Pavlos Wiegels im Interview

"Vergleichbar mit gut bezahltem Studentenjob"

Donnerstag, 27.10.2016 | 12:57 Uhr
Pavlos Wiegels ist Futsal-Nationaltorhüter
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Pavlos Wiegels wurde bei der Futsal-Studenten-WM entdeckt, wechselte nach Polen in die zweite Liga und ist mittlerweile Nationaltorhüter der deutschen Futsal-Auswahl. Vor dem ersten offiziellen Futsal-Länderspiel der DFB-Geschichte spricht der 22-Jährige im Teil 3 der SPOX-Themenwoche über die Strukturen, die Unterschiede zum Fußball und Futsal-Gott Falcao.

SPOX: Herr Wiegels, wie sind Sie zum Futsal gekommen?

Pavlos Wiegels: Früher habe ich Fußball in der Jugend von Viktoria Berlin gespielt. Als ich vor drei Jahren aus der A-Jugend herausgekommen bin, habe ich zwar noch für die U23 gespielt, aber meine Motivation ging langsam zurück. Dann hat sich von der Futsal-Auswahl der Viktoria der Keeper verletzt und ich wurde gefragt, ob ich das nicht mal ausprobieren möchte. Anfangs war ich zwar noch skeptisch, aber es hat mir auf Anhieb viel Spaß gemacht. In meiner ersten Saison sind wir bei der Deutschen Meisterschaft bis ins Halbfinale gekommen und dieser Erfolg hat mich geködert. Mittlerweile spiele ich gar kein Fußball mehr.

SPOX: Seit kurzem spielen Sie in Breslau bei KS Antonio Orzel. Wie kam es zu diesem Wechsel in die zweite polnische Futsal-Liga?

Wiegels: Nach der Schule habe ich mein Studium begonnen und vor ein paar Monaten war ich mit meinem Uni-Team bei der Studentenweltmeisterschaft in Brasilien dabei. Dort wurde ich zum besten Torwart des Turniers gewählt und für mich war klar: Wenn ich im Futsal noch etwas erreichen will, muss ich sofort etwas ändern. Über ein paar Ecken kam der Kontakt zu dem Verein zustande. Ich wäre zwar lieber in Berlin geblieben, aber Futsal steht in Deutschland erst in den Startlöchern: In Polen gibt es ein ausgeprägtes Ligensystem und jedes Wochenende messen wir uns mit den starken Teams.

SPOX: Klingt ziemlich professionell. Bleibt da noch Zeit für ein Studium?

Wiegels: Der Verein hat eine Kooperation mit einer Universität und ich studiere weiterhin VWL. Auch wenn die Sprache etwas schwierig ist, habe ich mich dank der Mitarbeiter und meiner Kollegen bestens eingelebt. Derzeit habe ich für eine Saison unterschrieben und wie es danach weiter geht, hängt von meiner persönlichen Entwicklung und der des Sports in Deutschland ab.

SPOX: Können Sie vom Futsal leben oder ist das nur Taschengeld?

Wiegels: Ich würde sagen, es ist vergleichbar mit einem gut bezahlten Studentenjob. Ich kann mir damit mein Studium finanzieren und verliere in Breslau kein Geld.

SPOX: Wie oft müssen Sie für Ihr Geld trainieren?

Wiegels: Wir trainieren jeden Tag und die Abläufe sind vergleichbar mit Fußball-Training. Zwei Mal die Woche habe ich zusätzlich zum Mannschaftstraining ein einstündiges individuelles Torwarttraining. Das Mannschaftstraining dauert eineinhalb bis zwei Stunden - das hängt davon ab, ob wir eine Taktikbesprechung haben.

SPOX: Wie kann sich ein Laie die Taktik beim Futsal vorstellen?

Wiegels: Meistens formieren sich die vier Feldspieler in einer Raute, wobei extrem viel rotiert wird. Für mich als Torhüter ist der Fixo der wichtigste Spieler, so wird der zentrale defensive Spieler genannt. Meistens gibt dieser die Taktik für den Angriff vor und die anderen Spieler wissen, wie sie laufen müssen. Wenn diese Laufwege nicht stimmen, kann sich der Gegner leicht darauf einstellen.

SPOX: Welchen Stellenwert nimmt Taktik beim Futsal ein?

Wiegels: Ähnlich wie beim Fußball haben manche Teams ihre Stärken in der Taktik, andere in der individuellen Qualität. Aber grundsätzlich macht die Taktik ungefähr 60 Prozent vom Spiel aus. Es gibt auch beim Futsal Mannschaften, die nicht besonders ansehnlich spielen, aber trotzdem erfolgreich sind. Entscheidend ist der richtige Mix.

SPOX: Wie bei der Wichtigkeit der Taktik decken sich viele Aspekte mit Fußball. Wo liegt für Sie persönlich der größte Unterschied?

Wiegels: Als Torwart nimmt man beim Futsal mehr am Spiel teil. Da ich nur einmal pro Spielzug einbezogen werden darf, leite ich zwar nicht jeden Angriff ein, aber ich bekomme mehr Bälle auf das Tor und kann meine Mannschaft auch mal retten. Beim Fußball hat man vielleicht 90 Minuten nichts zu tun und fängt dann trotzdem ein Gegentor. Bei einem Fußball-Spiel würde ich dann nur in der Kälte rumstehen, frieren und mich langweilen, das wäre schrecklich für mich. Ich bin jetzt einfach diese permanente Anspannung gewöhnt.

SPOX: Sind die zahlreichen Torraumszenen der Charme des Futsal?

Wiegels: Für mich wird schlicht mehr Action geboten. Man kann keine Zeit schinden und deshalb sind selbst die schlechten Spiele gut anzuschauen. Bei einem Fußball-Grottenkick weiß man, dass es 0:0 ausgeht, weil kein Team auch nur ansatzweise Torgefahr ausstrahlt. Beim Futsal kann es jede Sekunde einschlagen.

SPOX: Hinzu kommen die teilweise atemberaubenden Tricks.

Wiegels: Absolut, bei Futsal ist viel Show dabei, weil der Raum es zulässt. In Einzelsituationen sind diese technischen Leckerbissen nötig, um überhaupt zu Chancen zu kommen. Aber auch beim Futsal funktionieren Tricks nicht immer.

Seite 1: Wiegels über seine Anfänge, das Training und den Stellenwert von Taktik

Seite 2: Wiegels über den Vergleich zum Fußball, die Strukturen und das erste Länderspiel

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