Marcelo Bielsa: Trainer ohne Grenzen

Von Markus Elser
Freitag, 28.05.2010 | 18:30 Uhr
Richtungweisend: Marcelo Bielsa hat den chilenischen Fußball in eine neue Ära geführt
© Imago
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32 Teams nehmen an der Weltmeisterschaft in Südafrika teil. Jedes Teilnehmerland hat seine eigene Geschichte zu erzählen. SPOX greift aktuelle Entwicklungen auf, lässt Protagonisten zu Wort kommen oder beleuchtet historische Ereignisse. Heute: Chile.

Eigentlich wollte Marcelo Bielsa an diesem Abend in Santiago de Chile nur ein Theaterstück besuchen. Wie hätte er auch damit rechnen können, am Ende selbst im Mittelpunkt zu stehen? Doch kaum war der letzte Vorhang gefallen, baten die Schauspieler das Publikum um Beifall für den chilenischen Nationaltrainer. Also stand Bielsa auf und nahm die Ehrung geschmeichelt entgegen.

Es muss ihn ein gutes Stück Überwindung gekostet haben, denn eigentlich ist Bielsa, zumindest abseits des Fußballplatzes, ein bescheidener und introvertierter Zeitgenosse.

Die Szene verdeutlicht die große Anerkennung, die dem Argentinier Bielsa in Chile zu Teil wird. Als er im August 2007 das Amt von Nelson Acosta übernahm, war der chilenische Fußball am Boden. 1:6 im Viertelfinale der Copa America gegen Brasilien. Eine Demütigung für die stolzen Chilenen. Und jetzt sollte es ausgerechnet ein Argentinier richten! Na, danke.

Barrieren überwinden, Brücken schlagen

Die Rivalität der beiden benachbarten und nur durch die Anden getrennten Länder ist enorm. Nicht nur sportlich, auch politisch. Nicht nur auf, sondern auch abseits des Rasens. Bielsa ist es gelungen, mit Hilfe des Fußballs Barrieren zu überwinden und Brücken zur Völkerverständigung zu schlagen. Mittlerweile hört man in chilenischen Stadien kaum noch Schmähgesänge gegenüber argentinischen Mannschaften.

Dass es soweit kommt, wird Bielsa kaum geahnt, geschweige denn geplant haben. Die Aufgabe in Chile war eine sportliche Herausforderung. Schließlich ist Bielsa Fußballtrainer und kein Politiker. Genauer gesagt ist er sogar besessen von Fußball, verrückt danach. El Loco. Er ist ein akribischer Arbeiter, ein Charakterkopf, der nichts dem Zufall überlässt, mitunter auch zu unkonventionellen Methoden greift und seinen eigenen Weg geht.

Dieser Eigensinn zieht sich wie ein roter Faden durch Bielsas Lebenslauf. Als kleiner Bub jubelte er lieber für die Newell's Old Boys, anstatt wie sein Vater Fan von Rosario Central zu werden. Entgegen der Familientradition, wollte er keine Karriere als Jurist oder Politiker einschlagen, sondern widmete sich ganz seiner großen Leidenschaft.

Nicht nur seine Familie bekam Bielsas Eigenwilligkeit zu spüren, auch seine Spieler können ein Lied davon singen. So kam es schon mehrfach vor, dass der Coach erst das Spielfeld persönlich abschritt, bevor er anordnete, in welchen Bereichen sich die Spieler zu bewegen hatten. Zu seiner Zeit als argentinischer Nationaltrainer von 1998 bis 2004 ließ er die einzelnen Mannschaftsteile gerne auch zu unterschiedlichen Zeiten trainieren. "Manchmal trafen wir die Stürmer gar nicht, weil er sie zu einer anderen Zeit einbestellt hatte", erzählte der argentinische Abwehrspieler Roberto Ayala, der über Bielsa auch sagt, dass er der Trainer sei, "von dem ich in meiner gesamten Laufbahn das meiste gelernt habe".

Rücktritt nach Olympiasieg

Die Anerkennung, die ihm nun in Chile zu Teil wird, wurde ihm in seinem Heimatland allerdings verwehrt. Zu schwer wog das schwache Abschneiden bei der WM 2002, als Argentinien nach einer überragenden Qualifikation die Vorrunde nicht überstand. Auch ein zweiter Platz bei der Copa America 2004 und der erste Goldmedaillen-Gewinn einer argentinischen Nationalmannschaft bei den Olympischen Spielen im selben Jahr konnten daran nichts ändern.

