Verfaulte Zähne und "Frauentausch"

Von Cihan Acar
Dienstag, 03.05.2011 | 19:38 Uhr
Servet Cetin von Galatasaray war früher auf dem Weg, seine Zähne verfaulen zu lassen
© Getty
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Die Protagonisten der Süper Lig sind so kreativ unterwegs wie nie. Kenny Miller lebt seinen Traum, Servet Cetin hatte als Kind wohl die ausgefallenste Motivation zum Zähneputzen und beim Montagsspiel sorgte der Schiri für Abwechslung. Im Fener-Stadion werden neue Wege entwickelt, um an Spieler-Souvenirs zu kommen. Doch gegen einen können in Sachen Kreativität alle einpacken: den magischen Lippenleser. Alles Süper zum 31. Spieltag.

Kennys Traum:Kenny Miller von Bursaspor stand unter der Woche der Zeitschrift des türkischen Fußballverbandes Rede und Antwort. Auf die Frage, welche Rolle das Geld bei seinem Wechsel von den Glasgow Rangers zu Bursa spielte, sagte Miller: "Ich bin keine Bank." Das leuchtet ein. Und: "Geld alleine macht nicht glücklich." Auch das kaufen wir ihm ohne Probleme ab. Und ja, auch die dritte Miller-Aussage zu dem Thema Wechselmotivation glauben wir ihm, und sollten wir damit auch noch so alleine dastehen: "Mit dem Wechsel habe ich mir einen sehr großen Traum erfüllt."

Warum auch nicht? Das Szenario dazu kann man sich doch auch ganz gut vorstellen: 1990, der kleine Kenny, gerade elf Jahre alt geworden, kickt nach der Schule mit drei Schulfreunden auf dem Bolzplatz. Und wie man das unter Kindern beim Fußballspielen so macht, sucht sich jeder einen berühmten Star aus, dessen Rolle er einnimmt. Die Wahl von Millers Freunden: "Ich bin Maradona. Ich bin Platini! Ich bin Matthäus."

Exotischer ist aber die Wahl des kleinen Kenny, der schon damals von einem späteren Engagement in Bursa träumt und deshalb den Spieler nennt, der als erster Torschützenkönig in die Vereinsgeschichte von Bursaspor und in Poster-Form über das Kinderbett des Kenny geschafft hat: "Ich bin Bahtiyar Yorulmaz!" Wir glauben dran.

Vorbildmangel: Früher war alles besser. Das sagt nicht nur der genervte Mittfuffziger, der sich in der Straßenbahn mit den aktuellsten Jamba-Hits aus den Telefonen der Jugendlichen zudröhnen lassen muss, nein, das sagen auch wir.

Das aktuellste Beispiel ist der Mangel an echten und guten Vorbildern in der Süper Lig. Wo sind sie, die guten Beispiele für die Jugend? Kenny Miller hatte Bomber Bahtiyar, wen hat die Jugend in der Türkei? Es sieht schlecht aus, denn wer aktuell das Verhalten der großen Namen in der türkischen Liga nachahmt, kommt nicht der erträumten Profikarriere näher, sondern eher dem Jugendknast. Denn wenn ein türkischer Nachwuchskicker das Fernsehen einschaltet, dann sieht er unter anderem: einen besoffenen Guti, einen prügelnden Nihat (wir berichteten), oder einen fluchenden Arda Turan (wir berichteten auch).

Früher war das aber alles anders, wie Servet Cetin von Galatasaray zu berichten weiß. Als der nämlich noch ein Kind war, gaben Fußballprofis in der Türkei nicht Nachhilfe im Gangsterdasein, sondern ersetzten den Zahnarzt. Ganz Recht. "Damals gab es bei Trabzonspor einen Spieler namens Lemi, der in einer Sendung zu Besuch war. Der hat dann gesagt, dass man mit verfaulten Zähnen kein guter Fußballer wird. An dem Tag habe ich angefangen, meine Zähne zu putzen." Das waren noch Zeiten!

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Montags-ActionAn jedem Spieltag der Süper Lig gibt es ja das Montagabendspiel, das den Spieltag abschließt und in dem so gut wie immer eine der großen Mannschaften oder wenigstens eine Mannschaft aus dem oberen Tabellendrittel beteiligt ist, damit das Ganze auch die angemessene Aufmerksamkeit bekommt.

Diese Woche kamen aber alle Zuschauermagnete der Liga bereits am Wochenende zum Einsatz, und übrig blieben für das Spiel am Montag nur: Ankaragücü und Karabükspor. Nominell betrachtet war das jetzt natürlich etwas vergleichbar mit der Sendung "Frauentausch" zur Primetime im Fernsehen, doch die Mannschaften nahmen sich im Vorfeld vor, alle kritische Stimmen verstummen zu lassen, stattdessen ein großes Spektakel zu bieten - und hielten nicht Wort. Es war ein fades 0:0.

