Sex im Strafraum

Von Norbert Kron
Freitag, 11.08.2017 | 10:58 Uhr
Gastbeitrag von Norbert Kron
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Norbert Kron ist Schriftsteller und Journalist - und Libero der deutschen Autorennationalmannschaft. In einem Gastbeitrag beschäftigt er sich mit der Frage, wie sich über Fußball schreiben lässt.

Es war in Paris, der Stadt von Liebe, Literatur und Sex. Erst spielten wir mit der Autorennationalmannschaft gegen die französischen Schriftsteller (und nahmen mit 2:1 vorweggenommene Revanche für die Halbfinal-Niederlage der Profis bei der darauffolgenden EM). Dann saß ich bei einer Podiumsdiskussion im Goethe-Institut und wurde gefragt, ob man Fußball in Literatur verwandeln könne - und wenn ja: wie? Was für eine Frage an mich! Da es in meinen Romanen immer um Sex und Liebe geht, konnte die Antwort nur ausfallen: Naturellement, es ist genau wie bei einer guten Sexzene!

Meine Antwort fiel in Paris auf fruchtbaren Boden. Schließlich ist die "Grande Nation" im Gegensatz zu Deutschland ein Land, in dem Intellektuelle ganz selbstverständlich über Erotik schreiben. So wie "le President de la Republique" standesgemäß seine Geliebte hat (oder eine Präsidentengattin 30 Liebhaber, bevor sie das Ehebett im Elyseepalast teilt), so scheuen sich französische Kunstkritikerinnen nicht über ihre Swingereskapaden mit ganzen Fußballmannschaften zu schreiben (Catherine Millet) oder erfinden Skandalschriftsteller in ihren Romanen Robinson Clubs, die ausschließlich von Sex-Animateurinnen geleitet werden: was natürlich ein gesellschaftskritisches Spiegelbild des Kapitalismus darstellt (Michel Houellebecq).

Ist ein Drama in der Lage, die Dramatik des Fußballs abzubilden?, fragte ich in Paris. Kann eine Elegie die Einsamkeit eines Elfmeterschützen zum Ausdruck bringen, der mit seinem Fehlschuss das Ausscheiden seiner Mannschaft verschuldet hat? Mais non! Die einzig mögliche Form über das Wesen des Fußballs zu schreiben, ist der Roman. Und ein guter Roman über Fußball funktioniert genauso wie eine gute Sexszene. Was das heißt? Im Publikum befanden sich auch deutsche Intellektuelle, die verwundert blickten, da für sie das Schreiben von Sexszenen ja verboten ist. Sex ist zu magisch und geheimnisvoll, um ihn in Worte zu fassen!, so ihre Überzeugung. Alle Wörter, die es dafür gibt, sind zu abgedroschen!

Die Unberechenbarkeit

Quelle connerie! Was für ein Quatsch! Die Frage ist, von welcher Perspektive man das Ganze anpackt. Tatsächlich ist es unmöglich, die atemlose Selbstvergessenheit und herzzerfetzende Lustentladung zu verbalisieren, die einem bei einem Jahrhundert-Orgasmus überkommt wie bei einem endlos herbeigefieberten Siegtor. In die Mitte des Glücks vorzustoßen, die Sex und Fußball bereiten, in diese Welt der Vorsprachlichkeit, ist ein logisches Unding. Aber die Essenz dieser Existenzerfahrungen offenbart sich auf verblüffend erhellende Weise aus der Seitenperspektive, einem Blickwinkel, der so überraschend ist wie der Torschuss aus spitzem Winkel, der Fernschuss vom Anstoßpunkt oder ein Hackentor im Fünf-Meter-Raum.

Es ist ja die Unberechenbarkeit, die den Fußball über alle statistischen Ballsporten (Handball, Basketball, Tennis) erhebt: dass der millionenschwere Favorit 90 Minuten lang auf ein Tor spielen kann und der technisch bettelarme Außenseiter am Ende durch ein Stolpertor gewinnt.

So ist es jedenfalls beim Sex, sagte ich und erntete lächelnde Zustimmung auf den Gesichtern der Pariser Zuhörer und Zuhörerinnen: Gerade in der Abweichung und im Misslingen lässt sich ein Moment seiner Wahrheit einfangen. In der Impotenz wird sein existentielles Wollen sichtbar und in seiner Käuflichkeit die zugrundeliegende Sehnsucht nach Liebe. Daraus speist sich jede gute Sexszene: aus dem tragikomischen Lust-Spiel, mit dem wir uns im Spiegel über die Schulter sehen und bemerken, dass wir nicht in einer Hollywood-Villa liegen und nicht wie Pamela Anderson oder Richard Gere aussehen.

Genauso ist es mit der Literatur und dem Fußball: Wer eine Ahnung jenes Glücksversprechen einfangen will, das er Millionen von Menschen jede Woche schenkt, muss ihn aus einem Blickwinkel betrachten, den nicht einmal die tausendste Hintertorkamera im Pay-TV zeigt: aus der Muskelfaser, die dem Nationalspieler im letzten Spiel vor der WM reißt, oder aus dem Ball, der meterhoch über das Tor in die Nacht fliegt und von dort aus zurückblickt auf den Schützen, der ihm fassungslos aus dem Strafraum hinterher starrt, weil er den WM-Titel auf dem Fuß hatte. N'est-ce pas? Voila!

Norbert Kron lebt als Schriftsteller und Journalist in Berlin und interviewt regelmäßig für ARD-"titel thesen temperamente" berühmte Menschen wie Angelina Jolie, Frank-Walter Steinmeier oder Richard Gere, denen man auf seiner Website www.norbert-kron.com wieder begegnet. Sein Roman "Der Begleiter" (dtv) erzählt die Love Story eines Journalisten, der Callboy wird.

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