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BVB-Leihgabe Andre Schürrle beim FC Fulham: Schluss mit Schüüü

Andre Schürrle hat einen Leihvertrag über zwei Jahre beim FC Fulham unterschrieben.
© getty

Andre Schürrles Wechsel vom BVB zum FC Fulham gleicht einer Flucht. Einer Flucht vor dem eigenen Ruf. Der 27-Jährige kehrt nach unglücklichen Jahren in Deutschland zurück nach West-London, um dort seinen Karriereweg wieder aufzunehmen.

"Kann passieren, wenn man einen Schürrle zu Hause lässt." Es handelt sich um den Kommentar eines glühenden Borussen bei Twitter. Das frühe WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft ist freilich gemeint. Inhalt des Kommentars: Häme garniert mit noch mehr Häme.

Das Hashtag #Schüüü war bereits weit vor der WM in Russland in den sozialen Medien etabliert. Unter dem Deckmantel vermeintlicher Lobhudelei bringen BVB-Fans, aber auch Anhänger der verschiedensten Klubs in Deutschland, ihre Abneigung gegenüber dem Fußballer Schürrle zum Ausdruck.

Nicht alle Beiträge sind von Sarkasmus durchsetzt. Als das Hashtag viral wurde, war Schürrle schließlich tatsächlich einer der wichtigsten Spieler beim BVB. Seine physische Spielweise und sein Einsatz zahlten sich zu Beginn der Rückrunde nicht nur für ihn aus. Im Februar war Schürrle in sechs Pflichtspielen an fünf Treffern direkt beteiligt und damit ein großer Faktor für den zwischenzeitlichen Aufwind der Borussia in einer absolut verkorksten Saison.

Manch ein Anhänger des BVB war tatsächlich zuversichtlich mit Blick auf die bis dato unglückliche Liaison zwischen Borussia Dortmund und seinem teuersten Einkauf der Klub-Geschichte. Die Mehrzahl aber münzte die zuvor teils überharte und meist ungerechtfertigte Kritik in sarkastische Häme um.

Ohne das Hashtag #Schüüü hieß es nämlich zuvor noch ganz trocken: "Alles, was nach 2014 kam, kann man vergessen." Schürrles Ruf in Deutschland leidet seit seinem Karrierehöhepunkt, der Vorlage zu dem Tor, das die DFB-Elf erst zum blamabel gescheiterten Titelverteidiger in Russland machte.

Andre Schürrle erfährt große Wertschätzung in England

Wahrlich konnte der 30-Millionen-Euro-Mann nicht mehr an seine Form vor und während der WM in Brasilien anknüpfen. Die Frequenz solch spielentscheidender Aktionen wie im Finale, die er zu Leverkusener oder Londoner Zeiten beim FC Chelsea noch regelmäßig einstreute, nahm ab. Dieses Ausmaß an Häme hat der Flügelstürmer jedoch nicht verdient.

Schürrle ist selbstreflektiert genug, um weiter an seine Qualitäten zu glauben, doch weh tut diese Art von Kritik allemal. Nicht ohne Grund betonte Schürrle die Wertschätzung, die er in den Vertragsgesprächen mit Fulham und auch in den ersten Tagen nach seinem Wechsel von den Fans erfuhr.

"Ich wollte raus aus Deutschland", sagte er zu Sky. Nachvollziehbar. Die dreieinhalb Jahre in Wolfsburg und Dortmund verliefen alles andere als genial für Schürrle. Bei den Wölfen spielte er eine durchaus solide Saison. Die Erwartungen an ihn wie auch die gesamte Mannschaft waren jedoch deutlich höher.

Mit Schürrle war schnell ein Sündenbock gefunden. Denn auch der VfL investierte zuvor noch nie so viel Geld in einen Spieler wie in den Ludwigshafener. In Dortmund sollte beim zweitgrößten Klub Deutschlands der Neustart gelingen. Doch bereits Schürrles Ankunft beim BVB erfolgte unter schwierigen Konditionen.

BVB und Andre Schürrle: Von Beginn an schwierig

Thomas Tuchel, der bereits in Mainz mit ihm zusammengearbeitet hatte, wollte Schürrle. Die BVB-Führungsriege wollte Mario Götze. Am Ende holte die Borussia beide. Das erlaubte wohl lediglich die zu diesem Zeitpunkt bereits schlangenlinienförmige Transferpolitik des BVB, die aus dem sich immer deutlicher anbahnenden Zerwürfnis zwischen Tuchel und Zorc/Watzke resultierte. Die Trennung von Tuchel, Schürrles Förderer und Befürworter, bahnte sich bereits an.

Dennoch fasste Schürrle schnell Fuß in Dortmund. Zwei Vorlagen beim 2:1-Auftaktsieg gegen Mainz, der sehenswerte Treffer in der Champions-League-Gruppenphase gegen Real Madrid zum 2:2, als Schürrle den Ball mit links in den Winkel jagte: Alles lief nach Plan.

