WM 2010

Blatter öffnet Tür für technische Revolution

SID
Dienstag, 29.06.2010 | 13:14 Uhr
Joseph Blatter zieht einen Videobeweis in Erwägung
© Getty
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FIFA-Präsident Joseph Blatter hat sich in die Diskussion zum Thema Videobeweis eingeschaltet. Zudem entschuldigte er sich bei England und Mexiko für die Fehler der Referees.

Und die FIFA bewegt sich doch: Nach tagelangem Schweigen hat Präsident Joseph S. Blatter eine Wende um 180 Grad vollzogen und der technischen Revolution im Fußball das Tor geöffnet. Der 74 Jahre alte Chef des Fußball-Weltverbandes schwang sich am Dienstag zum Krisenmanager auf und kündigte nach den zum Teil eklatanten Fehlentscheidungen der Schiedsrichter bei der WM in Südafrika die Aufgabe seiner bisher starren Haltung an. Blatter will dem Chip im Ball oder einer Torkamera doch noch eine Chance geben.

"Nach den bisherigen Erfahrungen bei dieser WM wäre es Nonsens, das Thema Torlinien-Technologie nicht noch einmal zur Sprache zu bringen", sagte der Schweizer bei einem Pressegespräch in Johannesburg. Für die erste WM auf dem afrikanischen Kontinent kommen diese Neuerungen allerdings zu spät, sie können wohl frühestens 2014 in Brasilien greifen. Blatter: "Dieser Wettbewerb wird unter den bestehenden Regeln zu Ende geführt."

Blatter entschuldigt sich

Außerdem gab es eine präsidiale Entschuldigung bei England und Mexiko. Blatter teilte mit, dass er nach den eklatanten Fehlentscheidungen am vergangenen Sonntag in zwei Achtelfinalspielen sowohl den englischen als auch den mexikanischen Verband um Verzeihung gebeten habe.

"Ich habe mich entschuldigt. Ich kann verstehen, dass sie nicht glücklich sind und das heftige Kritik geäußert wurde. Die Engländer haben sich für meine Entschuldigung bedankt und haben akzeptiert, dass man manchmal verlieren und manchmal gewinnen kann. Die Mexikaner haben ihren Kopf gesenkt und es ebenfalls hingenommen", sagte Blatter bei einem Roundtable-Gespräch mit internationalen Agenturen im Sandton Sun Hotel.

England war beim Stand von 1:2 gegen Deutschland (1:4) ein reguläres Tor von Frank Lampard nicht anerkannt worden. Die Mexikaner dagegen gerieten durch ein klares Abseitstor von Carlos Tevez gegen Argentinien 0:1 in Rückstand (1:3). "Ich bedauere diese krassen Fehler. Es war keine Fünf-Sterne-Leistung der Schiedsrichter", so Blatter.

Neue Diskussionen in Cardiff

Das Thema Torlinien-Technologie wird vom zuständigen Internationalen Football Association Board (IFAB) nun neu aufgerollt und diskutiert werden, nachdem sie eigentlich schon ad acta gelegt worden war. Blatter kündigte an, dass das IFAB schon am 21./22. Juli zu einer Arbeitssitzung in Cardiff zusammenkommen werde - die nächste reguläre Zusammenkunft hatte erst im März 2011 stattfinden sollen. Der FIFA-Boss versprach zudem noch größere Anstrengungen, um die Schiedsrichter besser auszubilden und auf die Anforderungen bei den großen Turnieren vorzubereiten. Er appellierte an die Referees "die Spielkontrolle zu behalten".

Blatter machte allerdings klar, dass ausschließlich die Einführung einer Torlinie-Technologie zur Diskussion stehe. "Den Videobeweis wie im Eishockey wird es nicht geben, dafür gibt es im Fußball zu wenige Unterbrechungen", sagte der Eidgenosse, der zuvor zu den skandalösen Vorkommnissen im WM-Achtelfinale geschwiegen hatte. Der FIFA-Boss betonte aber auch, dass das Abseitstor gegen Mexiko auch durch den Einsatz von technischen Hilfsmitteln nicht zu verhindern gewesen wäre, weil es ein krasser menschlicher Fehler des Schiedsrichter-Gespanns gewesen sei.

Für die Einführung technischer Hilfsmittel im Fußball ist ausschließlich das IFAB als Regelwächter des Weltfußballs zuständig. Anfang März dieses Jahres hatte das aus traditionell vier britischen Vertretern (England, Schottland, Wales und Nordirland) und vier Abgesandten der FIFA bestehende Gremium technischen Hilfsmittel eine Absage erteilt. Nun eröffnet sich eine neue Chance für Torkameras und den Chip im Ball. In den Bezug auf die Chip-Technologie hat Blatter allerdings Vorbehalte, "denn die Produktion für alle Profiligen ist problematisch".

Torrichter als Alternative

Eine weitere Möglichkeit könnte die Einführung von zwei Torrichtern sein, wie Blatter mit Verweis auf die FIFA-Statuten erklärte. Diese Möglichkeit der Unterstützung des Schiedsrichters, der beiden Assistenten und des Vierten Offiziellen wird durch die Europäische Fußball-Union (UEFA) forciert.

Bereits in der Saison 2009/2010 waren die beiden Torrichter in Europa-League-Begegnung getestet worden. Sie werden in der neuen Saison auch in der Champions League und in den Qualifikationsspielen für die EURO 2012 in Polen und der Ukraine zum Standard gehören.

Blatter droht Frankreich mit Suspendierung

Keine Überraschung war für Blatter das Vorrunden-Ausscheiden der WM-Finalisten von 2006, Italien und Frankreich. "Wir haben eine Statistik über die eingesetzt U23-Spieler der verschiedenen WM-Teilnehmer. Frankreich hatte keinen, Italien zwar einen, aber der hat nicht gespielt", sagte Blatter. Positiv hob der FIFA-Chef dabei Ghana, den letzten afrikanischen Vertreter im WM-Turnier mit 11 U23-Spielern (7 eingesetzt) und Deutschland (9/7) hervor.

Deutliche Worte richtete ein kämpferisch wirkender Blatter an Frankreichs Regierung und warnte sie eindringlich vor einer Einmischung in die Belange des nationalen Fußball-Verbandes FFF.

"In Frankreich haben sie eine Staatsaffäre aus dem Fußball gemacht, aber der Fußball gehört in die Hände der Verbände", sagte der Walliser. "Der französische Fußball kann auf die FIFA zählen, sollte es zu politischen Einmischungen kommen - selbst, wenn es auf der Präsidenten-Ebene geschieht. Das ist eine klare Botschaft. Sollten alle weiteren Konsultationen scheitern, bleibt uns als einziges Mittel die Suspendierung des Verbandes."

Nach dem WM-Vorrundenaus der französischen Auswahl in Südafrika, das von skandalösen Umständen begleitet war, hatte Verbandschef Jean-Pierre Escalettes am Montag seinen Rücktritt erklärt. Es fand sogar zuvor eine direkte Einmischung statt, denn Frankreichs Sportministerin Roselyne Bachelot hatte erklärt, ein Rücktritt des 75-jährigen Escalettes sei "unvermeidlich".

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