Groundhopping-König Carlo Farsang erzählt

Geschichten aus der anderen Welt

Von Stefan Rommel
Sonntag, 15.11.2009 | 18:54 Uhr
Finale in La Plata: Statt das Wasser abzupumpen, überflutet die Feuerwehr das Spielfeld
© Carlo Farsang
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Auswärtsfahrten nach Gelsenkirchen sind eine tolle Erfindung - ein Trip in den Kongo das reinste Abenteuer. Carlos Farsang ist Deutschlands bekanntester Groundhopper. Bei SPOX erzählt er einige seiner Geschichten aus mehr als einem Jahrzehnt -  von Paraguay bis Nordkorea.


Carlo Farsang beginnt zu schmunzeln, als er einen Blick zurück wirft. "Eigentlich hatte ich immer Glück. Ich bin nie überfallen oder ausgeraubt worden, wurde nie verletzt oder schwebte ernsthaft in Lebensgefahr."

Farsang ist im Schwarzwald aufgewachsen, die Beschaulichkeit ist seine Heimat. Seine Sehnsucht ist die weite Welt.

Über 1500 Spiele, 1 Millionen Kilometer und 113 Länder

Carlo Farsang ist der bekannteste Groundhopper Deutschlands, bis vor ein paar Jahren war er der ungekrönte Weltmeister einer Sub-Kultur, die im Alltag des Fußballs mit seiner rasenden Geschwindigkeit und stumpfen Oberflächlichkeit wenig Beachtung findet.

Farsangs Geschichten sind die Geschichten aus einer fremden Welt, seine Richtmarken sind für den "normalen" Fan kaum zu fassen: Über 1500 Spiele hat er weltweit besucht, 113 Länder bereist und weit über eine Million Reisekilometer dabei zurückgelegt.

Mehr als 11.000 Bilder sind stumme Zeugen seiner Reisen. Sie liegen in seiner Wohnung auf Zelluloid, Polaroid, Memorycards oder CDs gepresst in Regalen und Schachteln. Elf Jahre lang hat der mittlerweile 38-Jährige nur für den Fußball und dessen Schauplätze gelebt. Ein Leben auf der täglichen Suche nach dem nächsten Kick und der nächsten großen Herausforderung.

Die Sucht nach Abenteuer

"Es war eine Sucht. Die Sucht nach Abenteuer, die Sucht nach dem Sammeln, die Sucht nach Fußball", sagt Farsang. Auf dem Höhepunkt seiner Leidenschaft verlegte er seinen Wohnsitz auf den Kontinent, den er für einige Monate abgrasen wollte - wie eine Heuschrecke ein Weizenfeld. "Ich wollte näher an den Spielen oder Nachbarländern sein. Das hat mir eine Menge Geld eingespart."

Wie viel er ausgegeben hat, kann er gar nicht genau sagen. Nur so viel: Es war jeden Pfennig wert. Farsang wanderte nach Paraguay aus, Südamerika war in den 90er Jahren das Mekka der Groundhopper-Szene. Atemberaubende Stimmung und Fußball als Exzess lockten die Stars der Szene.

In Sao Paulo richtete er sich später einen Stützpunkt in Form einer kleinen Wohnung ein, von dort aus nahm er auf dem kompletten Kontinent alles mit. Alle Eintrittskarten, Fotos, Flugtickets, Erinnerungen. Er passte sich Land und Leuten an, übernahm die Gewohnheiten der Einheimischen. Groundhopping als Kulturaustausch - und als recht kostenintensiver Lebensinhalt.

Zigarettenschmuggler und Bauchredner

"Alles was ich hatte, habe ich investiert. Jeden Pfennig, jeden Cent." Überall nahm er Jobs an, wirkte auf der Straße als Pantomime oder Bauchredner, verkaufte seine Bilder für Ausstellungen, schrieb Bücher oder machte seine handwerkliche Geschicklichkeit zu Geld. "Es waren Kleckerbeträge, aber sie haben mich über Wasser gehalten."

Es gab aber auch andere Jobs, die gefährlichen und halbseidenen: Zigarettenschmuggel oder den Verkauf von Autos nach Syrien und Albanien. Farsang nahm, was er bekommen konnte und gab es recht schnell wieder aus.

Allerdings nicht blind, sondern immer mit Bedacht und einer gewissen Sparsamkeit. "Für die USA hatte ich ein Stand-by-Ticket, da habe ich 34 Flüge in 30 Tagen rausgeholt. Auf den einzelnen Flug gerechnet war das bei vielleicht 30 Mark pro Flug spottbillig."

Der Gegner: Die Zeit

Groundhopper verstehen sich auch als Lebenskünstler. Immer flexibel, innovativ und grenzenlos. Es gibt nur einen großen Gegner: die Zeit. Einmal schaffte er neun Spiele in sieben Ländern und brauchte dafür gerade einmal sechs Tage.

Vor allem in den ehemaligen Ostblockländern kam ihm dabei oft der Spielplan zugute. "In Ungarn zum Beispiel begann der Spieltag mit der ersten Partie um elf Uhr morgens. Da konnte man mit ein wenig Glück rund um Budapest drei Spiele an einem Tag machen. Raus aus dem Stadion, zwei Stationen mit der U-Bahn, rein ins Stadion."

Das waren die leichten Touren. Die schweren führten ihn in die hintersten Teile Russlands, nach Asien oder Afrika. Dabei begann alles relativ harmlos.

