Verwirrung, Schuld, Frust!

Von Cihan Acar
Dienstag, 26.04.2011 | 21:25 Uhr
Besiktas' Nihat ist mächtig frustriert und derzeit auf Prügeltour
© Imago
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Der türkische Fußball hat endlich wieder ein Ausnahmetalent, auch wenn das Wunderkind eine außergewöhnliche Position einnimmt. Alle anderen Beteiligten sind zurzeit aber recht konfus unterwegs: ein umworbener Shootingstar weiß vor lauter Spekulationen gar nicht mehr, ob er sie dementieren oder anheizen soll, und Konya-Coach Yilmaz Vural redet sich bei einem flammenden Plädoyer um Kopf und Kragen. Ein Besiktas-Star schiebt dagegen Frust und könnte Vurals Entschuldigungskünste derzeit sehr gut gebrauchen. Alles Süper zum 30. Spieltag.

Nachwuchs: Was müssen sich Türken beim Thema Jugendarbeit im nationalen Fußball nicht alles anhören: "Haha, ihr habt keine guten Nachwuchsspieler und wollt immer die Deutschtürken abwerben, bildet doch mal eure eigenen Talente aus, haha!" Doch jetzt ist es soweit: Wir haben unser eigenes Talent. Ein Wunderkind. Ihm wird von jedem Experten eine glorreiche Zukunft vorausgesagt. Er ist die Zukunft!

Der Haken daran: er ist kein Fußballer im traditionellen Sinne, sondern... Fußballkommentator. Ganz recht. In der Türkei ist das Dasein als Kommentator ja ziemlich rockstarmäßig: man flucht im Fernsehen, beschimpft alle, die anderer Meinung sind, und ab und an wird man auch mal auf offener Straße angeschossen.

Bei einem Berufsbild mit soviel Action verwundert es also nicht, dass nun schon im Kindesalter mit dem Kommentieren angefangen wird. Und so ist Ibrahim, acht Jahre alt, seit kurzem Stammgast in einer TV-Sendung und darf nach dem Spieltag seine Meinung zum aktuellen Geschehen in der Liga äußern. Der Kleine nimmt dabei wie seine Vorbilder kein Blatt vor den Mund und teilt ziemlich aus:

Was er über Fener-Coach Aykut Kocaman denkt? "Jeder sagt zwar, dass er erfolgreich ist, aber ich halte nicht viel von ihm. Wenn ich einen Alex und Niang vorne drin hätte, könnte ich auch einfach nur sagen, geht raus und spielt Fußball, und hätte damit Erfolg." Was er von Arda Turan hält? "In einem Spiel ist er gut, im nächsten wieder nicht zu sehen." Cenk Tosun? "Lässt nach. Er hat zwar wieder zwei Tore geschossen, aber den Cenk von seiner Anfangszeit bei Gaziantepspor, den sehe ich nicht mehr."

Da haben wir es also, die Jugendarbeit in der Türkei nicht in allen fußballrelevanten Bereichen so stümperhaft. Dass ändert nun natürlich nichts daran, dass der türkische Fußballnachwuchs nicht gerade vor Starpower glänzt, aber da wird schon noch was hochkommen. Vorausgesetzt, der kleine Ibrahim vergrault den Nachwuchs nicht noch mit seinen schonungslosen Analysen.

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Das anheizende Dementi: Aufsteiger Karabükspor ist eine große Bereicherung für die Süper Lig. Neben dem sportlichen Erfolg und der einzigartigen Homepage des Vereins, deren Darstellung des Mannschaftskaders an eine Mischung aus einer Online-Singlebörse und einem Frühjahrmode-Katalog für Männer zwischen 20 und 35 erinnert, ist Emmanuel Emenike dafür der Hauptgrund. Der Nigerianer hat für den Neuntplatzierten in dieser Saison bereits 14 Tore erzielt und wird seit längerem von ganz Istanbul gejagt, aktueller Favorit auf eine Verpflichtung soll Fenerbahce sein.

Emenike war nun in einer Fernsehsendung zu Gast und wurde auf die Spekulationen angesprochen und gefragt, zu welchem der drei Großen es ihn nach Saisonende denn ziehen werde. Die Frage brachte den Stürmer etwas in Verlegenheit und für einen Moment schien er abzuwägen, für welche der beiden Optionen, die man als interviewter Fußballer in solchen Situationen hat, er sich entscheiden soll: Gerüchte dementieren oder weiter anheizen?

