Südafrika will für ein Wintermärchen sorgen

SID
Donnerstag, 10.06.2010 | 09:35 Uhr
Der gesamte afrikanische Kontinent freut sich auf die WM
© sid
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Ein ganzer Kontinent kann es kaum noch abwarten. Am morgigen Freitag wird in Johannesburg die erste WM in Afrika eröffnet. Unter den Zuschauern wird wohl auch Nelson Mandela sein.

Südafrika geht mit dem letzten, so sehnsüchtig erhofften Schub in die historische erste Weltmeisterschaft auf dem afrikanischen Kontinent: Bei der Eröffnungsfeier am morgigen Freitag vor dem Auftaktspiel zwischen "Bafana, Bafana" und Mexiko (Fr. 15.45 Uhr im LIVE-TICKER und auf SKY) im Soccer-City-Stadion von Johannesburg wird auch die südafrikanische Ikone Nelson Mandela unter den 94.700 Zuschauern weilen.

Der 91 Jahre alte Friedensnobelpreisträger, erster schwarzer Präsident des einstigen Apartheid-Staates, war die treibende Kraft der südafrikanischen WM-Bewerbung, die nach dem Scheitern 2000 mit 11:12 Stimmen gegen Deutschland vier Jahre später zum Erfolg geführt wurde.

"Sport hat die Macht, Menschen zu inspirieren und zusammenzuführen. Der Fußball genießt in Afrika große Popularität und nimmt einen besonderen Platz in den Herzen der Menschen ein.

Daher ist es so wichtig, dass die Fußball-Weltmeisterschaft 2010 zum ersten Mal auf dem afrikanischen Kontinent stattfindet", hatte Madiba in einer Videobotschaft anlässlich der WM-Gruppenauslosung gesagt. In der mittlerweile 80-jährigen WM-Geschichte schlägt Südafrika ein neues Kapitel auf.

"Die Zeit ist reif"

"Ke nako! - Die Zeit ist reif", hatte Mandela immer wieder betont und nie Zweifel an Südafrikas Willen und Fähigkeiten aufkommen lassen, das zweitgrößte Sportereignis der Welt nach den Olympischen Spielen zu organisieren und zu einem Erfolg für den ganzen Schwarzen Kontinent zu machen.

FIFA-Präsident Joseph S. Blatter verstieg sich Anfang der Woche schon auf die Prognose von der "besten Weltmeisterschaft aller Zeiten".

Die Regenbogennation hofft vier Jahre nach dem deutschen Sommermärchen, das Millionen und Aber-Millionen in seinen Bann zog, auf ein Wintermärchen, denn in der südlichen Erdhalbkugel herrscht während der WM-Endrunde (bis 11. Juli) Winter, auch wenn die Temperaturen und der Sonnenschein keine Vergleiche zum europäischen Winter zulassen.

UNO-Generalsekretär Ban Ki-Moon, der südafrikanische Staatspräsident Jacob Zuma und dessen mexikanischer Amtskollege Felipe Calderon werden am Freitag beim mit Spannung erwarteten Eröffnungsspiel ebenfalls zugegeben sein, wobei sich die Mexikaner nicht nur gegen elf hochmotierte Bafana-Kicker, sondern auch gegen den Lärm von 90.000 Vuvuzelas behaupten müssen.

Beckenbauer vertraut den Gastgebern

Die Plastiktröte wird ebenso zu einem Sinnbild dieser WM wie die schon jetzt grenzenlose Begeisterung am Kap der guten Hoffnung. Die 50-Millionen-Einwohner-Nation fiebert dem Ereignis entgegen, das den einstigen Apartheid-Staat einen soll.

"Die Explosion des nationalen Stolzes ist ein nicht zu unterschätzender Effekt. Millionen Südafrikaner blicken mit Hoffnung, Stolz und einem großen Zusammengehörigkeitsgefühl auf das Turnier. Dies fördert den Zusammenhalt unserer Nation", sinnierte Zuma, der zuletzt bei offiziellen Anlässen häufig mit einem Schal in den Nationalfarben erschienen war.

Franz Beckenbauer, der sich als Macher des Sommermärchens 2006 wie kaum ein Zweiter ein Urteil erlauben darf, hat vollstes Vertrauen in das WM-Gastgeberland. "Südafrika kann es, Südafrika ist bereit", sagte der Kaiser.

98 Prozent der knapp drei Millionen Eintrittskarten wurden nach Angaben der FIFA abgesetzt, allerdings kamen zuletzt immer wieder zusätzliche Kontingente, darunter 38.000 teure Hospitality-Tickets, auf den Markt.

Sicherheitslage ein großes Problem

Die wirklichen Probleme liegen allerdings woanders. Die Massenpanik beim WM-Test Nigeria gegen Nordkorea in Johannesburg, bei der 16 Personen verletzt wurden, hat aber erneut gezeigt, wie fragil das Thema Sicherheit am Kap einzuschätzen ist.

Nicht abzusprechen ist den Südafrikanern, dass sie mehr erreicht haben, als viele ihnen zugetraut haben. Investitionen von 20 Milliarden Euro hat die Kap-Republik in Stadien, Hotels und Infrastruktur getätigt.

Die hohe Kriminalitätsrate - durchschnittlich werden in Südafrika 50 Menschen pro Tag ermordet - erwies sich im Vorfeld immer wieder als starke Belastung für die junge Demokratie, die als Lokomotive des afrikanischen Kontinents gilt.

Die zehn Stadien in neun WM-Städten müssen indes den Vergleich mit Deutschland vor vier Jahren nicht scheuen. Südafrika hat enorme Anstrengungen unternommen, der Welt in diesem Bereich seine Leistungsfähigkeit zu zeigen. Fast war es des Guten zu viel, denn in etlichen Provinzstädten (Polokwane, Nelspruit) ist sehr fraglich, ob die Arenen nach der WM noch ausreichend genutzt werden.

Südafrikaner träumen gar vom Titel

Wie erfolgreich die WM am Ende wird, hängt sicherlich auch im starken Maße von "Bafana, Bafana" (Den Jungs) ab. Seit zwölf Spielen sind die Südafrikaner unter ihrem erfahrenen brasilianischen Coach Carlos Alberto Parreira, der Brasilien 1994 in den USA zum Weltmeister machte, ungeschlagen. Die Einheimischen träumen gar vom WM-Titelgewinn, der allerdings objektiv betrachtet unrealistisch ist.

Die wahren Favoriten sind somit andere: Europameister Spanien ist an erster Stelle zu nennen, aber auch Rekord-Weltmeister Brasilien, der zum sechsten Mal den WM-Titel erringen will, hat gewohnt gute Chancen.

Den Confed Cup 2009 in Südafrika als WM-Generalprobe hat die Selecao schon für sich entschieden. "Direkt danach kommt Deutschland", sagte Beckenbauer. Aber auch England, Argentinien und Titelverteidiger Italien gehören zum erweiterten Favoritenkreis.

Allerdings fehlen bei der historischen WM in Südafrika etliche Stars aus Verletzungsgründen: DFB-Kapitän Michael Ballack, Englands Fußball-Popstar David Beckham, Ghanas Ass Michael Essien und der englische Kapitän Rio Ferdinand. Der Einsatz des Ivorers Didier Drogba ist nach einem Ellbogenbruch fraglich. Bundestrainer Joachim Löw musste den Ausfall von gleich fünf Stammkräften verkraften.

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