Nach dem Jubelrausch im Signal Iduna Park folgte jedoch der erste Rückschlag. Schürrle hatte sich in der Partie gegen die Königlichen am Knie verletzt und fiel vier Wochen aus. Es sollte nicht die letzte Verletzung sein. Insgesamt fehlte Schürrle in seinen zwei Jahren beim BVB in 35 Pflichtspielen.

Zwangspausen, von denen sich der Nationalspieler nur schwer und langsam erholte. In einer Zeit, in der der Verein genügend Probleme hatte - sowohl sportlich als auch in der Außendarstellung - war der Druck immens. Schnelle Ergebnisse mussten her.

Schürrles unermüdliche Aufopferungsbereitschaft sowie seine Teamfähigkeit waren vorbildlich. In dieser Hinsicht war er anderen Kollegen weit überlegen. Im letzten Angriffsdrittel aber, in welchem er durch seine Dynamik immer wieder für Überraschungsmomente gesorgt hatte, fehlte es Schürrle an der nötigen Leichtigkeit. Er wirkte verbissen, gar verkrampft.

Gute Leistungen wurden zwar goutiert oder wenigstens wohlwollend zur Kenntnis genommen, Trainer und Fans erwarteten jedoch mehr und das häufiger.

Andre Schürrle: Seine Leistungsdaten seit dem Wechsel zum VfL Wolfsburg

SaisonTeamSpieledavon StartelfToreAssists
2014/15 (Rückrunde)VfL Wolfsburg221313
2015/16VfL Wolfsburg4127127
2016/17Borussia Dortmund251153
2017/18Borussia Dortmund261636

Andre Schürrles Rückkehr nach London macht Sinn

Dass Schürrle nun also den Schlussstrich zieht, ist absolut verständlich. "Raus aus Deutschland", rein ins warme Nest namens West-London. Hier schien Schürrle vor vier Jahren seinen erfolgreichen Karriereweg verlassen zu haben. Als wäre er von einem Schneesturm davon abgetrieben worden.

Nach vier Jahren voller Irrungen kehrt Schürrle im Gewand des FC Fulham wohl auf diesen Weg zurück: endlich ein Anzeichen von Zivilisation. Es geht weiter. Keine Umwege mehr.

Schürrle brauchte eine Veränderung. Das steht außer Frage, zumal Lucien Favre nicht auf ihn gesetzt hätte. Die Rückkehr nach England macht Sinn. In London fühlte sich Schürrle enorm wohl. Ihm gefällt das Innenleben der Weltstadt, er genießt die wohl bestimmte Nähe zu den Fans.

Andre Schürrle beim FC Fulham: Allzweckwaffe in der Offensive

Auch Fulham ist sicherlich kein Rückschritt für Schürrle. Der Aufsteiger hat Ambitionen, jedoch keine Bringschuld wie der BVB. Schürrle wird viele Minuten bekommen. Er passt zur Spielphilosophie seines neuen Trainers, Slavisa Jokanovic.

Der Serbe spielte jahrelang in Spanien und verkörpert die fußballerischen Werte von der iberischen Halbinsel auch weiterhin an der Seitenlinie. Im 4-3-3 setzt Jokanovic auf ballbesitzorientiertes Offensivspiel mit hohem Gegenpressing. Nicht ohne Grund betitelte Cardiff-City-Coach Neil Warnock die Cottagers in der vergangenen Saison als "das Manchester City der Championship".

Schürrles physischer, intensiver und geradliniger Spielstil kann unter Jokanovic zum gewünschten Erfolg führen.

FC Fulham: Die bisherigen Neuzugänge des Aufsteigers

SpielerPositionAlterAbgebender VereinAblösesumme
Jean Michael SeriZentrales Mittelfeld26OGC Nizza30 Mio. Euro
Aleksandar MitrovicMittelstürmer23Newcastle United25 Mio. Euro
FabriTorhüter30Besiktas JK6 Mio. Euro
Maxime Le MarchandInnenverteidiger28OGC Nizza4 Mio. Euro
Andre SchürrleLinksaußen27Borussia Dortmund400.000 Euro (Leihgebühr)

Andre Schürrle bleibt wenig Eingewöhnungszeit bei Fulham

Bei seinem Debüt für Fulham, dem Finale des Duisburger Blitzturniers "Cup der Traditionen", durfte Schürrle auf der linken Außenbahn ran. Auch ein Platz auf dem rechten Flügel oder im offensiven Mittelfeld wäre jedoch denkbar.

Beim 8:9 n.E. gegen Florenz überzeugte Schürrle mit einer lebhaften Vorstellung. Er forderte immer wieder aktiv und lautstark den Ball, sprühte vor Aktionismus und Selbstbewusstsein. So schnappte er sich beim Elfmeterschießen direkt den ersten Ball und verwandelte sicher.

Vor dem Saisonstart am 11. August gegen Crystal Palace testet Fulham noch zwei Mal: gegen Sampdoria und Celta Vigo. Wenig Zeit für Integration. Doch Schürrle kennt die Insel ja schon. Er weiß auch, dass die englische Sprache keine Umlaute nutzt. Mit Schüüü-Häme ist also in jeder Hinsicht Schluss.

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