Über Hamburg hinaus in die Welt

"Fari" Farsang ist HSV-Fan, was den unangenehmen Umstand mit sich brachte, dass er für Heimspiele seines Klubs vom Schwarzwald aus weitere Fahrten auf sich nehmen musste als zu jedem Auswärtsspiel der Hamburger.

Auf alle Bundesligaspiele folgten die Spiele der Nationalmannschaft, dann als junger Erwachsener die Europapokal-Reisen mit dem HSV ins Ausland. "Als ich da das erste Mal europäische Luft geschnuppert hatte, wollte ich jedes Land sehen." Innerhalb eines Jahres weitete Farsang seinen Plan kurzerhand aus und bereiste fünf Kontinente.

Sein persönliches Highlight steht im Arbeiterbezirk Boca von Buenos Aires. Die Heimstätte der Boca Juniors ist Farsangs Wirklichkeit gewordener Traum vom puren Fußball. "Wenn man alleine in der Bombonera steht, hat man das Gefühl, die Tribünen würde Geschichten erzählen."

Lage und Bauart der Pralinenschachtel haben den 38-Jährigen verzückt, "der Blick hinaus auf den Hafen und den Atlantischen Ozean ist fantastisch. Das ist - zusammen mit den Fans - eine andere Welt."

Mitten im Bürgerkrieg

Dass es ausgerechnet in Buenos Aires zu einem der gefährlichsten Trips seiner Karriere kam, gehört zu den vielen Unwägbarkeiten des Metiers. Farsang wollte 2002 das Endspiel um den argentinischen Pokal verfolgen, sollte dabei auch als Kameramann für den NDR eine kleine Reportage über seine Reise liefern.

Auf dem Weg von Sao Paulo nach Buenos Aires erreichte ihn die Information, dass das Spiel abgesagt wurde. Farsang sitzt im Zug, als in Buenos Aires das Chaos ausbricht und die Lage bürgerrkriegsähnliche Ausmaße annimmt. Das Volk geht auf die Straße, zuletzt lag die Preissteigerungsrate bei 20 Prozent - innerhalb einer Woche. Den Demonstrationen folgen Plünderungen, Raub, verwüstete Geschäfte. Die Stadt ist wie ein großes Irrenhaus, aus dem alle nur noch weg wollen. Farsang aber will rein.

"Die öffentliche Ordnung war wie weggespült. Die Banken haben kein Geld mehr ausbezahlt, also haben die Demonstranten Autos angezündet und sich Straßenschlachten mit der Polizei geliefert. Ich sollte ja für's Fernsehen einen Beitrag machen. Eigentlich über meine Reiseeindrücke - dann darüber, warum das Land außer Rand und Band ist. Also habe ich an vorderster Front mit der Kamera immer draufgehalten. Da ging es schon richtig heiß her."

Aber bis auf einige kleinere Blessuren, Schürfwunden und vom Tränengas gereizte Augen ist nichts passiert. "Wie gesagt, ich hatte immer irgendwie Glück."

Zugfahrt ins Nichts

Wenige Monate später wollte er sich den Traum von Nordkorea erfüllen. Zur WM 2002 in Japan und Südkorea sollte die Grenze zwischen den beiden verfeindeten Staaten geöffnet werden.

Farsang hatte bereits sieben Tage und Nächte im Zug in den Knochen, als ihm plötzlich offenbart wurde, dass die letzten 25 Kilometer Bahnstrecke nicht geöffnet waren. Weder Einreise noch der Besuch des Spiels waren möglich. Auf eine Reise nach Nordkorea wartet der Allesfahrer bis heute.

Ebenso wie auf einen Besuch im Kongo. "Die Demokratische Republik Kongo, also das ehemalige Zaire, und die Republik Kongo mit den beiden Städten Kinshasa und Brazzaville trennt nur der Kongo River. Wir wollten jeweils ein Spiel sehen. Als dann eine Partie abgesagt wurde und es Gerüchte um die Sicherheit des Fährtransfers zwischen beiden Städten gab, mussten wir die Reise absagen."

Interview mit Buch-Autor Jörg Heinisch: Sammler und schwarze Schafe

"Deutschland? Tennispublikum"

Nordkorea und der Kongo treiben Farsang bis heute an. Allerdings ist die Quantität längst einer gewissen Qualität in der Reiseplanung gewichen. Irgendwann kam die Sättigung. "Ich hatte alles erreicht und durch die Gründung meiner Firma hat sich ein neues Lebensziel aufgetan", sagt Farsang. Er betreibt heute ein Dienstleistungsunternehmen im Schwarzwald.

Farsang wählt seine Reisen jetzt gezielter aus, nur wirklich exotische Länder reizen ihn noch. Dabei hat er von Honduras bis Nepal schon fast alles gesehen. Nur ein Land wird er nur noch wenig bereisen: Deutschland. Fast alle Stadien der Bundesliga sind ihm ein Graus.

"Die Stadien sind fortschrittlich und neu - aber sie haben kein Gesicht mehr und erzählen keine Legenden." Für Farsang sind es nur leblose Klötze aus Stahl, Beton und Glas, besetzt mit neuem Klientel. "Mir ist das alles zu modern. Mittlerweile gibt es in Deutschland zu viel Tennispublikum."

Carlo Farsang ist Deutschlands bekanntester Groundhopper. Seit Ende der 80er Jahre reist Farsang durch die ganze Welt, arbeitete auf seinen Stationen unter anderem als Buchautor und Fotograf. Als Autor der Dokumentation "Futbol fanatico" berichtete er über seine schönsten Anekdoten. Außerdem war Farsang Organisator der Ausstellung "The World of Football", in der er die besten seiner rund 11.000 Bilder zur Schau stellte.

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