Fussball

Wembley-Tor, Ampel und raue Sitten

Von Uwe Morawe
Freitag, 30.05.2014 | 12:08 Uhr
Die deutsche Mannschaft ist nach der Pleite im Finale gegen England bedient
© imago

Am 12. Juni beginnt die WM 2014 in Brasilien. GO!Brasil-Experte Uwe Morawe blickt für SPOX in 19 gewohnt launigen Kolumnen auf die WM-Geschichte zurück. Folge 8, die WM 1966 in England: Auf der Insel siegt der Gastgeber - in Erinnerung bleibt das Turnier jedoch aufgrund der Erfindung eines wichtigen Hilfsmittels. Und dann war da natürlich noch das Wembley-Tor.

Bremsenquietschen, Hupgeräusche, die Stirn leicht an der Windschutzscheibe angeschlagen. Ansonsten war nichts passiert. Knappe Kiste. Ken Aston hatte im allerletzten Moment noch die Rote Ampel gesehen an der Kensington High Street, eine der befahrensten Kreuzungen Londons. Vollbremsung, gerade noch rechtzeitig. Beinahe wäre dem wohlerzogenen Engländer ein "Fuck Off" über die Lippen gegangen. Natürlich nur beinah.

Ken Aston war seit seinem Karriereende als FIFA-Referee oberster Schiedsrichterbeobachter bei der WM 1966. In seiner Branche galt er als Tüftler. Schon Ende der 40er Jahre hatte er die Anregung gegeben, die Linienrichter im englischen Profifußball mit grellgelben Fahnen auszustatten. Vorher wedelten die Linesmen kleine dunkle Wimpel der jeweiligen Heimatvereine durch die Luft. Nun mit dem gelben Stoff konnte das Publikum viel schneller erkennen, wenn auf Abseits entschieden worden war. Das machte das Spiel schneller und transparenter. Ähnliches war nun wieder vonnöten. Und genau darüber hatte Ken Aston gegrübelt, als er bei Rot fast über die Kreuzung bretterte.

Untersagter Trikottausch mit Argentinien

Gestern beim Viertelfinale zwischen England und Argentinien hatten sich unwürdige Szenen abgespielt. Auf der Tribüne von Wembley musste Aston mitansehen, wie der deutsche Schiedsrichter Rudolf Kreitlein versuchte, dem Argentinier Antonio Rattin einen Platzverweis auszusprechen. Wegen Beleidigung, obwohl Kreitlein kein Wort Spanisch verstand. Da standen sie nun Brust an Brust. Oder besser, Brust an Hüfte. Kreitlein ein Einmetersechzigmännchen, Rattin ein Schrank von Mann.

Der Gaucho schaute von oben auf die Halbglatze des Unparteiischen und weigerte sich, den Platz zu verlassen. Mit rudernden Armbewegungen versuchte Kreitlein den Spieler hinauszuschicken. Der bewegte sich keinen Zentimeter. Die Szenerie dauerte gut fünf Minuten, bis Polizisten Antonio Rattin vom Feld führten. Nach Ende des Spiels hatte Kreitlein einen Kreislaufkollaps erlitten und Englands Trainer Alf Ramsey seinen Spielern den Triktottausch mit den Argentiniern untersagt. Die Argentinier seinen "Animals", unwürdig ein Jersey mit den drei Löwen zu erhalten, so Ramsey auf der anschließenden Pressekonferenz.

Ähnliches war fast zeitgleich bei der Partie Deutschland gegen Uruguay geschehen. Endlose Diskussionen nach Platzverweisen. Beim Abgang hatte der hinausgestellte Troche Uwe Seeler noch eine schallende Ohrfeige verpasst. Das Problem war, dass die Spieler einen auf doof machen konnten, weil es kein für alle verständliches und sichtbares Signal gab, dass jemand des Feldes verwiesen worden war. "Ich nix verstehe, was du wolle, kleiner Mann in schwarz, äh."

Schiedsrichter voller Angst

Aston kannte sich aus in diesen Angelegenheiten. Schon sein Mentor George Reader hatte ihm erzählt, wie im WM-Finale 1950 der Kapitän Uruguays, Obdulio Varela, den Ball minutenlang nicht herausgerückt hatte. Reader glaubte bis heute an Sprachbarriere und Missverständnis. Aston hatte da seine Zweifel und meinte, Varela habe den gutgläubigen Reader verarscht. Er selber, Kenneth Aston, war zur Lachnummer der Weltfussballs verkommen, als er vor vier Jahren zwischen wildgewordene Chilenen und Italiener geriet.

Das Geräusch wird er ein Leben lang nicht vergessen, das den Faustschlag von Leonel Sanchez begleitete, mit dem er dem Italiener Maschio das Nasenbein brach. Aston hatte zwei Meter daneben gestanden und Sanchez dennoch nicht hinausgestellt. Aus Angst. Purer körperlicher Angst, die Spieler würden ihn krankenhausreif schlagen. Die Bilder vom schreckhaften Schiedsrichter gingen um die Welt.

Immer wieder waren es die interkontinentalen Duelle, die außer Kontrolle gerieten. Wird in Südamerika oder in Europa der bessere Fußball gespielt? Diese offene Frage führte zu offenen Schienbeinbrüchen. Ungarn-Brasilien 1954, Italien-Chile 1962, die Jagdszenen gegen Pele durch die Bulgaren und Portugiesen in der Vorrunde 1966. Was in der Politik nicht gelingen wollte, war im Fußball ein Phänomen geworden: einzelne Nationen und sogar Vereinsmannschaften sahen sich als Vertreter ihres jeweiligen Kontinents. Und mittendrin hilflose Schiedsrichter, die ihre Entscheidungen den Spielern und dem Publikum nicht deutlich vermitteln konnten.

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