Fussball

Als der FC Watford 1984 letztmals im FA-Cup-Finale stand: Angriff der bälledreschenden Mathematiker

Der FC Watford im Sommer 1982: Elton John sitzt am Steuer, die Mannschaft fährt mit.

Der FC Watford steht zum zweiten Mal in seiner Vereinsgeschichte im FA-Cup-Finale - am Samstag geht es gegen Manchester City (18 Uhr live auf DAZN und im LIVETICKER). Bei der ersten Finalteilnahme 1984 durchlebte der Verein gerade seine spannendste Zeit. Trainer Graham Taylor führte Watford unter Präsident Elton John innerhalb von sechs Jahren von der vierten Liga bis nach Europa. Er schwor auf zwischenmenschliche Geschlossenheit und feinsten Kick'n'Rush, der auf pseudo-mathematischen Berechnungen beruhte.

Sie hatten es tatsächlich geschafft. Sie, das waren Präsident Elton John und Trainer Graham Taylor. Dieser fußballverrückte Musiker und dieser Trainer-Novize hatten den FC Watford innerhalb von nur sechs Jahren tatsächlich von einem unbedeutenden Viertligisten zu einem Spitzenklub der ersten Liga gemacht. Zu so einem Klub, der mal eben nach China eingeladen wird, um dort die Massen zu begeistern.

Und dann kam Watford im Sommer 1983 eben nach China und begeisterte die Massen. Vor 80.000 Chinesen besiegten die Hornets die lokale Nationalmannschaft mit 3:1 und dann wurde gefeiert. Weniger der Sieg über die Chinesen - klar, es war immerhin ein Nationalteam, aber immer noch das chinesische - nein, nicht der Sieg an sich wurde gefeiert, sondern vielmehr der sagenhafte Aufstieg des FC Watford, dieses erstaunlichen Klubs aus dieser wenig erstaunlichen Kleinstadt im Nordwesten Londons. Knapp 80.000 Leute wohnten damals in Watford, unter anderem natürlich auch Rita, Grahams Ehefrau.

Und sie war es auch, die dem ganzen Gefeiere schließlich ein Ende setzte, so erzählt man es sich zumindest. Elton John und Taylor feierten also in China und wohl auch noch im Flugzeug und torkelten irgendwann aus dem Taxi in den Vorgarten von Taylors Haus in Watford. Das an sich wäre wohl schon laut genug gewesen, aber um sicher zu gehen, sang das musikalisch lediglich zur Hälfte begabte Duo auch noch Weihnachtslieder. Rita wachte der Legende nach jedenfalls auf und holte Ehemann und Vereinspräsidenten ins Haus.

Watfords unfassbare Reise begann 1976

Die beiden schliefen dann wohl gemeinsam ihren Rausch aus, wie sie schon so vieles gemeinsam getan hatten. Die unfassbare Reise begann 1976, Elton John hatte gerade den FC Watford gekauft. Seinen FC Watford, den Klub, den er von klein auf unterstützte und dem er nun, als er jemand war, etwas zurückgeben wollte. Die finanziellen Ressourcen konnte er selbst geben, den fachlichen Input aber nicht. Dafür holte sich das musikalische Naturtalent sein Fußballer trainierendes Gegenstück.

21 war Taylor, als er seinen ersten Trainerkurs abschloss, 27 als er seinen FA-Trainerschein machte. Jünger tat das bis dahin keiner. Als er ein Jahr später verletzungsbedingt seine wenig ruhmreiche aktive Karriere beenden musste, wurde er Trainer des FC Lincoln. Klar, der jüngste im englischen Ligensystem. Während Elton John Nummer-eins-Hits sang, sammelte Taylor Erfahrungen im Trainerberuf.

1977 war Taylor 32 und der Erstligist West Bromwich Albion an seinen Diensten interessiert, doch Taylor gab sie dem Viertligisten FC Watford. Elton John hatte ihn überredet. Der Musiker hatte von der ersten Liga fabuliert und auch von europäischen Nächten. Taylor hatte eigentlich nicht wirklich geglaubt, was er hörte, aber er war schon irgendwie gefesselt von dem Projekt.

Denn auch das Niemandsland des Ligensystems hat seine Reize und Vorteile, das wusste auch Taylors künftiger Stürmer Luther Blissett: "Wenn du ganz unten bist, hast du mehr Anlauf für den Sprung nach oben." Also Anlauf. Und los. Aufstieg in die dritte Liga, 1978. Aufstieg in die zweite Liga, 1979. Immer weiter. Aufstieg in die erste Liga, 1982. Zweiter Platz in der ersten Liga, 1983. Europäischer Fußball und FA-Cup-Finale, 1984.

Immer gegen die ganze Stadt

Es war ein Siegeszug, der seinesgleichen suchte und einer, der auf klaren Prinzipien basierte. Fußballerischen und zwischenmenschlichen. Taylor hatte Ideen, wofür sein Verein stehen sollte und wie seine Mannschaft spielen sollte, und diese Ideen setzte er auch um. Allen Widerständen zum Trotz.

"Unsere Gegner denken bei Spielen an der Vicarage Road immer, sie haben es mit der ganzen Stadt zu tun", sagte Taylor mal stolz und fühlte sich sicherlich auch ein kleines bisschen bestätigt. Er sah es von Beginn an als seine Aufgabe an, Klub und Stadt zu einen und ein großes Miteinander zu schaffen.

Ausgehen musste das natürlich vom Klub selbst. Vom Präsidenten, dem Trainer und den Spielern. Die kickenden Angestellten besuchten Schulen, Krankenhäuser, Restaurants und Pubs in Watford. Lange Anreisen hatten sie dafür ohnehin nicht: Die Spieler durften höchstens 30 Meilen vom Stadion an der Vicarage Road entfernt wohnen. Örtliche Nähe schuf zwischenmenschliche.

Taylor selbst liebte es, sich auf den Straßen mit den Fans zu unterhalten und auch Elton John war bei so gut wie jedem Heimspiel im Stadion. Der Verein richtete eine Familien-Tribüne ein und zu Ostern wurden für die Kinder kleine Überraschungen auf den Tribünen versteckt. "Der Fußball braucht seine Wurzeln und einen engen Bund mit den Fans", sagte Taylor. In Watford wurde dieser Bund gelebt.

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung