Fussball

Wie sechs Deutsche beim Asien Cup mit den Philippinen Geschichte schreiben

Von Robin Haack
Stephan Schröck ist Kapitän der philippinischen Nationalmannschaft.

Sechs gebürtige Deutsche sorgen beim Asien Cup als philippinische Nationalspieler für Furore. Eine verrückte Geschichte, die ihren Ursprung bei Football Manager hat.

Stephan Schröck auf dem linken Flügel, John-Patrick Strauß und Kevin Ingresso im Zentrum, Patrick Reichelt im Sturm - was für die meisten wohl eher nach der Aufstellung eines deutschen Zweitligisten klingt, ist tatsächlich die Achse der Nationalmannschaft. Der philippinischen Nationalmannschaft.

Mit exakt dieser Formation trat der 105-Millionen-Einwohner-Staat angeführt von Kapitän Schröck am vergangenen Freitag im Asien Cup gegen China an und hoffte darauf, die jüngste Erfolgsgeschichte der Azkals weiterschreiben zu können.

Nie zuvor für ein großes Turnier qualifiziert, sind es nun ausgerechnet sechs Deutsche, die als Hoffnungsträger der Asiaten dienen sollen. "Bei uns ist nichts normal", versichert Schröck im Gespräch mit SPOX und Goal. Eine These, die sich mit einem Blick auf den 23-Mann-Kader für den Asien Cup bestätigen lässt. Nur vier Nationalspieler sind auf den Philippinen geboren. Insgesamt umfasst das Multikulti-Team zwölf verschiedene Herkunftsländer.

Zwei Chelsea-Jugendspieler als Pioniere

Dass all diese Fußballer, die über die komplette Erdkugel verteilt aufgewachsen sind, die Filipinos dennoch beim Asien Cup vertreten, ist jedoch weniger ungewöhnlich als die Geschichte, die hinter der speziellen Kaderzusammensetzung steckt. Ihren Ursprung hat diese nämlich im Videospiel Football Manager.

Dort stachen im Jahr 2005 zwei Brüder aus der Jugendabteilung des FC Chelsea hervor. Sowohl Phil (damals 18) als auch James Younghusbad (damals 19) kickten für die Reserve der Blues und entpuppten sich bei Football Manager als große Talente. Das Besondere an ihnen war jedoch nicht ihr Talent, sondern ihre Nationalität, denn sie wurden im Spiel als Filipinos geführt. Eine Tatsache, die sich bis auf den asiatischen Inselstaat herumgesprochen hat und Funktionäre des dortigen Fußballverbands dazu brachte, Kontakt zum Bruderpaar aus Ashford aufzunehmen.

Begeistert von der Idee, die Heimat ihrer Mutter auf der großen Bühne zu präsentieren, nahmen die gebürtigen Engländer die Einladung des Verbandes an. Nach einigen Einsätzen in der U23 feierten beide im Jahr 2006 ihr Debüt für die Azkals und auf den Philippinen stellte man schnell fest: Diese Jungs können besser kicken als die einheimischen Fußballer.

Filipinos wollen den Fußball nach vorn bringen

"Die Funktionäre wollten den Fußball schon damals nach vorn bringen und wussten, dass die Spieler in Europa eine deutlich bessere Ausbildung genossen haben als jemand, der in Manila geboren ist", erklärt Schröck. "Warum sollte man sich da nicht in Europa nach Halb-Filipinos umschauen?"

In Deutschland übernahm Alfons Schunk diese Aufgabe. Durch seinen Job als Außendienstler bei verschiedenen Süßwarenfirmen war er regelmäßig in Asien unterwegs und organisierte dort unter anderem die Bandenwerbungen für die Asienmeisterschaften. Nachdem er eine Filipina geheiratet hatte, lernte er über Umwege den Präsidenten der Azkals kennen und machte es sich zur Aufgabe, die Nationalmannschaft zu fördern - in Form von Scoutingarbeit in seiner deutschen Heimat.

So veranstaltete er ein Trainingslager in Deutschland, zu dem er rund 20 Spieler von der Bayernliga bis zur Bundesliga einlud. "Kevin Ingresso, Mike Ott, Patrick Reichelt, ich und einige andere haben es damals in die engere Auswahl geschafft", erinnert sich der inzwischen 32-jährige Schröck, der damals für Greuther Früth in der 2. Bundesliga auflief. "Im Endeffekt war ich nach Manuel Ott der Zweite, der schließlich sein Debüt feiern durfte."

Schröck und Co. auf den Philippinen plötzlich "Popstars"

Während Schröck als ehemaliger DFB-Juniorennationalspieler und Bundesligaakteur in Deutschland bereits bekannt war, kann man dies von Reichelt, Ingresso und den Ott-Brüdern nicht gerade behaupten. Als sie für die Azkals debütierten, standen sie bei der TSG Neustrelitz, dem 1. FC Nürnberg II, dem FC Ingolstadt II beziehungsweise dem VfR Neumünster unter Vertrag. "Für uns ist es natürlich eine super Sache, dass wir so viele deutschsprachige Spieler im Team haben", findet Schröck.

Neben einem fremden Land und einer neuen Kultur mussten sich die Deutsch-Filipinos zum Zeitpunkt ihrer Debüts jedoch auch an den Hype gewöhnen, der im Land rund um die Nationalmannschaft herrschte. "Als ich 2011 zum ersten Mal dabei war, waren wir Nationalspieler wie Popstars" erinnert sich Schröck. "Egal wo wir waren, wir wurden von Fans belagert."