Am Ende hatte sogar Schiedsrichter Serkan Cinar ein Einsehen und sorgte eigenhändig für ein wenig Action, indem er kurz vor Spielende Karabük einen Handelfmeter zusprach und ihn wenig später lässig zurücknahm. Netter Versuch Herr Cinar, aber da hatten wir schon längst die Frauentausch-DVD eingelegt.

Ich will auch! Wie das halt so ist im menschlichen Zusammenleben: hat der eine irgendetwas Schönes oder Gutes, will der andere es auch. Das ist in der Vorschule nicht anders wie im Fußballstadion - was bei Vorschulkids die schönste Schaufel im Sandkasten ist, ist im Stadion die Unterschrift oder das Trikot eines Spielers.

Auch im Sükrü Saracoglu Stadion von Fenerbahce tobte während der Begegnung gegen Büyüksehir Belediyespor der Kampf um die Souvenirs. Einer spielte dabei mit unfairen Mitteln: in der Halbzeit lief Kapitän Alex direkt auf einen älteren Herrn im Publikum zu und übergab ihm sein Trikot, der Herr freute sich und zog viele neidische Blicke auf sich. Im TV-Interview erklärte er dann den Grund für das Geschenk: er war ein früherer Bekannter von Alex und war aus dessen Heimat angereist.

Ein anderer Fan kam auf eine kreative Idee: er begab sich an die Absperrung hinter der Fener-Ersatzbank, schmiss sein Trikot vor die Füße der dort sitzenden Spieler und wartete einfach. Die Spieler hatten die Botschaft verstanden, unterschrieben das Trikot und warfen es zurück. Der Nebenmann des Fans war von der erfolgreichen Idee sehr angetan und warf sein Trikot ebenfalls vor die Bank.

Da sie wahrscheinlich wussten, dass im Falle einer erneuten Autogrammrunde das halbe Stadion Trikots vor die Bank schleudern würde, ignorierten die Spieler das Trikot einige Minuten lang, bevor sie es ohne Unterschriften wieder zurückwarfen. Am Ende strahlte der Alex-Freund und posierte vor den Kameras in seinem neuen Trikot, der kreative Fan strahlte und zog sein unterschriebenes Trikot an, nur der erfolglose Nachmacher strahlte nicht und hatte sein immer noch ununterschriebenes Trikot in der Hand. Hoffentlich hat er einen Sandkasten daheim.

Lippenlesen:An dieser Stelle möchten wir unsere treuen Leser mit dem obersten Gebot bei Fußballsendungen im türkischen Fernsehen vertraut machen: der O-Ton ist alles! Eingeführt hat das Prinzip bereits vor 20 Jahren ein Herr namens Levent Özcelik, der unter anderem ganz locker während dem Derby zwischen Galatasaray und Fenerbahce mit Mikrofon in der Hand auf das Feld stürmte und einen eben gefoulten Spieler fragte: "Ümit, wo tuts weh?"

Das Erbe wird seit Jahren von einem außergewöhnlich begabten Lippenleser bei einem Pay-TV-Sender fortgeführt. Keiner weiß, wie er heißt oder wie er aussieht, fest steht aber, dass er es drauf hat. Wann immer sich Spieler vor, während oder nach einer Partie unterhalten und dabei von Kameras eingefangen werden, ist der Lippenleser zur Stelle und darf das Gesprochene mit viel Fantasie und nach Lust und Laune in Untertiteln beschreiben.

Ein frisch geholter Spieler aus Südamerika "unterhält" sich mit einem türkischen Kollegen mit unbeholfenen Handzeichen und ratloser Gestik? Kein Problem, der magische Lippenleser bastelt auch hier einen bunten und wortreichen Dialog, auf den jeder Drehbuchautor neidisch wäre.

Auch beim Derby zwischen Besiktas und Galatasaray am Wochenende durfte er wieder zeigen, dass er selbst aus den unmöglichsten Situationen noch ein Gespräch zaubern kann. Vor dem Spiel unterhielten sich Guti und Simao und schauten in Richtung eines Fanplakates, auf dem die ausländischen Spieler von Besiktas als coole Bande und Guti als ihr Anführer abgebildet waren.

Das Problem an der Szene: es war nicht zu sehen, dass etwas geredet wurde. Von so etwas lässt sich der Lippenmagier aber natürlich nicht beirren und wusste wieder ganz genau, welche Worte zwischen dem Spanier und dem Portugiesen, wie auch immer, fielen. Guti stand zwar mit dem Rücken zur Kamera, sagte aber trotzdem: "Schau mal, ich bin euer Boss, und ihr seid meine Helfer!" Simao, der nur grinste und seine Lippen gar nicht bewegte, antwortete darauf: "Ja, du hast Recht." So gut ist der!

Der Spieltag in der Süper Lig

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