Fussball

"Es schmerzt nicht mehr, an ihn zu denken"

Teresa Enke lebt heute mit ihrer Adoptivtocher in Köln. Mit ihrer Robert-Enke-Stiftung besucht sie regelmäßig die Bundesliga-Stadien, Schulen und Veranstaltungen und arbeitet präventiv
© getty

SPOX: Dennoch haben sie öffentlich den Begriff der "Enttabuisierung" geprägt und eine Diskussion angeregt. Sind sie denn mit dem Klima und dem Diskurs im Leistungssport zufrieden?

Enke: Ja, definitiv. Natürlich hoffe ich, dass irgendwann noch offener darüber gesprochen werden kann. Zuletzt hat sich Oliver Kahn geäußert, und zugegeben, zu seiner aktiven Zeit psychische Probleme gehabt zu haben. Damals konnte noch nicht so darüber sprechen, wie es heute der Fall ist. Es wird diese Krankheit immer geben, solange es Menschen und Leistungsdruck gibt und ich bin total stolz auf die Arbeit der Stiftung.

SPOX: Kommen wir auf die "Robert-Enke-Stiftung" genauer zu sprechen. Stimmt es, dass Profisportler innerhalb einer Woche von der Stiftung einen Therapieplatz vermittelt bekommen?

Enke: Nicht nur Sportler. Das Verfahren und die Kontaktnummer und die App wurden natürlich primär erstmal für diesen Sektor geschaffen, aber wir vermitteln jeden weiter, um ihm zu helfen.

SPOX: Wie wird diese Kontaktnummer genutzt?

Enke: Es melden sich Menschen aus den unterschiedlichsten Sportarten und auch Angehörige, die froh sind, jemanden zu haben. Wir haben mittlerweile ein Netzwerk mit mehr als 70 Psychiatern und Anlaufstellen und dann wird das unkompliziert und anonym und ohne großes Aufsehen arrangiert. Menschen öffnen sich der Stiftung und mir gegenüber viel schneller und offener als vielleicht ihrem Nachbarn, weil wir mit unserem Hintergrund Vertrauen geschaffen haben und wissen, wovon die Betroffenen reden. Unsere Erfahrungswerte sind, dass Sportler sich uns mehr öffnen, als es bei anderen Anlaufstellen der Fall wäre.

Alle Informationen zur Enke-App und den mehr als 30.000 mal installierten Notfallbutton gibt es hier.

SPOX: Also gehen Profifußballer eher den Weg über Ihre Stiftung als über den jeweiligen Verein?

Enke: Sowohl als auch. Es wird angenommen und wir sind bemüht, präventiv zu arbeiten und nicht erst aktiv zu werden, wenn die Krankheit ausgebrochen ist. Ehemalige Spieler wie Martin Amedick, die selbst von der Krankheit betroffen waren, gehen mit Ronald Reng in Profivereine und reden über die Krankheit und Robert. Dann hören die Sportler zu, weil es authentisch ist. Ronald kannte Robert. Martin Amedick ist den Weg selbst gegangen.

SPOX: Wie wollen Sie die Stiftung fortführen und weiter verbessern?

Enke: Wir wollen das Netzwerk weiter ausbauen und vergrößern, die Ansprechpartner erweitern. Das ist das Ziel. Die Hotline ist bald fünf Tage die Woche erreichbar. Vielleicht ist die Stiftung irgendwann rund um die Uhr erreichbar, wer weiß? Das Ziel ist auch, dass die Behandlung noch schneller starten kann.
Und die Entstigmatisierung will ich weiter vorantreiben. Irgendwann soll eine Depression in der Wahrnehmung behandelt werden wie eine normale Verletzung.

SPOX: Wie sehen Sie in diesem Prozess ihre eigene Rolle?

Enke: Ich stehe fast täglich im Austausch mit der Stiftung, auch wenn meine Hauptaufgabe natürlich meine Tochter ist. Aber ich übernehme regelmäßig repräsentative Aufgaben und bin immer komplett involviert. Das operative Geschäft nimmt ein Stiftungsmitarbeiter wahr, der das hauptberuflich tut. Ich bin das Gesicht und versuche, mit meiner Authentizität so oft wie möglich mit dabei zu sein.

SPOX: Wie groß ist die Stiftung mittlerweile?

Enke: Die Stiftung hat sich in den letzten sieben Jahren stetig weiterentwickelt. So sind wir mittlerweile in einige größere Projekte involviert. Mit "Robert-Enke-Stiftung auf Tour" zum Beispiel machen wir die Stadionbesucher bei Bundesligaspielen auf unsere Stiftungsarbeit aufmerksam.

SPOX: Wie oft sind Sie denn in Stadien?

Enke: Fast jedes Wochenende sind wir mit einem Infostand präventiv in den Bundesligastadien. Wir haben das mittlerweile auch auf den Eishockey- und Handballsport ausgedehnt.

SPOX: Wie ist denn das Feedback an den Ständen? Und was sagen die Vereine?

Enke: Das ist sehr gut! Natürlich kommt nicht jeder Fan an den Stand, aber es ist immer Interesse da an Robert und seiner Geschichte und es kommt regelmäßig vor, dass Menschen von sich aus eigene Probleme ansprechen und wir auch helfen können mit Flyern oder als Vermittler. Die Präsenz an Spieltagen ist für uns sehr wichtig, um den Fußballfans zu zeigen: Depression gehört dazu. Jeder Fünfte wird in seinem Leben mal eine Depression haben. Jeder muss mal durch harte Phasen und wenn man sich da nicht herausarbeitet, geht das schnell.

SPOX: Jeder Fünfte?

Enke: Ja, das geht schnell. Ich sehe das ja an mir. Hätte ich nicht so tolle Freunde gehabt und womöglich noch Geldsorgen, hätte ich da auch ganz schnell reinrutschen können. Es gibt viele Faktoren. Das geht ganz schnell und man sollte immer ein offenes Ohr haben für seine Mitmenschen und ein bisschen hellhöriger durchs Leben gehen.

SPOX: Frau Enke, Sie haben gesagt, sie möchten den Profifußball nicht verändern. Ist das nicht aber eine Notwendigkeit für den größtmöglichen Erfolg der Stiftung?

Enke: Nein. Wenn jemand krank war und sich hat therapieren oder behandeln lassen, sei es aufgrund einer Verletzung oder einer psychischen Erkrankung und dann zurückkehrt, kann er im Team womöglich sogar noch mehr leisten, weil er sich intensiv mit sich selbst auseinandergesetzt hat und ihn diese Auseinandersetzung stärker gemacht hat. Dafür muss sich der Fußball nicht ändern. Es kommt auf die Einstellung der Menschen an. Eine Depression hat nichts mit dem Fußball zu tun.

Seite 1: Teresa Enke über ihr heutiges Leben, Erinnerungen an Robert und Vorwürfe

Seite 2: Enke über Roberts Vermächtnis, Versteckspiele und den Wandel der Krankheit

Seite 3: Enke über die Profi-Rückkehr nach einer Depression und die Stiftungsarbeit

Seite 4: Enke über Enttabuisierung und den Wandel im Fußball

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