In einem 105-Millionen-Einwohner-Staat, in dem das monatliche Durchschnittseinkommen weniger als 200 Euro beträgt, war ein gefallenes Top-Talent wie der gebürtige Schweinfurter plötzlich ein Star. "Es war unbeschreiblich. Als wir als Team einmal im Starbucks waren, mussten wir den Notausgang nehmen, damit wir den Laden irgendwie wieder verlassen konnten."

Politische Verhältnisse mit Auswirkungen auf den Fußball

Zu dieser Zeit waren die Spiele der Azkals ausverkauft "und es standen noch Tausende Fans ohne Ticket vor dem Stadion", berichtet Schröck. Doch nur wenige Monate später sah die Fußballwelt in Südostasien anders aus. "Ich weiß nicht, woran es lag. Nachdem ich rund sechs Monate ausgefallen bin, interessierte die Nationalmannschaft plötzlich niemanden mehr. Statt 20.000 Zuschauer kamen sechs Monate später nur noch 150 Zuschauer zu unseren Spielen."

Die genauen Gründe für diese seltsame Entwicklung kennen die Spieler selbst nicht. "Die politischen Verhältnisse im Land sind schwierig", erklärt der Nationalspieler, ohne jedoch weiter ins Detail gehen zu wollen. "Die Ticketpreise wurden massiv angehoben und die mediale Vermarktung wurde über Nacht komplett eingestellt."

Erst mit dem Südostasien Cup Ende 2018 kam die Medienpräsenz der Nationalmannschaft zurück. Das Erreichen des Halbfinals und die damit verbundene erstmalige Qualifikation für den Asien Cup löste erneut Begeisterung für den Fußball aus. Wo die 23 Nationalspieler tatsächlich geboren sind, war den Fans in erster Linie egal, solange sie das weiß-blaue Trikot mit Stolz tragen.

"Mischblüter"? Multikulti-Nationalelf sorgt für Kritik

Doch nicht überall wurde diese Multikulti-Nationalmannschaft so locker gesehen wie auf den Philippinen selbst. Vor allem ein Spiel gegen Indonesien in der Gruppenphase des Südostasien Cups sorgte für reichlich Gesprächsstoff, nachdem der Trainer der Indonesier den Filipinos Wettbewerbsverzerrung vorgeworfen hatte. "Er hat sich beschwert und gesagt, dass wir Mischblüter physische Vorteile hätten. Er ist davon ausgegangen, dass wir alle nur eingebürgert sind", erklärt Schröck. "Doch ich finde, man sollte niemanden aufgrund seines ethnischen Hintergrundes beurteilen."

Natürlich sind Schröck, Ott, Reichelt und Co. nicht auf den Philippinen geboren und aufgewachsen, doch allesamt haben ein Elternteil, das von den Philippinen stammt. "Hier ist es nicht möglich, jemand Fremdes einzubürgern. Entweder man hat Filipino-Blut oder nicht. Wir sind weder Mischblüter noch eingebürgert, sondern Filipinos und so würden wir gerne auch genannt werden", macht der Kapitän der Nationalmannschaft klar.

Aussagen wie diese zeigen den Stolz, den Schröck und seine Landsleute verspüren - unabhängig davon, wo sie geboren sind. Denn inzwischen spielen die sechs Deutsch-Filipinos nicht nur für die Nationalmannschaft, sondern leben auch alle auf der philippinischen Insel Negros und verdienen als Profis beim Serienmeister Ceres Negros in Bacolod City ihr Geld.

Mit Eriksson: Hoffen auf das Fußballwunder

Den gleichen Stolz fühlen auch die Fußballfans im 105-Millionen-Einwohner-Staat, wenn sie ihre Akzals beim Asien Cup gegen die großen asiatischen Fußballmächte auf dem Rasen sehen. Trotz der beiden Niederlagen zum Auftakt gegen Titelfavorit Südkorea (0:1) und China (0:3) hoffen die Filipinos noch als einer der besten vier Gruppendritten in die Runde der letzten acht einzuziehen.

Mit Blick auf die Mini-Vorbereitung von nur rund einer Woche auf das größte Turnier der Verbandsgeschichte wäre ein Erreichen der K.o.-Runde ein kleines Fußballwunder. Neben den vielen Halb-Filipinos beruhen die Hoffnungen dabei vor allem auf Trainer Sven-Göran Eriksson. Die schwedische Trainer-Ikone wurde kurz vor dem Turnier verpflichtet und ist bereits der fünfte Trainer innerhalb der vergangenen zwölf Monate.

"Was ist bei uns schon gewöhnlich?", fragt Schröck mit Blick auf den hohen Trainerverschleiß und die plötzliche Zusammenarbeit mir Eriksson. "Mit ihm haben wir einen Namen bekommen, den jeder auf der ganzen Welt kennt. Mit seiner Erfahrung kann er uns speziell bei einem großen Turnier sehr helfen - auch außerhalb des Platzes."

Mit Blick auf die vielleicht wundersamste Nationalmannschaft der Fußballwelt scheint in dieser Konstellation nichts mehr unmöglich - selbst ein Weiterkommen nach zwei Niederlagen zum Auftakt der Gruppenphase nicht. Und womöglich ist es sogar die Achse der deutsch-philippinischen "Mischblüter", die in der entscheidenden Partie gegen Kirgisistan zum Zünglein an der Waage wird.

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