Bielsa trat zurück, verließ die große Fußball-Bühne und hielt sich drei Jahre lang im Hintergrund auf. Es fehle ihm an der nötigen Energie, um weiter die Verantwortung für die Mannschaft zu tragen, sagte er damals. Bis das Angebot aus Chile kam. Und welch Ironie, dass ausgerechnet das WM-Qualifikationsspiel gegen Argentinien zu einem Triumph für Bielsa wurde: Vor 55.000 begeisterten Zuschauern im Nationalstadion von Santiago de Chile bezwangen die Chilenen das argentinische Starensemble um Lionel Messi mit 1:0.

Es war der erste Sieg in einem Pflichtspiel gegen den großen Nachbarn überhaupt und der zweite seit 1959. Eine lange Durststrecke war zu Ende und Bielsa der gefeierte Held, der mit bedingungslosem Offensiv-Fußball der chilenischen Mannschaft ein neues Gesicht verpasst hatte.

Den Erfolg genoss Bielsa lieber im Stillen, betonte nach dem Spiel lediglich, dass es "die größte Freude für mich ist, den Stolz der Spieler darüber zu spüren, dass sie auf so einem hohen Niveau agiert haben."

Souveräne WM-Qualifikation

Es war der Beginn einer neuen Ära. Bielsa setzte auf junge Talente und eine offensive Spielweise. Und er wurde belohnt. Souverän qualifizierte sich La Roja als Tabellenzweiter hinter Brasilien für die WM in Südafrika. "Mir geht es gut, wenn meine Mannschaft mehr angreift als verteidigt", störte sich Bielsa auch nicht an den 22 Gegentoren, sondern freute sich über die mit 32 Treffern zweitbeste Offensive hinter Brasilien.

Seine unkonventionelle und mitunter eigenwillige Art bekommen jedoch nicht nur seine Spieler, sondern auch die Medien regelmäßig zu spüren. Denn Bielsa gibt keine Exklusiv-Interviews und spricht nur auf Pressekonferenzen mit Journalisten - dafür gerne stundenlang und bis die letzte Frage beantwortet ist.

"Alle Medien verdienen dieselbe Beachtung meinerseits: vom wichtigsten Fernsehsender der Hauptstadt bis hin zur unbedeutendsten Zeitung im Landesinneren", praktiziert der 54-Jährige Gleichberechtigung. Diese Erfahrung werden wohl auch die Journalisten bei der Weltmeisterschaft in Südafrika machen dürfen.

Bielsa ist das Gesicht der Nationalmannschaft und auch darüber hinaus eine angesehene Persönlichkeit in Chile. Der Coach ist in aller Munde, seine Geschichte füllt immer wieder die Zeitungen und es wurden Bücher geschrieben: Eine Biographie, ein Buch mit Anekdoten und Zitaten und ein weiteres, das den Weg Chiles zur WM nachzeichnet. Es waren allesamt Bestseller, die sich über Wochen in den Top-10 hielten.

Mit Fußball Menschen erreichen

Von Zeit zu Zeit hält Bielsa auch Vorträge. Natürlich geht es um Fußball, aber es ist ihm wichtig, auch darüber hinaus etwas zu vermitteln. Menschenführung, Werte, Grundsätze. Bielsa hat Ideale und Prinzipien, die ihm viel bedeuten. Und die Menschen hängen ihm an den Lippen, wenn er darüber philosophiert. Sie saugen seine Worte förmlich auf. Was Bielsa sagt, hat Gewicht. Er redet nicht, nur um etwas gesagt zu haben.

Wie auch am 6. März 2010, als Bielsa entgegen seiner Gewohnheiten in aller Öffentlichkeit vor die Fernsehkameras trat. Wenige Tage zuvor hatte in Chile die Erde gebebt. Bielsa reiste in die am schwersten betroffenen Gebiete und nach seiner Rückkehr sprach er in einer Live-Sendung, in der Spenden für die Opfer gesammelt wurden, zu den Menschen.

"Es ist immer wichtig zu reden, aber in diesem Fall muss man mehr denn je sagen, was man denkt und fühlt. Ich bin in Constitucion gewesen und was ich gesehen habe, war wirklich erschütternd. Jedes Gespräch, das ich geführt habe, zeugte von viel Optimismus trotz des großen Schmerzes, den alle erlitten haben. Ich hoffe, dass diese Menschen sich das wieder aufbauen, was sie verloren haben, um weitermachen zu können."

In diesem Moment war Bielsa für einen kurzen Augenblick mehr Politiker als Fußball-Lehrer. Er konnte nicht anders. Fußball ist für ihn mehr, als zwei Mannschaften, die Tore schießen wollen. Fußball ist für ihn ein Mittel zur Völkerverständigung.

Gestatten: Kaiser Keisuke I.

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