrt. Dort am "Shed End", der legendären Tribüne der Blues, wo die Asche von Klub-Legende Peter Osgood ihre letzte Ruhestätte fand, hängt nun sein Konterfei.

Die Banner des "Shed End" sind vergleichbar mit einer Art Ruhmeshalle auf Fan-Initiative. Dort werden nur verdiente Spieler des Klubs gewürdigt. Spieler wie zum Beispiel der langjährige Kapitän John Terry oder Bobby Tambling, der bis 2013 der Chelsea-Spieler mit den meisten Toren wettbewerbsübergreifend war (heute Frank Lampard) und von den Fans in die Jahrhundertelf der Blues gewählt wurde.

Die Fans entschieden, dass Hazard nach 300 Spielen und 135 Torbeteiligungen (89 Tore, 46 Vorlagen) für den Londoner Klub zu diesem elitären Kreis dazugehören sollte. Groß genug war sein Anteil am Gewinn der Meisterschaft 2014/2015, als Hazard von der Spielergewerkschaft einstimmig zu Englands Spieler des Jahres gewählt wurde.

Zu genial und atemberaubend waren seine Tempodribblings, wenn er mal wieder alleine die halbe Abwehr des Erzrivalen aus dem Londoner Norden stehen ließ und eiskalt vollstreckte. Angesichts dieser Brillanz verziehen ihm die Anhänger des FC Chelsea auch schnell seine durchwachsene Saison 2015/16, als Hazard mit Verletzungen zu kämpfen hatte und 34 Ligaspiele lang auf sein erstes Saisontor warten musste.

Eden Hazard im Fokus von Real Madrid: "Sie wissen, was zu tun ist"

Im Gegensatz zu Hazard stehen Terry (19 Jahre) und Tambling (11 Jahre) jedoch gemeinsam für drei Jahrzehnte Fußball an der Stamford Bridge. Hazard geht nach der Sommerpause in seine siebte Spielzeit mit den Blues. So zumindest die Annahme der Chelsea-Verantwortlichen. Dass der 27-Jährige einen ähnlichen Status der Vereinstreue wie seine Tribünen-Nachbarn erlangen wird, ist jedoch fraglicher denn je.

Der Flirt von Hazard mit Real Madrid wurde in den vergangenen Wochen immer heftiger. Zu groß wog offensichtlich die Frustration über eine verkorkste Premier-League-Saison, an deren Ende nicht einmal die Qualifikation für die Champions League stand. Zu groß war auch die Unzufriedenheit des 1,73 Meter kleinen Tempodribblers mit dem tiefen Körperschwerpunkt über die Rolle als falsche Neun, die ihm Trainer Antonio Conte immer wieder zuteilte.

Seine Zukunft bei Chelsea machte Hazard daher unmittelbar abhängig von der seines ungeliebten Trainers: "Wenn Real Madrid mich kaufen will, wissen sie, was zu tun ist", aber es sei zu einfach, zu sagen, "dass ich gehe", sagte er der Marca vor wenigen Wochen. Zuerst wolle er "abwarten, was passiert, und ob der Trainer weitermacht".

Zwar hat Chelsea mittlerweile die Entlassung von Conte bestätigt und auch Hazards Idol Zinedine Zidane, dessen Trikot er und seine Brüder Kylian und Thorgan als Kinder trugen, ist nicht mehr Trainer bei Real Madrid. Doch an der Attraktivität der Königlichen für Hazard hat das wenig geändert: "Ob ich ohne Zidane nicht mehr von Madrid träume? Es stimmt, dass er jemand Besonderes ist. Aber Madrid lässt jeden träumen."

Nach der WM 2018, die er als überragender Akteur mit Belgien auf dem dritten Platz abschloss, zog er gar schon Bilanz in Bezug auf seine Zeit beim FC Chelsea: "Nach sechs tollen Jahren bei Chelsea ", so der 27-Jährige, könne es an der Zeit sein, "etwas Neues zu entdecken".

Es sind jene Worte des Abschieds wie sie Hazard verwendet, oder Äußerungen seines Vaters Thierry, der im Interview mit Le Soir Ende letzten Jahres mit der Ablehnung einer Vertragsverlängerung seines Sohnes beim FC Chelsea an die Öffentlichkeit ging, die starke Zweifel an einer Zukunft des 27-Jährigen in London schüren.

Hazards Leistungsdaten beim FC Chelsea

SaisonSpieleToreTorvorlagen
2017/18521713
2016/1743177
2015/164368
2014/15521913
2013/14491710
2012/13621324

Eden Hazard bei der WM 2018: "Genialer Kapitän" und Schattenspender

Doch auch Hazards Vorstellungen bei der Weltmeisterschaft in Russland tragen ihr Übriges dazu bei. Die besonders nach der verkorksten EM 2016 verbreitete Überzeugung, dass er und Kevin de Bruyne nicht zusammenpassten, wiederlegte er im System von Trainer Roberto Martinez ebenso eindrucksvoll, wie er seine Fähigkeiten als Anführer einer starken belgischen Mannschaft untermauerte.

"Warum versteckst du dich?", soll er Romelu Lukaku in der Halbzeit des ersten Vorrundenspiels gegen Panama zugerufen haben, nachdem er ihn 45 Minuten lang ohne Erfolg gesucht hatte. Seine Worte zeigten Wirkung: Lukaku traf doppelt, Hazard bereitete einen der Treffer vor. "Ich hoffe, dass er das jetzt verstanden hat", sagte er nach dem Spiel.