Irgendwann hatte Emenike dann keine Zeit mehr zu überlegen, konnte sich aber noch immer nicht für eine der Varianten entscheiden und packte deshalb einfach beide auf einmal in seine Antwort: "Ich will eigentlich nichts mehr zu dem Thema sagen...Aber ich würde auch sehr gerne nach Europa wechseln!"

Plädoyer der Woche: Wer hier ab und zu mitgelesen hat, der weiß inzwischen, wie das in der Türkei mit dem Verarbeiten von Niederlagen und Rückschlägen läuft, nämlich: der Schiri ist schuld. Immer. An allem. Yilmaz Vural von Konyaspor, Trainerkoryphäe und Abstiegsgespenst der Liga (wir berichteten), hat nach dem 1:1 gegen Besiktas wieder einmal ein Lehrbeispiel hierfür geliefert, als er seinen Abwehrmann Kamil Zayatte entlasten wollte, der den Handelfmeter zum Ausgleich verschuldet hatte:

Das sei doch niemals ein Elfmeter gewesen, sagte Vural, sein Spieler habe ihm persönlich versichert, dass er von zwei Gegenspielern in die Mangel genommen wurde und gar nicht anders konnte, als den Ball mit der Hand zu berühren. Und überhaupt: "Wir haben den doch aus England geholt!"

Ähnlich sinnlos ging es weiter: "Schaut doch nur mal seinen Gesichtsausdruck in der Szene an. Er hat die Augen geschlossen, er sieht also gar nicht, dass der Ball kommt!" Und schließlich wieder das seltsame Totschlagargument mit England: "Glaubt ihr denn wirklich, ein Spieler, der schon in England gespielt hat, macht so einen Fehler? Ich bitte euch!"

Wir notieren kopfschüttelnd und doch der vuralschen Logik folgend: Spielst du den Ball im Strafraum mit der Hand / und willst trotzdem deine Ruh' / sage einfach, du kommst aus England / und mach dabei die Augen zu.

Verstanden! Doch das war ja noch nicht alles. Nachdem Vural also minutenlang die Unschuld seines Spielers und die Schuld des Schiedsrichter dargestellt hatte, sagte er plötzlich, sich ganz locker selber widersprechend: "Der Schiedsrichter ist überhaupt nicht schuld!" Wir schütteln weiter mit dem Kopf und schmeißen dann mal die Notiz von eben weg.

Frust!Nihat Kahveci schiebt Frust. Viel Frust. Seit seiner Rückkehr in die Türkei und zu Besiktas vor zwei Jahren will es für den Ex-Zweiten der spanischen Torschützenliste einfach nicht mehr laufen. Kaum Leistung, kaum Tore, kaum Einsätze, keine Lobby, und seit langem massiv Kritik.

Und wer kennt das nicht: wenn der Frust zuviel wird, will er raus. So war es auch bei Nihat während und nach der Partie gegen Konyaspor. Kurz nach seiner Einwechslung beschwerte er sich lautstark bei Ricardo Quaresma wegen eines nicht erfolgten Anspiels, rannte auf ihn zu, bekam einen Schlag ins Gesicht und rannte wieder weg. War also nix mit dem Frustablassen.

Der zweite Versuch folgte dann nach dem Spiel. Nihat sah auf dem Weg zum Mannschaftsbus den Journalisten Turgay Demir, der das aus Nihat-Sicht ziemlich ungünstige Hobby hat, in jeder seiner Zeitungskolumnen den glücklosen Stürmer runterzumachen. Nihat beschimpfte den Lästerreporter lautstark, ging auf ihn los und landete einen ersten Schlag, wurde dann aber von den Außenstehenden unter größter Mühe davon abgehalten, sein Werk zu vollenden, und in den Bus eskortiert. Anstatt Frustablassen...altes Spiel.

Und was macht der Vorstand? Anstatt schnellstmöglich einen Boxsack zu besorgen, wird Randale-Nihat mit dem armen Mannschaftsarzt, der ihn beruhigen sollte, das nächste Opfer serviert. Wir wissen nicht, was dann im Bus geschah, Gerüchten zufolge soll der Arzt aber in etwa drei Wochen wieder einsatzfähig sein.

Der Journalist hat derweil gerichtliche Konsequenzen angekündigt und will alles dafür tun, dass Nihat nie mehr das Besiktas-Trikot tragen darf. Außerdem soll der Vorstand aufgrund des Vorfalls bereits beschlossen haben, ihn am Ende der Saison wegzuschicken. Alle gegen Nihat. Wer könnte da helfen? Unser Tipp: ruf doch mal den Vural an! Beim Telefonat am besten die Augen geschlossen halten und englisch sprechen, dann holt der dich da wieder raus. Viel Glück!

Der Spieltag in der Süper Lig

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