Fussball

Real Madrids Vinicius Junior im Clasico: Alles da - außer Tore

Von Stefan Petri
Vinicius ärgert sich über eine vergebene Chance. Zuvor hatte er Pique (v.) schwindelig gespielt.

Bei Real Madrid herrscht nach der 0:3-Heimniederlage im Rückspiel des Copa-del-Rey-Halbfinals Ernüchterung. Einer der wenigen Lichtblicke war der 18 Jahre alte Brasilianer Vinicius, der Barcas Abwehr zeitweise schwindelig spielte. Vinicius hatte sich vor dem Spiel sogar mit Lionel Messi angelegt - doch im Bernabeu zeigte sich einmal mehr, wo es beim Supertalent noch hakt.

Die brasilianischen Zeitungen waren begeistert vom Auftritt "ihres" 18-Jährigen. Vinicius Jose Paixao de Oliveira, kurz: Vinicius Jr., hatte den großen FC Barcelona vor enorme Probleme gestellt. Immer wieder war der offensive Linksaußen Gegenspieler Nelson Semedo entwischt, auch Gerard Pique sah man ob der enormen Geschwindigkeit des Dribblers seine 32 Lenze mehrfach an.

"Die große Nacht von Vinicius", schrieb Globo Esporte. "Vinicius hatte vier Chancen, das Spiel für Real Madrid zu entscheiden", sagte Folha de Sao Paulo, und sogar die spanische AS adelte den Teenager: "Vinicius steht allein. Das Glück Reals hing an ihm."

Dumm nur, dass Real Madrid nach guter erster Hälfte am Ende sang- und klanglos mit 0:3 verlor. Und der gefeierte Vinicius Jr. gerade in der ersten Halbzeit eine Reihe guter bis sehr guter Möglichkeiten vergeben hatte. Und so endeten die Schlagzeilen nicht nur mit Lob. Die große Nacht - "auch wenn ein Treffer fehlte". Vinicius hatte vier Chancen - "aber er verpasste alle". "Vinicius scheiterte am Abschluss und an Marc-Andre ter Stegen", lamentierte Lance.

Vinicius Jr. bei Real Madrid: Talent und Selbstvertrauen

Talent hat Vinicius Jr. in Massen aus seiner Heimat mitgebracht. Die Kritik, die nach seiner Verpflichtung für insgesamt 45 Millionen Euro im vergangenen Sommer laut wurde, ist längst verstummt. Superstar Gareth Bale hat er erst einmal auf die Bank verbannt. Mit 18 ist er nicht nur neuer Stammspieler bei den Königlichen, sondern nach dem Weggang von Cristiano Ronaldo sogar Hoffnungsträger.

Genügend Selbstvertrauen ist auch vorhanden. "Messi ist unglaublich, aber wir haben vor niemandem Angst", erklärte er vor dem Clasico-Rückspiel: "Wir sind bereit und haben die besten Spieler der Welt." Das übliche Verbal-Geplänkel vor einem großen Spiel, auch wenn die Zitate nach Abpfiff mit einer gehörigen Portion Schadenfreude wieder herausgekramt worden.

Gleichzeitig bewiesen die Aussagen des braven Vinicius Jr. eine Menge Chuzpe. Implizit zählte er sich ja irgendwo schon dazu: Die weltbesten Spieler spielen bei Real, und wenn er selbst Stammspieler ist, dann ...

Noch beeindruckender war, wie er seinen Worten am Mittwochabend Taten folgen ließ. Semedo hatte gegen die Haken, den blitzschnellen Antritt und die Lust am Zweikampf, kaum eine Chance, immer wieder musste Barca-Coach Ernesto Valverde einen zweiten oder sogar dritten Verteidiger in Richtung Vinicius Jr. schicken.

Es erinnerte ein wenig an die Hochzeiten Arjen Robbens, wie Rechtsfuß Vinicius immer wieder in hohem Tempo auf Semedo zulief. Ein anderer Schiedsrichter hätte ihm in Halbzeit eins womöglich auch einen Elfmeter zugesprochen, als er den hilflosen Semedo bereits hinter sich gelassen hatte und der ihm in die Hacken trat.

Vinicius Jr. im Clasico: Nervös im Abschluss

Doch je näher er an ter Stegens Kasten herankam, desto hektischer wurde der Brasilianer. Aus aussichtsreicher Position an der Strafraumgrenze weit drüber, ein paar Meter weiter vorn in Rücklage ebenfalls frei über den Kasten. Einmal rettete ter Stegen durch gutes Hinauslaufen, einen Schlenzer fälschte Semedo im letzten Augenblick ab, der Ball kullerte am langen Pfosten vorbei.

Nun hat jeder Angreifer einmal einen schlechten Tag, an dem der Ball nicht ins Tor will. Sogar einem Messi - der am Mittwoch übrigens weitestgehend blass blieb - soll das schon passiert sein.

Aber da zeigt sich eben auch, dass Vergleiche zwischen Vinicius Jr. und dem vielleicht besten Spieler aller Zeiten, wie sie in Spanien ob seiner überragenden Tempodribblings natürlich schon bemüht werden, viel zu früh kommen. Den Torinstinkt von La Pulga muss der Brasilianer nämlich erst entwickeln. 26 Pflichtspiele hat Vinicius Jr. bisher für Real absolviert, dabei 75 Torschüsse abgegeben. Die überschaubare Bilanz: drei Tore.

Kann Vinicius Jr. von Real-Legende Raul lernen?

Zum Torjäger muss er sich also erst einmal entwickeln. Dabei gibt es prominente Beispiele, an denen er sich orientieren kann. "Als Raul im gleichen Alter war, haben wir tagelang an seinem Abschluss gefeilt, mit nur einem Ziel", verriet der frühere Real-Generaldirektor und -Trainer Jorge Valdano. "Das würde ich bei Vinicius auch raten. Er wird sich verbessern, aber er muss anfangen, beim Schuss hochzuschauen."

Es wird also noch eine Weile dauern, bis Vinicius in Sachen Torabschluss in die Fußstapfen von CR7 treten kann - größere Fußstapfen kann es schließlich gar nicht geben. Seine Mitspieler zumindest hat er längst überzeugt: "Er ist spektakulär für sein Alter", betonte Casemiro.

Und selbst der Gegner zollt ihm Respekt. "Er ist ein fantastischer Spieler", lobte Barcas Jordi Alba. "Aber der Vergleich zu Messi ist kontraproduktiv für alle. Da vergleichen wir ihn mit dem besten Spieler der Welt."

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung