Saido Berahinos bewegende Geschichte: Kriegsflüchtling, Sturmhoffnung, Totalabsturz, Burundi-Kapitän

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Ein positiver Drogentest, ein Abstieg und drei Vaterschaften

Im folgenden September fiel Berahino durch einen Drogentest, ihm wurde der Gebrauch von MDMA nachgewiesen - doch davon erfuhr zunächst keiner etwas. Die FA sperrte ihn zwar für acht Wochen, doch Klub und Verband hielten die Strafe unter Verschluss, um den Spieler zu schützen. Mit der Begründung, er hätte Fitness- und Gewichtsprobleme, absolvierte Berahino Einzeltraining. "Ich war depressiv", sagte er später der BBC. "Ich bin jedem Morgen zum Trainingsgelände gegangen und wollte eigentlich nicht dort sein."

Im Winter verließ er seinen Jugendverein schließlich, wechselte für 15 Millionen Euro zu Stoke City und unterschrieb einen Vertrag über fünfeinhalb Jahre. Ein Neustart? Rund eine Woche nach dem Transfer enthüllte die Daily Mail die Drogensperre vom vorangegangenen Herbst. Stoke-Trainer Mark Hughes bestätigte, vor dem Transfer davon gewusst zu haben. Doch er vertraue Berahino.

Bald stellte sich Berahino selbst und sprach erstmals über den Vorfall. Er habe MDMA nicht bewusst genommen, sagte er der BBC. Jemand müsse es bei einer Party in sein Getränk gemischt haben. "Ich kann mir bis heute nicht erklären, wer mir so etwas antun könnte", klagte er. In der Rückrunde erzielte er kein einziges Tor mehr und in der gesamten folgenden Saison auch nicht.

Stoke geriet in den Abstiegskampf und Berahino wurden wegen disziplinarischer Verfehlungen in der entscheidenden Saisonphase zur Reservemannschaft verbannt. Sein Verein stieg ab und nach Saisonende wurde Berahino angeblich innerhalb von neun Wochen Vatern von drei Kindern, von drei verschiedenen Frauen.

Am 1. Februar 2017 feierte Berahino sein Debüt für Stoke City - er wurde gegen den FC Everton eingewechselt.
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Am 1. Februar 2017 feierte Berahino sein Debüt für Stoke City - er wurde gegen den FC Everton eingewechselt.

Aufflackern von Hoffnung - doch er machte es wieder

Stokes neuer Trainer Gary Rowett begnadigte ihn, holte ihn zurück zur Profimannschaft. Dann kam der 28. August 2018: in einem League-Cup-Spiel bei Huddersfield Town traf Berahino wieder. Knapp zweieinhalb Jahre nach seinem bis dahin letzten Pflichtspieltor. 913 Tage! "Er ist einer unserer besten Spieler und sein Arbeitseifer ist exzellent", lobte Rowett und erzählte von seinem ersten Arbeitstag in Stoke. Berahino sei damals auf ihn zugekommen. "Er meinte, dass er an vielen Vorfällen selbst schuld gewesen sei. Diese Einsicht ist der wichtigste Schritt für jemanden, der Fehler gemacht hat und neu durchstarten will." Bald traf Berahino auch wieder in der Liga.

Es wirkte wie die finale Kehrtwende, doch es war das Gegenteil. Tatsächlich war es das letzte Aufflackern von Hoffnung. Im Februar 2019 machte er es wieder. Wieder fuhr er betrunken, wieder wurde er erwischt. Doch war er wirklich der Täter? Berahino wurde in betrunkenem Zustand ausgeraubt - um zu flüchten, nahm er sein Auto. "Ich hatte Angst", sagte er vor Gericht, "und musste vom Ort des Geschehens wegfahren. Sie hatten ein Messer und auch eine Pistole."

Als ihn die Polizei kurz darauf aufhielt, soll Berahino den Überfall zunächst verschwiegen haben. Später bewiesen Überwachungskamera-Videos den Hergang. Laut dem Gericht war die Bedrohung jedoch nicht lebensgefährlich. Es sei nicht nötig gewesen, für die Flucht das Auto zu nehmen. Außerdem hätte auch seine nüchterne Freundin fahren können, die das Auto kurz zuvor noch gesteuert hatte. Das Gericht entzog Berahino für 30 Monate den Führerschein und belegte ihn mit einer Geldstrafe in Höhe von rund 85.000 Euro. Stoke suspendierte ihn, stoppte die Gehaltszahlungen und kündigte an, seinen Vertrag aufzulösen.

Stoke City suspendierte Berahino nach seiner Alkoholfahrt im Frühjahr, stoppte die Gehaltszahlungen und kündigte an, seinen Vertrag aufzulösen.
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Stoke City suspendierte Berahino nach seiner Alkoholfahrt im Frühjahr, stoppte die Gehaltszahlungen und kündigte an, seinen Vertrag aufzulösen.

Zurück in Afrika, wo er vor 15 Jahren alleine ins Flugzeug stieg

Berahino hatte seine wohl letzte Chance in England vergeben. 25 Jahre ist er mittlerweile alt und ganz unten angekommen. Was aus ihm wird, weiß keiner. Wohl schon gar nicht er selbst. Ende Mai soll Fenerbahce Interesse an einer Verpflichtung gezeigt haben, offiziell verkündet wurde ein Transfer jedoch nicht.

Nun ist Berahino erst mal zurück in Afrika. Dort, wo er einst mit einem aus Plastiksäcken zusammengeschusterten Fußball gespielt hatte, wo er geträumt hatte und vor 15 Jahren alleine ins Flugzeug gestiegen ist. Er ist jetzt Kapitän seines Heimatlandes Burundi.

Im vergangenen Herbst wurde er erstmals ins Nationalteam berufen. Möglich war das, weil er bei seiner einzigen Nominierung für England nicht eingesetzt worden war. Berahinos erste Partie für Burundi war ein Afrika-Cup-Qualifikationsspiel gegen Gabun und er erzielte direkt ein Tor. Nach vier weiteren Spielen war die erstmalige Qualifikation des Landes für das kontinentale Turnier perfekt.

Dort trifft Burundi auf Nigeria, Madagaskar und Guinea. "Viele von unseren Jungs werden im Laufe ihrer Karriere kein größeres Turnier mehr spielen als dieses", sagte Berahino neulich. "Und womöglich auch ich nicht."