Im Turnierverlauf adelte Martinez ihn als "genialen Kapitän", der immer wieder den Ball fordere, und geizte nicht mit Liebesgeständnissen. Auf die Frage, ob der Chelsea-Star bereit sei für einen Wechsel zu Real Madrid, antwortete der Spanier vielsagend: "Er ist die Art Spieler, um den man ein Team aufbauen kann, das Titel gewinnt."

Doch es waren nicht nur seine Leader-Fähigkeiten, die Hazard zum "wichtigsten Spieler" (De Bruyne) der Belgier bei dieser WM machten. Durch seine Fähigkeiten im Eins-gegen-Eins und seine Torgefahr (drei Treffer im Turnierverlauf) zog Hazard den Fokus des Gegners auf sich. Das und die Präsenz von Lukaku im Zentrum ermöglichten es De Bruyne, im Schatten der Sechserposition seine Aufgaben als Regisseur und Taktgeber der Red Devils zu erfüllen.

Für nicht wenige Fachleute war Hazard daher bis zum Ausscheiden Belgiens ein heißer Kandidat auf die Auszeichnung zum besten Spieler des Turniers. "Ein Problem namens Hazard" musste Frankreich gegen Belgien im Halbfinale lösen. So schrieb es die L'Equipe nach der 0:1-Niederlage der Belgier.

Hazard bei Real Madrid: Cristiano Ronaldos Wechsel als Türöffner?

Das Interesse von Real, das schon seit Jahren bestehen soll, aber auch der Preis von Hazard dürften nach der Weltmeisterschaft nicht gesunken sein. Ausgerechnet am Tag des belgischen WM-Ausscheidens öffnete sich eine möglicherweise entscheidende Tür für den Wechsel: Cristiano Ronaldo verlässt die Königlichen nach neun Jahren der Alleinherrschaft und der Unersetzbarkeit und schlägt ein neues Kapitel bei Juventus Turin auf.

Einem Bericht der Daily Mail zufolge bereiten die Königlichen ein Angebot über rund 170 Millionen Euro für Hazard vor. Einen spiegelgleichen Ronaldo-Ersatz darf jedoch niemand bei Real erwarten. "Ich bin kein Torjäger, ich bin ein Arbeiter", sagte Hazard in der Vergangenheit immer wieder über sich selbst.

Und dennoch spricht auch einiges dagegen, dass der "Jasager", als den ihn sein Vater Thierry einmal bezeichnete, "Nein" zu den Blues sagt und in der kommenden Saison für die Königlichen auflaufen wird. In Marco Asensio und Isco hat Real Madrid bereits zwei Spieler, die Hazards Positionen auf Linksaußen und im offensiven Zentrum bekleiden können.

Letztgenannter gilt ohnehin seit langem als Lieblingsschüler von Reals neuem Trainer Julen Lopetegui. Außerdem haftet einer Hazard-Verpflichtung auch ein Stück weit ein Etikett mit der Aufschrift "Plan B" an, wenn man bedenkt, dass Kylian Mbappe und Neymar ganz oben auf der Wunschliste von Real-Präsident Florentino Perez stehen soll.

Hazard-Verbleib beim FC Chelsea: Maurizio Sarri und das Kind im Manne

Dahingehend ist ein Verbleib von Hazard beim FC Chelsea nicht gänzlich ausgeschlossen. Schließlich sagte Hazard selbst, dass das letzte Wort immer noch der Verein habe. Ein Faktor könnte aber auch die Verpflichtung von Maurizio Sarri als Nachfolger Contes auf dem Trainerstuhl der Blues sein, der mit seiner Vorstellung von Fußball für einen Spieler wie Hazard zu einem Wohlfühlfaktor bei seinem aktuellen Arbeitgeber werden kann.

Sarri hat als Trainer auf dem Weg von der Kreisklasse in die Serie A seinen eigenen Stil entwickelt und den SSC Neapel zur zweiten Macht im italienischen Fußball geformt. "Das Kind in den Spielern darf niemals ausgeschaltet werden", sagt Sarri, wenn er auf die taktischen Vorgaben angesprochen wird, die er seinen Spielern geben würde: "Wenn ein Spieler Spaß hat, macht er das Doppelte, und es ist ein wunderbares Spektakel."

Über Hazard sagte sein Vater einst, dass er "großen Spaß am Spiel" habe. Sarri ist kein Trainer wie Conte, der dem Belgier diesen Spaß verderben wird. Ob das jedoch ausreicht, um die Stamford Bridge als "Garden of Eden" zu erhalten, ist gerade durch die letzten Aussagen Hazards fraglich. Medienberichten zufolge soll der Wechsel von Hazards gutem Freund Thibaut Courtois vom FC Chelsea zu Real Madrid beschlossene Sache sein.

Dieser sagte zuletzt in einem Interview: "Wo auch immer ich hingehe, Hazard muss mir folgen. Wir werden uns nicht gegenseitig im Stich lassen." Gut möglich also, dass sich Bobby Tambling im "Shed End" in Zukunft nach einem neuen Nachbarn umschauen muss.

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